Berlin ARD Plus: Was der Nostalgie-Streamer bietet – und was nicht
Mit der App ARD Plus setzt der öffentlich-rechtliche Sender Streamern wie Netflix ein Nostalgie-Programm entgegen. Was läuft und was noch nicht?
Mit dem Streamingdienst ARD Plus setzt der öffentlich-rechtliche Sender Amazon Prime und Netflix ein eigenes Angebot entgegen. Versammelt wird hier die Programmgeschichte aus sieben Jahrzehnten. Aber – warum braucht es neben der ARD-Mediathek überhaupt noch ein kostenpflichtiges Angebot? Was spricht gegen eine gemeinsame App mit dem ZDF? Und ist die Verkehrssendung „Der 7. Sinn“ zu sexistisch für heutige Zuschauer? Über diese Fragen diskutieren wir mit Ingo Vandré und Michael Loeb, den Geschäftsführern hinter dem neuen Angebot.
Frage: Herr Loeb, Herr Vandré, als ARD Plus vor einigen Monaten auf den Markt kam, wurde vielfach gefragt: Warum soll ich für Inhalte zahlen, die ich schon mit meinem Rundfunkbeitrag finanziert habe? Was antworten Sie?
Antwort: Loeb: Der Beitragszahler zahlt nicht doppelt. Mit dem Beitrag werden Fernseh-, Hörfunk und Online-Programme der Sender finanziert, bei ARD Plus hingegen handelt es sich um ein zusätzliches, freiwilliges, kommerzielles Angebot. Es fängt dort an, wo die ARD Inhalte nicht länger anbieten kann, da sie in der ARD-Mediathek nur befristet angeboten werden dürfen. Die Telemedienkonzepte schreiben festgelegte Verweildauern vor.
Antwort: Außerdem werden die Rechte schon von den Produzenten nur für eine bestimmte Zeit erworben. Danach könnten die Produktionen zum Beispiel an Netflix lizenziert werden. Unser Wunsch ist, ARD-Formate auch weiter unter unserer Marke zu präsentieren. Das ist nicht mehr Teil des öffentlich-rechtlichen Auftrags und daher nicht gebührenfinanziert. Das Geld muss erwirtschaftet werden – daher auch die Finanzierung über das Abo-Modell. Im Grunde läuft es ähnlich wie beim Verkauf einer DVD: Mit dem Angebot ARD Plus entstehen wiederum Kosten, Rechte sind zu erwerben, Produzenten und Urheber sind für zusätzliche Nutzungen zu vergüten.
Frage: Auf meinem Handy habe ich schon die kostenlose ARD-Mediathek. Muss ich die Verfügbarkeit meiner Lieblingsserie jetzt immer zweimal überprüfen? Erst in der ARD-Mediathek und dann bei ARD Plus?
Antwort: Loeb: In Zukunft wird es Verweise aus der ARD-Mediathek zu ARD Plus geben. Das ist rechtlich möglich. Seit einigen Jahren ist es erlaubt, dass die ARD-Mediathek auf kommerzielle Angebote von Tochterfirmen verweist. Eine gemeinsame Suchmaske gibt es leider nicht; allerdings bieten Plattformen wie der Amazon Fire Stick oder Magenta das von sich aus an. Wenn Sie da einen bestimmten „Tatort“ suchen, werden Sie zu den verfügbaren Angeboten geführt. Demnächst sollen unsere Inhalte dann auch über spezielle Streaming-Suchmaschinen gefunden werden.
Frage: Warum gibt es kein gemeinsames Angebot mit dem ZDF?
Antwort: Loeb: Vor gut zehn Jahren waren wir auf ZDF Studios und Produzenten zugegangen, um das kollektive Gedächtnis des gesamten deutschen Fernsehens zu vereinen – auf einer gemeinsamen Plattform, mit einem Geschäftsmodell. Kurz bevor wir damit live gehen wollten, hat das Kartellamt uns so hohe Hürden auferlegt, dass das Projekt nicht mehr zu realisieren war.
Frage: „ARD Plus“ ist als Name so nüchtern und bürokratisch, wie es zur Marke passt. Welche kreativeren Ideen haben Sie verworfen?
Antwort: Vandré: Wir hatten nur zwei Namen in die engere Wahl gezogen: ARD plus und ARD select. Als das ZDF den Amazon-Prime-Kanal ZDF select gegründet hat, war uns die Entscheidung abgenommen.
Antwort: Loeb: Das gemeinsame Angebot mit dem ZDF hatte den Arbeitstitel „Germany‘s Gold“. Ohne den Partner verbietet sich das jetzt natürlich.
Frage: An wen richtet sich Ihr Angebot?
Antwort: Loeb: Unsere erste Zielgruppe sind die älteren Streamer. Das sind in Deutschland 21 Millionen Menschen über 50 Jahren und noch mal gut 20 Millionen über 65. Von dieser Zielgruppe nutzt bislang nur ein kleiner Prozentanteil Streaming-Angebote. Das ist ein riesiges Potenzial. Unsere zweite Zielgruppe sind Familien mit Kindern.
Frage: Wobei Kinder auch jetzt schon mehr öffentlich-rechtliche Apps haben, als man gucken kann: Maus, Elefant, Sesamstraße, Sandmännchen, Kika, Kikaninchen ... Und alle haben den Vorteil, dass man das Kinderprogramm da nicht zwischen den „Tatort“-Leichen sucht.
Antwort: Loeb: Bei ARD Plus haben wir deshalb einen passwortgeschützten Kinderbereich, sodass Kinder nur geeignete Inhalte sehen.
Frage: Was bieten Sie Ihren erwachsenen Nutzern an?
Antwort: Loeb: Menschen jenseits der 50 suchen Sendungen, die sie von früher aus dem Fernsehen kennen: „Ein Herz und eine Seele“, „Dittsche“, „Die Anrheiner“, „Klimbim“. Darauf fokussieren wir uns bei ARD plus: Nicht auf neue Inhalte, sondern auf alte, nicht mehr verfügbare. Und wir arbeiten ständig daran, noch mehr bekannte Klassiker in unseren Katalog zu holen. Im Kinderbereich ist jetzt schon alles verfügbar; aber bei den Erwachsenen gibt es noch Lücken.
Frage: Sie versprechen „70 Jahre Fernsehgeschichte“ …
Antwort: Loeb: Vorsicht, wir versprechen nur „das Beste aus 70 Jahren Fernsehgeschichte“, aber nicht alles.
Frage: Eine der allerbesten Sendungen war „Die aktuelle Schaubude“ mit Carlo von Tiedemann. Die ist noch nicht verfügbar.
Antwort: Vandré: Ein guter Hinweis. Die ARD hat so viele gute Formate, da werden wir dranbleiben.
Frage: Es fällt auf, dass bislang fast nur Fiction und ein bisschen Dokumentarisches im Katalog ist. Was ist mit der TV-Geschichte der Shows?
Antwort: Loeb: Unser Schwerpunkt liegt auf dem Fiktionalen. Bei Dokumentationen sind wir gerade im Ausbau; da wird noch deutlich mehr kommen. Bei Shows haben wir das Problem, dass nicht alle Rechte vorliegen. Hier geht es nicht nur um das Format, sondern auch um die einzelnen Rechte der Protagonisten. Wenn Tony Marshall beim „Blauen Bock“ gesungen hat, liegen die Rechte dafür bei der Plattenfirma.
Frage: Welche Formate fehlen Ihnen selbst noch im Angebot? Was kaufen Sie als Nächstes?
Antwort: Vandré: „In aller Freundschaft“, „Sturm der Liebe“, „Rote Rosen“.
Antwort: Loeb: Das sind Programme, die man kommerziell nicht mehr gut vermarkten kann. Wenn Sie 4000 Folgen von „Marienhof“ digitalisieren, sind Investitionen nötig, die man am freien Markt nicht erwirtschaften kann. Das sind Programmschätze, die noch nicht gehoben wurden.
Frage: Die Kosten kommen also nicht nur aus dem Lizenzgeschäft, sondern auch aus dem technischen Prozess? Kann die Technik sogar teurer sein als die Lizenz?
Antwort: Vandré: Das ist nicht ausgeschlossen. Die Höhe der Lizenzgebühr ergibt sich immer aus der Vermarktbarkeit, die der Aufbereitung sind fix. Es gibt Formate, deren Rechteinhaber wenig bis gar kein Geld für die Lizenz verlangen und uns dankbar sind, wenn wir sie verfügbar machen und die Kosten für die Aufbereitung tragen.
Antwort: Loeb: Gerade läuft alles parallel: Wir verhandeln mit den Rechtegebern, Produzenten und Erben. Wir besorgen Master und lassen sie aufbereiten. Das sind hohe Investitionen, die wir nach und nach mit unserem Budget decken.
Frage: Rechnen Sie eher mit Nutzern, die das historische ARD-Fernsehen in seiner Breite sehen wollen? Oder bauen Sie auf Fans, die früher DVD gekauft hätten und jetzt halt ein Jahr lang die App abonnieren?
Antwort: Loeb: Wir setzen auf jeden Fall auf Formate, die eine große Fanbase haben oder hatten. Auf DVD sind viele Formate entweder nie verfügbar gewesen oder sie sind es nicht mehr. Selbst wenn ein Fan nur für eine einzige Serie ein Abo abschließt, haben wir ihn erstmal eine ganze Weile. Und vielleicht sieht er sich auch gern einen „Tatort“ an oder „Familie Heinz Becker“ und bleibt uns treu.
Frage: Nostalgiker können bei Ihnen zwar alte Formate suchen – eine gezielte Zeitreise, etwa zum TV-Programm am Tag meiner Geburt, wird aber nicht möglich sein, richtig?
Antwort: Loeb: Kommerziell ist das nicht herstellbar, weil es zu aufwändig und gleichzeitig zu nischig ist. Als wir vor zehn Jahren das gemeinsame Angebot mit dem ZDF geplant hatten, war etwas in der Art vorgesehen: ein Zeitstrahl, über den man auf ausgewählte Programme bestimmter Jahre zugreifen konnte. Das könnten wir uns auch für ARD Plus noch vorstellen.
Antwort: Vandré: Natürlich sind historische Formate nicht ohne Risiko. Wie toll wäre es, alle Folgen vom „7. Sinn“ in die App aufzunehmen! Aber das können Sie heute nicht mehr unkommentiert zeigen. Vieles, was damals ernst gemeint war, fühlt sich heute wie Comedy an.
Antwort: Loeb: Selbst bei „Ein Herz und eine Seele“ gibt es solche Szenen. Bei einigen Folgen haben wir ernsthaft überlegt, ob wir das überhaupt noch anbieten wollen. Wir zeigen die Zeitgeschichte; aber im Zweifel setzen wir eine Texttafel davor, in der wir von den historischen Inhalten Abstand nehmen.
Frage: Noch etwas, das bei Ihnen fehlt, ist Günter Pfitzmanns „Praxis Bülowbogen“. Wenn man die Serie sucht, schlägt die App Alternativen vor – allerdings nicht den verfügbaren Pfitzmann-Klassiker „Drei Damen vom Grill“, sondern die Doku „Afghanistan – verwundetes Land“. Haben Sie ein Metadaten-Problem?
Antwort: Vandré: Wir arbeiten an unseren Algorithmen. Die sogenannten Recommendation Engines – die Vorschlagsroutinen also –, müssen erst warmlaufen. Sie brauchen eine kritische Masse an Suchanfragen, bevor die Systeme daraus lernen können. Das Problem haben andere Anbieter auch.
Frage: Welche Anforderungen geben Sie Ihren Programmierern für den Algorithmus mit?
Antwort: Loeb: Die Anforderungen geben wir gar keinen Programmierern, sondern Redakteuren. Wir setzen sehr auf Handkuratierung. Das können saisonale Geschichten wie Weihnachtsfilme sein, Specials, preisgekrönte Formate. Das alles erarbeiten wir in Redaktionssitzungen, in denen wir uns über sinnvolle Rubriken den Kopf zerbrechen. Die Kuratierung wollen wir nicht dem System überlassen.
Frage: Eine Ihrer Rubriken lautet: Filme unter 90 Minuten. Da kann ich mich dann zwischen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und „Zeit der Kannibalen“ entscheiden. Haben Sie wirklich Nutzer, denen völlig egal ist, was sie gucken – Hauptsache, es geht schnell wieder vorbei?
Antwort: Loeb: Es gibt bei Streamern das etablierte Schema „snackable content“, also schnell verdauliche Inhalte. Das passt vielleicht noch nicht auf die Unter-90-Minuten-Kategorie, aber auch dafür gibt es eine Anwendung: Streaming-Systeme von Airlines sagen Ihnen, welche Filme sie wählen können, damit sie vor der Landung fertig sind. Ob es für uns taugt, werden wir sehen. Wir probieren viel aus.
Frage: „Tatort“-Folgen stehen bei Ihnen nicht nur unter Krimi, sondern auch unter Drama. Wird es am Ende doch vor allem eine „Tatort“-App?
Antwort: Loeb: In den Top 20 unserer Filme sind sicherlich gut die Hälfte „Tatort“-Folgen; dazu kommen die Kinofilme. Klar, der „Tatort“ ist die größte TV-Marke. Bei unseren Auswertungen machen wir eine mit und eine ohne „Tatort“, damit nicht alles verfälscht wird.
Antwort: Vandré: Dass der „Tatort“ in vielen Rubriken vorkommt, hat Gründe: Der Münster-„Tatort“ läuft natürlich auch unter Komik, andere setzen sich eher mit gesellschaftsrelevanten Themen auseinander. Das ist sowieso eine ganz, ganz wichtige Funktion der Reihe. Der „Tatort“ ist in Deutschland ein wesentlicher Faktor der Meinungsbildung. Das sage ich allen, die die Öffentlich-Rechtlichen auf Information reduzieren möchten. Nachrichten gucken nicht alle. Aber alle gucken Unterhaltung. Ein Großteil des Fiktionalen in ARD und ZDF ist deshalb nicht nur Unterhaltung, sondern Teil der öffentlichen Debatte.
Frage: Aus Nutzersicht wäre es wünschenswert, wenn Sendungen nach ihrem turnusgemäßen Verschwinden aus der Mediathek sofort bei ARD Plus verfügbar wären. Ist das umsetzbar?
Antwort: Vandré: Das wäre natürlich das Idealszenario – und es wird Formate geben, bei denen das gelingt. Zu 100 Prozent können wir das aber nicht anbieten, weil wir immer erst die Lizenzen erwerben müssen.
Frage: Wie hoch ist bislang die Akzeptanz von ARD Plus? Wie viele Kunden haben Sie schon und wo wollen Sie hin?
Antwort: Vandré: Zu gegebener Zeit werden wir Wasserstandsmeldungen rausgeben. Noch ist es zu früh; wir sind gerade erst gestartet und die Zahlen sind noch sehr klein.