Hamburg  Kaum länger als 2:30 Minuten: Warum Pop-Songs immer kürzer werden

Denise Frommeyer
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Von Denise Frommeyer
| 14.03.2023 12:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Auch für Einnahmen aus dem Musikstreaming sind kürzere Versionen der Songs interessant. Foto: dpa/Fabian Sommer
Auch für Einnahmen aus dem Musikstreaming sind kürzere Versionen der Songs interessant. Foto: dpa/Fabian Sommer
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Drei Minuten und 30 Sekunden – das galt einmal als perfekte Länge für ein Lied, das im Radio gespielt werden soll. Doch Songs werden immer kürzer. Welche Ursachen es dafür gibt.

Was haben Songs wie „Are you gonna go my Way“ von Lenny Kravitz, „Everywhere“ von Fleetwood Mac und „Holiday“ von Madonna gemeinsam? Sie alle sind radiotauglich, denn ihre Länge liegt zwischen den einst perfekten 3:30 und vier Minuten. Doch die Ansprüche an Songs haben sich gewandelt: Sie werden immer kürzer.

Lieder mit einer Länge von unter drei Minuten sind heute nichts Ungewöhnliches mehr. Das hat vor allem mit ihrer Verwendung in den sozialen Medien zu tun. Für die kurzen Videos auf Tik Tok und Instagram werden vor allem Pop-Songs gerne als Hintergrundmusik genutzt. Oft gibt es sogar eigene Choreografien dazu. Der Effekt: Durch die Verbreitung über die Reichweite der Plattformen erlangen die Songs große Bekanntheit und werden auch auf den Streaming-Plattformen wie Spotify und Deezer gesucht sowie abgespielt.

Interessant ist dabei nicht nur die originale Version des Songs. Auch über „Sped-up-Versions“, also schneller abgespielte Versionen, die noch besser für die Kurzvideos geeignet sind, werden sowohl diese Versionen als auch die Originale immer bekannter. Ein wichtiger Vertriebsweg für neue Musikstücke.

Damit ein Song für die Verwendung auf Tik Tok und Instagram überhaupt in Frage kommt, muss er aber nicht nur kurz sein, sondern auch „schnell zur Sache kommen“, wie der Musikproduzent Tim Schoon gegenüber dem „Saarländischen Rundfunk“ erklärt. So erklingt der meist eingängige Refrain gleich zu Beginn des Songs und wird im besten Fall auch recht schnell noch einmal wiederholt.

Wie zum Beispiel in dem Nummer-1-Hit „Wildberry Lillet“ von Nina Chuba, in dem der Refrain zu Beginn dreimal auf verschiedene Art und Weise angestimmt wird:

Dass die Songs kürzer werden, hat aber noch einen weiteren Effekt. Laut Schoon ist es wirtschaftlicher, kurze Stücke zu veröffentlichen. Denn: Der Streamingdienst Spotify wertet einen Stream ab 30 Sekunden. „Ist ein Song länger als 30 Sekunden, dann gibt es nicht mehr Geld, als wenn er nach 30 Sekunden endet.“ Sein Produzenten-Kollege Matteo Schwanengel ergänzt: „Wenn man einen Song schreibt und hat da drei Mal einen Refrain, und der Hörer würde sich den noch ein viertes Mal wünschen – dann kann man den entweder reinpacken oder sagen: hör Dir den Song halt nochmal an.“

Das hat auch Auswirkungen auf die Ausgefeiltheit der Produktionen, denn die Songs sollen in Dauerschleife ohne große Unterbrechungen funktionieren. Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) erklärt Kulturwissenschaftler Marcus S. Kleiner von der SRH Berlin University of Applied Sciences: „Auf Spotify zeigt sich: Ein erfolgreicher Popsong ist nicht mehr länger als zweieinhalb Minuten. Musikalisch bedeutet das, das bekannte Elemente wie etwa das Intro eines Songs häufig komplett wegfallen, auch Soli hört man heute kaum noch. Alles wurde sehr viel kompakter.“

Damit gehe auch ein verändertes Hörverhalten einher. „Nutzerinnen und Nutzer skippen durch die Songs, statt sie in Ruhe in voller Länge anzuhören. Gefällt ein Song in den ersten Sekunden nicht, wird er weitergeskippt“, so Kleiner abschließend.

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