Berlin  Neue ARD-App ohne „Der 7. Sinn“ – Warnung vor „Ein Herz und eine Seele“

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 20.03.2023 05:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ein Herz und eine Seele: Die neue ARD-App warnt vor Ekel Alfred. Szene mit Hildegard Krekel, Heinz Schubert, Elisabeth Wiedemann und Diether Krebs. Foto: dpa
Ein Herz und eine Seele: Die neue ARD-App warnt vor Ekel Alfred. Szene mit Hildegard Krekel, Heinz Schubert, Elisabeth Wiedemann und Diether Krebs. Foto: dpa
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Sorge vor Sexismus beim Streamingdienst „ARD Plus“: Der Klassiker „Ein Herz und eine Seele“ läuft in der ARD-App nur mit Warnhinweis. Die Verkehrssendung „Der 7. Sinn“ ist gar nicht im Katalog.

Seit vergangenem Herbst bündelt die ARD Sendungen aus sieben Jahrzehnten in dem kostenpflichtigen Streamingdienst „ARD Plus“. Bei der Aufbereitung der Programmgeschichte ringen die Verantwortlichen allerdings mit dem Zeitgeist. Der Serienklassiker „Ein Herz und eine Seele“ (1973/1976) etwa wird mit einer warnenden Texttafel gezeigt. „Der 7. Sinn“ (1966-2005), ein Format zur Verkehrserziehung, wurde aus dem ARD-Plus-Katalog sogar ganz ausgeschlossen.

„Natürlich sind historische Formate nicht ohne Risiko“, sagt dazu Ingo Vandré, der das Streaming-Angebot gemeinsam mit Michael Loeb als Geschäftsführer aufgebaut hat. „Wie toll wäre es, alle Folgen vom ‚7. Sinn‘ in die App aufzunehmen! Aber das können Sie heute nicht mehr unkommentiert zeigen. Vieles, was damals ernst gemeint war, fühlt sich heute wie Comedy an.“

Mehr zur App: Hier lesen Sie das Interview mit den ARD-Plus-Chefs im Wortlaut.

Auch die Kultserie um Ekel Alfred stand zur Disposition: „Selbst bei ‚Ein Herz und eine Seele‘ gibt es solche Szenen. Bei einigen Folgen haben wir ernsthaft überlegt, ob wir das überhaupt noch anbieten wollen“, ergänzt Michael Loeb. In diesem Fall habe die Tochter der WDR mediagroup sich aber gegen die Selbstzensur entschieden: „Wir zeigen die Zeitgeschichte; aber im Zweifel setzen wir eine Texttafel davor, in der wir von den historischen Inhalten Abstand nehmen“, so Loeb.

Tatsächlich beginnen die Episoden der WDR-Serie nun mit dieser Warnung: „Das folgende fiktionale Programm wird in seiner ursprünglichen Form gezeigt. Es enthält Passagen, deren Sprache und Haltung aus heutiger Sicht diskriminierend wirken können.”

Beide Formate genießen heute auf ihre Weise Kultstatus. „Ein Herz und eine Seele“ verlegte die gesellschaftlichen Debatten der westdeutschen 70er Jahre in den Mikrokosmos einer Kleinfamilie. Im Zentrum steht der Pantoffel-Patriarch Alfred Tetzlaff, der gegen die 68er-Ideale seiner Kinder genauso hemmungslos wettert wie gegen seine Ehefrau – die er konsequent als „dusselige Kuh“ schmäht. Dass die reaktionären Aussprüche der von Heinz Schubert gespielten Figur nicht die Meinung des Senders wiedergeben, wurde zur Entstehungszeit auch ohne Texttafel durchschaut.

„Der 7. Sinn“ lieferte ab den 60ern Ratgeber-Spots zum Straßenverkehr. Zeitgeschichtlich interessant ist das Format auch wegen des antiquierten Geschlechterbilds. Es prägte sogar Passagen, die Frauen gegen die Vorurteile der Zeit in Schutz nahmen. Ein Beispiel: „Wenn Frauen am Steuer mit ihrem Wagen zu Verkehrshindernissen werden, so liegt dies meist am mangelnden technischen Verständnis und fehlender Übung. Die geübte Fahrerin fährt flott.“ Unschlagbar ist das satirische Potenzial von „Der 7. Sinn“ in Passagen wie dieser: „Viele Frauen scheuen das Anlegen des Sicherheitsgurts, weil sie Angst um ihren Busen haben. Diese Sorge ist unnötig, sagen Mediziner – wenn der Gurt richtig sitzt!“

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