Hardwig Kuiper geht Heimlicher Rathaus-Chef verlässt Aurich
In Aurich endet eine Ära: Hardwig Kuiper, Erster Stadtrat und lange heimlicher Bürgermeister, geht in den Ruhestand. Sein Name steht für Glanz und Absturz einer Stadt.
Aurich - Er galt jahrelang als heimlicher Chef im Auricher Rathaus, als Bürgermeister ohne Bürgermeisteramt. Sein Name ist mit Wirtschaftsaufschwung und Prestigeprojekten, aber auch mit Steuereinbruch und Schuldenbergen verbunden: Der Erste Stadtrat Hardwig Kuiper geht nach 16 Jahren Amtszeit in Aurich in den Ruhestand. Offiziell erst zum 30. Juni, doch sein letzter Arbeitstag im Rathaus ist an diesem Freitag. Der 64-Jährige nimmt Resturlaub. Er verlässt Aurich, allerdings setzt er sich nicht zur Ruhe. Der Vater zweier erwachsener Töchter heuert als Steuerberater in der Kanzlei seiner Frau in Hesel an. Am Donnerstag ist Kuiper vom Rat verabschiedet worden. Seine Nachfolgerin ist die jetzige Fachbereichsleiterin Laura Rothe.
Kuiper wuchs als ältester Sohn eines Maurers im Rheiderland auf. Er absolvierte ein duales Studium bei der Finanzverwaltung und ein Universitätsstudium in der Fakultät Wirtschaftswissenschaften. Er gilt als geschickter Verhandler, als selbstbewusst und durchsetzungsstark. Der Wirtschaftswissenschaftler weiß, was er will, und meistens bekommt er es auch. Im Mai 2019 erlebte Kuiper eine schwere Niederlage, mit der kaum jemand gerechnet hatte: Trotz Unterstützung von SPD und CDU verlor er die Bürgermeisterwahl gegen Horst Feddermann (parteilos).
Vom Strippenzieher zur Randfigur
Von außen betrachtet wirkt diese Niederlage wie eine Zäsur. Kuipers Gegner aus dem Wahlkampf, Horst Feddermann, wurde nun sein Chef. Der neue Bürgermeister machte die Stadtfinanzen, bis dahin Kuipers Metier, zur Chefsache. Das Verhältnis zwischen den beiden galt von Anfang an als angespannt und unterkühlt. Der ehemalige Strippenzieher im Rathaus schrumpfte zur Randfigur. Kuiper selbst ist kein Wort des Vorwurfs zu entlocken: Es sei völlig in Ordnung, dass der Verwaltungschef die Ressorts verteile. „Das steht einem Bürgermeister zu.“
So mancher Beobachter wunderte sich, dass Kuiper damals nicht die Segel strich. Er selbst will die Geschichte nicht so hoch hängen. Wer sich zur Wahl stelle, müsse mit einer Niederlage rechnen. „Das ist Demokratie.“ Für ihn sei immer klar gewesen, dass er bleibt, wenn jemand anders die Wahl gewinnt. „Ich habe nie darüber nachgedacht, wegzugehen. Das war für mich keine Option. Ich habe mich hier immer wohlgefühlt.“ Um die Kandidatur für das Bürgermeisteramt habe er sich nicht gerissen, er sei gefragt worden. Es habe sich so ergeben, als der damalige Amtsinhaber Heinz-Werner Windhorst (parteilos), bis heute ein guter Freund Kuipers, im Frühjahr 2018 beschloss, aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in den Ruhestand zu gehen.
„Aurich hat es brutalst erwischt“
In jenem Jahr, 2018, passierte dann das, was Kuiper als „Riesenknall“ bezeichnet: die Krise beim Windenergieanlagenbauer Enercon. Das Unternehmen, das Aurich jahrelang zu Gewerbesteuereinnahmen auf Großstadtniveau verholfen hatte, machte einen Verlust von 200 Millionen Euro und strich 835 Stellen. Im Folgejahr verschlimmerte sich die Lage weiter. Grund war die einbrechende Nachfrage in Deutschland, nachdem die Große Koalition den Ausbau der Windenergie an Land begrenzt hatte. „Für Aurich hat das fatale Folgen gehabt“, sagt Kuiper. „Aurich hat es brutalst erwischt, bis heute.“
Die daraus resultierende finanzielle Schieflage der Stadt sei plötzlich zum Wahlkampfthema geworden. „Ein Stück weit habe ich das mit verkörpert.“ Er habe als Projektverantwortlicher oft in der ersten Reihe gestanden, als es Aurich gut ging, als die Stadt sich neue Kitas und Feuerwehrhäuser, ein neues Schwimmbad, ein Familienzentrum und das Energie-Erlebnis-Zentrum in Sandhorst leistete – alles beschlossen von der Politik. „Das hatte 2018 abrupt ein Ende. 25 Millionen Euro Steuereinnahmen, die geplant waren, fielen weg, und 25 Millionen, die wir schon hatten, mussten wir zurückzahlen. Das wurde mit meiner Person verbunden.“
„Das kann doch kein Mensch einpreisen“
Nein, dieser Einbruch der Steuereinnahmen sei nicht vorhersehbar gewesen, sagt Kuiper. Dass solch ein „extrem erfolgreiches Unternehmen“ plötzlich in die Knie geht, „das kann doch kein Mensch einpreisen“, meint der Erste Stadtrat. „Wenn das nicht so abrupt gekommen wäre, dann hätte man sich im politischen Handeln darauf einstellen können.“
Kuiper findet es richtig, dass Aurich in der Blütezeit viel Geld ausgegeben hat. Das sei zum Wohle der Stadt geschehen. Sie habe sich sehr dynamisch entwickelt und trotz schwierigerer Rahmenbedingungen eine gute Zukunft vor sich. „Ich kenne keine Kommune, die Geld auf die hohe Kante legt, weil schlechte Zeiten kommen könnten. Wenn das Geld da ist, dann wird es auch ausgegeben, dann wird politisch gestaltet.“ Das wisse er aus 20 Jahren Erfahrung in der Kommunalpolitik – er war zuvor Erster Stadtrat in Nordhorn. „Wenn 5 oder 10 Millionen Euro auf dem Konto schlummern, dann glaube ich nicht, dass Politik auf Dauer die Kraft hat, da nicht dranzugehen, und das ist auch völlig okay so.“ Das Argument der hohen Folgekosten lässt Kuiper nicht gelten. „Egal, wo man investiert, man verursacht immer Folgekosten.“
„Im Nachhinein ist man immer schlauer“
Auch Kritik an dem letztlich gescheiterten Versuch der Stadt, gemeinsam mit Enercon Stadtwerke zu gründen und die Energienetze zu betreiben, lässt Kuiper abperlen. Er sei damals von dieser Idee überzeugt gewesen, „wie viele andere auch“. Der Zeitgeist sei so gewesen. Er habe sich auf Gutachten verlassen. „Im Nachhinein ist man immer schlauer.“
Kuiper geht mit einem Lächeln: „Ich war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.“ Seine Arbeit sei „sehr befriedigend und erfüllend gewesen“. In der Politik hatte der Erste Stadtrat stets großen Rückhalt. 2007 wurde er vom Rat in geheimer Wahl mit 39 Ja- und einer Nein-Stimme gewählt. Bei seiner Wiederwahl 2014 gab es keine Gegenstimmen, nur drei Enthaltungen von der Wählergemeinschaft Gemeinsam für Aurich (GFA).
Seine größte Kritikerin saß damals für die GFA im Rat. Es war die ehemalige Auricher Bürgermeisterin Sigrid Griesel, die Vorgängerin Windhorsts. Sie hatte in ihren Haushaltsreden stets vor den finanziellen Risiken der Großprojekte gewarnt – und sieht sich heute bestätigt. Dennoch will Griesel Kuipers Abschied nicht kommentieren. Eine weitere Kuiper-Kritikerin, die Grünen-Ratsfrau Gila Altmann, gibt sich ebenfalls wortkarg: „Ich wünsche Herrn Kuiper alles Gute für seinen Ruhestand. Wir werden in Zukunft sicher noch öfter an ihn denken, zum Beispiel bei den anstehenden Haushaltsberatungen.“