Verbot von Grundschleppnetzen  Krabbenfischer protestieren – „Eure Unwissenheit ist unser Untergang!“

Manfred Hochmann
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Von Manfred Hochmann
| 16.03.2023 15:54 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Das Foto zeigt Jesseka und Tom Caspers aus Westseraccum mit ihrem Protestschild. Foto: Manfred Hochmann
Das Foto zeigt Jesseka und Tom Caspers aus Westseraccum mit ihrem Protestschild. Foto: Manfred Hochmann
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Rund 60 Kutterfischer an der ostfriesischen Küste sehen sich beruflich vor dem Aus. In Neuharlingersiel schilderten sie der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin ihre Ängste – und ihre Wut.

Neuharlingersiel - Fast vier Stunden lang harrt Jesseka Caspers im kalten Regenwetter am Hafen Neuharlingersiel aus. Vor sich hält sie ein Plakat: „Eure Unwissenheit ist unser Untergang! Wir leben von und mit der Natur! Lasst uns unsere Arbeit!!!“ steht drauf. Jesseka Caspers ist besorgt um ihre Familie und um die der rund 60 Kutterfischer an der ostfriesischen Küste. Ihr Mann Tom gehört zur fünften Fischergeneration der Familie Caspers in Westeraccum; und sie befürchtet, dass diese die letzte in dem Berufsstand sein könnte.

„Wir sind insgesamt nur eine kleine Berufsgruppe – um so lauter und hartnäckiger müssen wir jetzt protestieren“, sagt Jesseka Caspers und wartet am Donnerstagvormittag, bis sich die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) endlich einmal zu den Plänen der EU äußert, in europäischen Meeren von 2024 bis 2030 schrittweise die grundberührende Fischerei in Meeresschutzgebieten zu verbieten. Lange hatte sich Staudte zurückgehalten, aber jetzt, nach einer zunächst internen Gesprächsrunde mit Fischerei-Funktionären und Kommunalpolitikern, kommt sie um eine Stellungnahme nicht herum.

„Wir zerstören doch nicht den eigenen Lebensraum“

Tom Caspers und sein Kollege Nils Sander haben indes das „Corpus Delicti“, um das es in der ganzen Debatte geht, mitgebracht in den Hafen. Unter der Kurbühne spannt ein Krabbenfangnetz der neuen Generation. Unermüdlich erläutert Nils Sander interessierten Passanten und schließlich auch der Ministerin, wie diese Netze funktionieren. Seit den 1990er-Jahren seien sie schon angepasst worden, es „gibt nur noch wenig Grundberührung“. Die Schäden am Meeresgrund seien längst nicht so gravierend wie behauptet. „Als wenn wir alles kaputtpflügen würden“, schimpft Tom Caspers. Man verstehe sich als Teil des Nationalparks, denn „wir zerstören doch nicht den eigenen Lebensraum“.

Vor wenigen Jahren erhielten die Kutterfischer das MSC-Gütesiegel für nachhaltige Fischerei, „auch weil wir uns umgestellt haben“, sagt Caspers. Die Netze seien heute so konzipiert, dass der Boden geschont und der Beifang gleich wieder ins Meer entlassen werde. Tom Caspers redet sich in Rage: „Unsere Politiker müssen endlich auf die EU einwirken.“ Es könne doch nicht angehen, dass „in der Nordsee riesige Offshore-Windparks mit unabsehbaren Folgen für die Meeresbiologie entstehen, aber unsere schonende Fischerei soll verboten werden.“

Protestpapier für die Ministerin

Die Grundschleppnetze, die über den Meeresboden rollen, nähmen nur kurzfristig und reversibel Einfluss. „Nach einer Tide, nach sechs bis zwölf Stunden, ist davon nichts mehr zu sehen“, sagt Keno Caspers, einer der Nachwuchsfischer aus Westeraccum. Die Schäden seien so gering, dass sie nach kurzer Zeit nicht mehr nachgewiesen werden könnten. Das alles lasse sich wissenschaftlich belegen.

Die Bürgermeister aus den Küstengemeinden überreichen der Ministerin ein Protestpapier. Sollte die neue EU-Verordnung umgesetzt werden, bedeute dies: „Die gesamte Küstenfischerei wird faktisch verboten. Rund 100 Familien, Wirtschaftsbetriebe müssen ihren Betrieb einstellen. Vor- und nachgelagerte Branchen werden massive Einbußen hinnehmen müssen. Der Ausbildungsberuf in der Küstenfischerei wird verschwinden. Kutter, die zur Altersvorsorge dienen sollten, werden schlagartig wertlos. Der Tourismus wird massive Einbußen erleiden.“

Fischerei sieht in EU-Plänen Schnellschuss

Diese und einige Punkte mehr, dazu markige Worte von Nils Sander („Der EU-Plan ist grausam und menschenverachtend“) ließen dann auch die Ministerin nicht mehr kalt. Der Aktionsplan der EU scheine wohl ein Schnellschuss zu sein, sagte Staudte. Er hätte existenzgefährdende Auswirkungen auf die Krabben- und Muschelfischerei in Niedersachsen. Diese für die Küstenregion so wichtige Branche stünde vor dem Aus. Staudte: „Es ist notwendig, dass nachhaltige Fangmethoden weiterhin gefördert werden – das ist nicht die Frage. Ein pauschales Verbot von Grundschleppnetzen in Schutzgebieten kann aber nicht die Lösung sein.“

Krabbenfang und Muschelernte seien nur am Meeresgrund möglich. Grundsätzlich hingen die Auswirkungen bodenberührender Fanggeräte von der Art des Meeresbodens und der Störungsempfindlichkeit seiner Lebensgemeinschaften, der Art der Fischerei und ihrer Intensität ab. „Der Meeresboden im Bereich unserer Krabbenfischerei ist geprägt von den Gezeiten und daher weniger empfindlich“, so die Ministerin, und: „Die Krabben- und Muschelfischer haben meine volle Solidarität.“ Sie werde die Aussagen der Fischer in Neuharlingersiel in weitere Gespräche mit dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft einbringen, „insbesondere was die Verunsicherung für die junge Generation angeht, die nun zweifelt, ob sie überhaupt eine berufliche Zukunft hat“. Es müsse anerkannt werden, dass in der Vergangenheit schon viel für die Nachhaltigkeit getan worden sei. Staudte: „Unser Ziel ist es, dass sich der Bund bei der EU-Kommission für die Zukunft der Krabben- und Muschelfischerei im Niedersächsischen Wattenmeer einsetzt. Ohne Wenn und Aber.“ Erste Rückmeldungen aus dem Bundesministerium hätten bereits deutlich gemacht, dass auch dort das pauschale Verbot skeptisch gesehen wird.

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Ob die Fischer nun bald beruhigt auf ihre Fangfahrten gehen können, bleibt abzuwarten. Die Protestplakate und schwarzen Kreuze bleiben als Mahnsymbole in den Kutterhäfen sichtbar. Bei der Agrarministerkonferenz kommende Woche in Büsum (22. bis 24. März) wollen sie ihren Unmut erneut äußern – gut sichtbar: Höhepunkt soll eine Kutterdemo am 23. März sein.