Berlin Oscars 2023: Warum Claudia Roth bei der Gala in Los Angeles war
Ganz ohne deutsche Filmförderung siegte „Im Westen nichts Neues“ bei den Oscars 2023. Trotzdem reiste Kulturstaatsministerin Claudia Roth zur Preisverleihung. Wie kam es dazu? Was hat die Staatsministerin noch in den USA gemacht? Und von wem hat sie das Gala-Ticket bekommen?
„And the Oscar goes to … ‚All Quiet on the Western Front‘!“ Viermal wurde die Remarque-Verfilmung „Im Westen nichts Neues“ in der Oscar-Nacht aufgerufen. Viermal nahm das deutsche Filmteam um Edward Berger den Jubel Hollywoods entgegen – und den von Claudia Roth. Denn auch die Kulturstaatsministerin saß im Dolby Theatre und verfolgte den bislang größten Erfolg des deutschen Kinos live.
„Das wird dem deutschen Film weltweit Beachtung bringen und ihm neue Bedeutung verschaffen“, sagte die Grünen-Politikerin später in Los Angeles. Wofür sie auch Stirnrunzeln und milden Spott erntete. Denn ausgerechnet der vierfache Oscar-Preisträger ist ohne einen einzigen Cent deutscher Fördergelder ausgekommen. Geld aus Roths Etat steckte in den Filmen „Tár“ und „Triangle of Sadness“, die ebenfalls nominiert waren, aber leer ausgingen. Nicht nur auf Twitter, auch in der deutschen Filmszene war deshalb die Frage zu hören: Warum stellt die Staatsministerin sich ins Scheinwerferlicht?
Weil genau das ihre Aufgabe ist: Auf diese Formel lässt sich die Antwort aus Roths Kommunikationsstab bringen. Mit seinem Erfolg sei „Im Westen nichts Neues“ ein „möglicher internationaler Türöffner für das Filmschaffen hierzulande“, teilt ein Sprecher der Staatsministerin unserer Redaktion mit. Claudia Roth habe die Chance ergriffen und bei einem umfangreichen Parcours durch die Schaltstellen Hollywoods für den Filmstandort Deutschland geworben.
Demnach führte Roth „filmpolitische Gespräche mit Vertretern der MPA, der Motion Picture Association, bei denen Vertreterinnen und Vertreter aller großen Studios anwesend waren“. Auf der Agenda stand dabei unter anderem das „Green Shooting“, also die Frage, wie man Filme nachhaltig produziert. Auch die von Roth geplante Reform der deutschen Filmförderung war Thema – mit der Fragestellung, wie Deutschland für internationale Produktionen attraktiver wird. Roth besuchte außerdem eine Veranstaltung von German Films, dem Marketing-Unternehmen der deutschen Filmindustrie.
Roth sei überdies nicht die erste Kulturstaatsministerin, die zu Oscars reist. 2016 hat ihre Vorgängerin Monika Grütters die Reise unternommen, auch Staatsminister Bernd Neumann nutzte die Gelegenheit zweimal, so der Sprecher. Ein Novum war allerdings, dass Claudia Roth nicht nur das Begleitprogramm erlebte, sondern auch die Oscar-Zeremonie inmitten der Stars. Zu verdanken hatte sie das dem Sprecher zufolge einer Einladung von Netflix und der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die den Preis vergibt. Der Streamingdienst steht hinter der Produktion von „Im Westen nichts Neues“.
Über ihre filmpolitischen Termine hinaus besuchte die Staatsministerin auch Kulturinstitutionen des Bundes, das Thomas-Mann-Haus etwa und die Villa Aurora. Das Wohnhaus von Lion Feuchtwangers Exiljahren ist heute eine Künstlerresidenz, zu deren Stipendiaten auch schon der jetzige Oscar-Gewinner Edward Berger gehörte. „Der Aufenthalt der Kulturstaatsministerin in L.A. stand entsprechend neben den filmpolitischen Themen ganz im Zeichen des Themas Exil deutscher Intellektueller und Kulturschaffender“, teilte der Sprecher mit und verwies etwa auf den 90. Jahrestag der Bücherverbrennung, bei der auch Remarques Werke zerstört wurden.
Zu Aufwand und Kosten der Reise heißt es schließlich: Die Delegation bestand aus insgesamt vier Personen – aus Roth, ihrer persönlichen Referentin, ihrem Sprecher und der Leiterin des Filmreferates. Gebucht wurden reguläre Linienflüge.