Erweiterung für Sprach-App Blinde Rechtsanwältin lernt Platt am liebsten im Bus
Pamela Pabst ist Anwältin und lernt in ihrem Berliner Alltag Platt mit einer Sprach-App. Im April erscheint dafür eine Erweiterung. Pabst testet sie vorab.
Ostfriesland - „Vöhrjahr“ heißt „Frühling“, „Sömmer“ heißt „Sommer“. Auf dem Weg zum Gericht, ihrem Arbeitsplatz, lernt Pamela Pabst regelmäßig mit einer App Plattdeutsch-Vokabeln und Grammatik. Die Rechtsanwältin testet derzeit nun eine neue Version der Plattino-App, die im April erscheint. Pabst steht in engem Kontakt mit dem Plattdüütskbüro der Ostfriesischen Landschaft, die die App entwickelt hat.
Was und warum
Darum geht es: Pamela Pabst ist Plattbotschafterin und Nutzerin der Platino-App, die nun ein Update bekommt. Die Berlinerin berichtet von ihrer Verbindung zu der Sprache.
Vor allem interessant für: alle, die Apps gerne zum Lernen nutzen und Platt sprechen oder ihre Plattkenntnisse vertiefen wollen
Deshalb berichten wir: Am 12. April wird die App-Erweiterung im Landschaftsforum der Ostfriesischen Landschaft vorgestellt. Die Autorin erreichen Sie unter: n.kraft@zgo.de
Pamela Pabst war die erste Strafverteidigerin Deutschlands, die von Geburt an blind ist. Die ARD-Serie „Die Heiland“ ist von ihrem Alltag inspiriert. Pabst lebt in Berlin und ist Botschafterin des Plattdeutschen. „Das klingt wie ein Widerspruch in sich“, sagt sie und lacht. Pabst hat jedoch familiäre Verbindungen nach Ostfriesland. Ihr Vater, der 1945 in Schlesien geboren und von dort vertrieben wurde, kam über Oldenburg 1953 nach Emden. Er besuchte dort die Emsschule, bevor er mit 18 Jahren zurück nach Berlin ging. Ostfriesland empfinde er als seine Heimat.
Sie habe schon früh, etwa mit 13 Jahren, Interesse daran gehabt, Plattdeutsch zu lernen, aber keine Möglichkeit dafür gefunden, erzählt Pabst. Ihr Vater spreche die Sprache nicht. Erst als dieser vor etwa zwei Jahren schwer erkrankte, verwirklichte sie ihr Vorhaben, Platt zu lernen. Über die Sprache habe sie eine Verbindung zu seiner Heimat knüpfen wollen. Per Zufall sei sie auf die Plattino-App der Ostfriesischen Landschaft gestoßen. Die Abkürzung steht für „Platt in Ostfriesland“.
Mehr als 60.000 Nutzer
Die Plattino-App sei zu 99 Prozent barrierefrei, sagt Pabst. Das bedeutet, dass sie von Menschen, die eine Sehbehinderung haben, nutzbar ist. Das Telefon spreche quasi die Funktionen aus, über die Pabst mit dem Finger auf dem Bildschirm fahre. „Darüber hatte ich mich so gefreut, weil das längst nicht bei allen Apps funktioniert. Also habe ich den Machern der App persönlich geschrieben“, erzählt sie. So entstand der heute mittlerweile freundschaftliche Kontakt zur Ostfriesischen Landschaft.
Die App kam ursprünglich im Mai 2021 auf den Markt. Elke Brückmann von der Ostfriesischen Landschaft hat die App geschrieben. „Plattino erzählt die Geschichte einer Familie, die in Aurich lebt“, erklärt sie. Jedes Kapitel behandele ein Erlebnis der Familie. So würden fortlaufend neue Vokabeln abgedeckt. Die App wurde mittlerweile über 60.000 Mal heruntergeladen. In der ersten Version der App können Nutzer das Sprachniveau A1 (grundlegende Sprachkenntnisse) abschließen. Sie beinhaltet außerdem einen Vokabeltrainer, der im vergangenen Jahr herauskam. „Zu diesem Anlass habe ich Grietje Kammler und Elke Brückmann vom Plattdüütskbüro getroffen und meine ersten Sätze auf Platt in einem Interview gesprochen“, erzählt Pamela Pabst. Seitdem stünden sie regelmäßig in Kontakt, schickten sich Mails und Sprachnachrichten auf Platt. Außerdem wurde sie zur Plattbotschafterin ernannt.
Die Sprache vor dem Aussterben bewahren
Pabst redet schnell, wenn sie über das Plattdeutsche spricht. Ihrer Stimme ist die Begeisterung anzuhören. „In meinem Alltag übersetze ich oft ganz spontan Wörter in Platt. Ohne Rücksicht darauf, ob es jemanden um mich herum interessiert oder nicht“, sagt sie und lacht. „Es gefällt mir mitzuhelfen, die Sprache zu erhalten, sodass sie nicht ausstirbt und in Vergessenheit gerät. Wenn ich es gut kann, kann ich mir auch vorstellen, es anderen beizubringen.“
Gerade testet sie die Vorabversion der App-Erweiterung. Das höhere Sprachniveau (A2) ist bald für alle Nutzer abrufbar. Dabei werden zum Beispiel erstmals Vergangenheitsformen vermittelt. „Meistens nutze ich die App im Bus auf dem Weg zum Gericht. Das ist immer ein guter Ort zum Lernen“, erzählt sie. Mit der App lerne man schnell, Platt zu sprechen, das finde sie gut, sagt Pabst. Am 12. April ist die Rechtsanwältin wieder in Ostfriesland zu Gast. Sie wird bei der Vorstellung des Updates dabei sein. „Darauf freue ich mich schon sehr“, sagt sie. Wenn es ihm gesundheitlich gut gehe, würde sie am liebsten mit ihrem Vater anreisen.