Osnabrück  Tanztheater Osnabrück erntet für „Lorca“ begeisterten Applaus

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 19.03.2023 13:37 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Schatten an der Wand: Marguerite Donlons Inszenierung „Lorca“ lebt von starken Bildern und von der kraftvollen Ästhetik der Dance Company, hier mit Ambre Twardowski. Foto: Bettina Stöß
Der Schatten an der Wand: Marguerite Donlons Inszenierung „Lorca“ lebt von starken Bildern und von der kraftvollen Ästhetik der Dance Company, hier mit Ambre Twardowski. Foto: Bettina Stöß
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Starke Bilder, suggestiver Tanz, ein tolles Ensemble: Mit „Lorca“ landen Tanzchefin Marguerite Donlon und die Dance Company des Theaters Osnabrück einmal mehr einen Volltreffer.

Zunächst einmal geht es um die Beziehung von Künstler und Kunst, von Kunst und Künstler. Ein Mann im Anzug umarmt die Frau im hautfarbenen Tanzdress, er hält sie fest, bis sie sich löst und ihr eigenes Leben entwickelt. So entsteht ein filigranes Wechselspiel voller positiver Energie. „Lass mir meine Flügel“, hat die Stimme aus dem Off kurz vorher gesagt. Hier breitet die Poesie des Federico García Lorca ihre Flügel aus und hebt ab zum freien Flug.

Gedichte und Briefstellen von Lorca hat die Tanzchefin des Theaters Osnabrück, Marguerite Donlon, als Basis für ihr Tanzstück „Lorca“ herangezogen. Die musikalische Struktur gibt Michio Woirgardt vor mit einem Mix aus Elektro-Beat, schwebenden Klangflächen wie aus einer fernen Welt sowie Flamenco-Gitarre und Flamenco-Rhythmen: Lorcas weltoffene Kunst wurzelt fest in der spanischen Kultur.

In kleinen Episoden führt Donlon ihr siebenköpfiges Ensemble – Ayaka Kamei, Kesi Rose Olley Dorey, Ambre Twardowski, Emanuela Vurro, Esaul Llopis, Bojan Micev und Richard Nagy – und ihr Publikum durch Lorcas Werk. Dabei geht es nicht um ein biografisches Tanztheater, sondern um ein Spiel mit Assoziationen und Leidenschaften, so, wie Lorcas Lyrik ja auch grenzenlose Denkräumen eröffnet.

Große Ensembleszenen sind dabei die Ausnahme. Im Vordergrund stehen die engen Zweier- und Dreierkonstellationen, Tänzerinnen und Tänzer, die sich ineinander verschlingen und zu bezaubernden Bildern vereinen. Gleichzeitig erwachsen genau daraus Energie und Fliehkräfte für die individuellen Wege, die jeder Einzelne auf der Bühne geht.

Drei Figurentypen konstituieren das Bühnengeschehen: Der Mann im Anzug, die Tänzerin, der Tänzer im hautfarbenen Dress (die Kostüme stammen, wie auch das Bühnenbild, ebenfalls von Donlon) und das Mischwesen – hier der Poet, dort das unbeschriebene Wesen, das nackte, rohe Kunstwerk und das kreative Dazwischen? Musik, Videoprojektionen im Hintergrund (Lieve Vanderschaeve), luftige Vorhänge und die Projektion von Lorca-Gedichten in der deutschen Übersetzung auf ansonsten leerer Bühne erzeugen den Raum, in dem der Tanz seinen suggestiven Sog entfaltet.

Die Gedichte und Briefzitate, auf Spanisch vorgetragen vom Tänzer Esaul Llopis und auf deutsch von Manuel Zschunke, gewährleisten dabei die Orientierung, ohne konkrete Stationen vorzugeben. Eher ist es ein Spiel mit Assoziationsräumen – welche die Tänzer allerdings mit präzisen Choreografien von packender Kraft füllen.

Lorcas Metaphern von Natur, Leben und Tod übersetzt Donlon in Bilder, die genauso frei und vieldeutig schweben wie die Texte selbst. Klar setzt sie dabei die einzelnen Stationen ihrer Erzählung voneinander ab, jede Station hat durch die jeweiligen Tänzer, durch Videos, durch Licht und Nebel oder Vorhänge ihre unverwechselbare, einprägsame Gestalt. Die Übergänge vollziehen sich fließend – eine einzelne Tänzerin, ein Paar, ein Trio schreitet in schwebender Ruhe herein und löst die vorherige Konstellation ab.

Zeitkolorit aus Lorcas Lebenszeit – er wurde 1936 von den spanischen Faschisten ermordet – erzeugt eine verrauschte Beethoven-Aufnahme, zu der die Tänzer mit einem Tuch flimmernde Wellen wie aus einem surrealen Zwanziger-Jahre-Film wogen lassen. Im Finale schließlich versammelt Donlon ihr komplettes Tanzseptett zu einem kraftvollen Ensemble – der Dichter tanzt. Der Epilog aber gehört einer einsamen Tänzerin und dem einsamen Wladimir Krasmann am Klavier. Der leise Abschied des Lyrikers, Dramatikers und des leidenschaftlichen Pianisten Federico García Lorca. Begeisterter Applaus für diesen packenden Tanzabend.