Heide  Mutmaßliche Schlägerin von Heide erhält Morddrohungen nach Online-Hetze

Eckard Gehm
|
Von Eckard Gehm
| 23.03.2023 09:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Artikel teilen:

Das Video der Tat von Heide wird trotz Warnungen der Polizei immer weiter verbreitet. Eine der mutmaßlichen Täterinnen hat bereits Morddrohungen erhalten. Gleichzeitig nutzt das rechte Spektrum den Fall für seine Zwecke.

Ihre Namen werden veröffentlicht, ihre Gesichter gezeigt: Über die mutmaßlichen Schlägerinnen von Heide ergießt sich derzeit in den Sozialen Netzwerken eine Welle des Hasses.

Die Mutter einer der mutmaßlichen Schlägerinnen sagte RTL, ihre Tochter habe bereits Morddrohungen erhalten. Die Tochter selbst erklärte, sie sei von einem anderen Mädchen zu der brutalen Tat gezwungen worden: „Es tut mir leid, ich würde das nie wieder tun.“

Von den drei Mädchen aus der Gruppe, die zugeschlagen haben, sind zwei unter 14 Jahre alt. Trotzdem werden ihre Gesichter aus der Originalaufnahme herauskopiert und verbreitet.

„Kennt wer diese Mädchen?“, ist in einem Aufruf bei Tiktok zu lesen, den sich mehr als 700.000 Menschen ansehen. Schnell ist klar, wer da in Heide zugeschlagen hat. „Ich hab die restlichen Namen der Täterinnen gefunden“, schreibt eine Nutzerin der App, die primär von Teenagern genutzt wird. „Schade, dass ich so weit weg wohne“, ist eine der Antworten. Und: „Posten, posten, posten.“

Weit weniger reflexhaft sind die Versuche, den Heider Angriff politisch aufzuladen oder gar politisches Kapital daraus zu schlagen. Dies passiert derzeit vorwiegend auf Twitter, wo zahlreiche Kommentare darauf abzielen, dass ein „deutsches Mädchen“ von einer „migrantisch geprägten Mädchengruppe“ gequält worden sei, verbunden mit der Forderung, „migrantische Täter mitsamt ihrer Familie“ abzuschieben.

Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) sagte: „Bei allem Entsetzen über diese abscheuliche Tat, müssen wir leider auch feststellen, dass die Identitäten und die mutmaßliche Herkunft der tatverdächtigen Mädchen offengelegt werden.“ Rechtsextremistisch beeinflusste Personen nutzten diesen Vorfall für ihre Zwecke. „Das halte ich für eine sehr gefährliche Entwicklung.“

Die Landespolizei verfolge die Vorgänge in den Sozialen Medien, bringe strafrelevante Sachverhalte zur Anzeige. Jonna Ziemer, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Itzehoe, sagte: „Wer das Video teilt, verstößt gegen das Gesetz.“

Woher kommt der Hass im Netz? Darüber hat Elke Wagner geforscht, Professorin für Spezielle Soziologie an der Uni Würzburg. Sie sagt: „Soziale Netze sind Affektmaschinen, jeder schreibt, was er gerade fühlt.“ Die führe zu der entsprechenden Tonlage. Selten werde überlegt oder recherchiert. Das Bauchgefühl und die eigene Meinung würden gleichberechtigt zum Sachargument gesehen.

Glücklicherweise gibt es auch viele warmherzige Stimmen, die dem attackierten Mädchen viel Kraft wünschen. Und Stimmen, die sich gegen die Hetzkampagne auf die mutmaßlichen Schlägerinnen wenden, fragen: „Sollen die Täterinnen jetzt zu Opfern werden?“

Ähnliche Artikel