Fischer demonstrieren in Büsum  Lautstarker Protest soll Politik zum Umdenken bringen

Nina Harms Hannah Weiden
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Von Nina Harms und Hannah Weiden
| 23.03.2023 20:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Auch Mitarbeiter des Tourismus-Service Norden-Norddeich waren nach Büsum gekommen und zeigten sich mit den Fischern solidarisch. Foto: Wagenaar
Auch Mitarbeiter des Tourismus-Service Norden-Norddeich waren nach Büsum gekommen und zeigten sich mit den Fischern solidarisch. Foto: Wagenaar
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Mehrere Hundert Demonstranten haben am Donnerstag in Büsum gegen die geplante EU-Verordnung protestiert, darunter zahlreiche Fischer aus Ostfriesland. So haben sie den Tag erlebt.

Ostfriesland/Büsum - Hinderk Bruns arbeitet seit knapp 30 Jahren bei der Firma de Beer in Greetsiel. Das Unternehmen verarbeitet und verkauft Krabben. Auch seine Frau und sein Sohn sind bei de Beer beschäftigt. „Ich hoffe ja auch, dass mein Sohn das auch noch eine Zeit lang machen kann.“

Bruns ist einer von zahlreichen Ostfriesen, die sich am Donnerstagmorgen gegen 4 Uhr mit dem Bus von Greetsiel aus auf den Weg nach Büsum gemacht haben. Auch aus Norddeich und Neuharlingersiel sind Busse angereist, um gemeinsam gegen die geplante EU-Verordnung zu demonstrieren. Die neue Verordnung will das Fischen mit Grundschleppnetzen verbieten. Für die Krabben- und Muschelfischer würde dies das Aus bedeuten. Einige Betroffene hatten sich bereits Anfang der Woche mit ihren Kuttern auf den Weg nach Schleswig-Holstein gemacht. Im Büsumer Hafen haben mehr als 100 Kutter festgemacht, etwa 15 davon sind aus Ostfriesland.

Mehr als 100 Kutter lagen im Büsumer Hafen. Sie kamen von der gesamten Nordseeküste, davon etwa 15 Kutter aus Ostfriesland. Foto: Wagenaar
Mehr als 100 Kutter lagen im Büsumer Hafen. Sie kamen von der gesamten Nordseeküste, davon etwa 15 Kutter aus Ostfriesland. Foto: Wagenaar

Teilnehmer plagen Existenzängste

Die Stimmung in der Firma sei ängstlich, sagt Bruns. Fast alle Mitarbeiter von de Beer in Greetsiel haben sich der Demo angeschlossen. Lediglich fünf Mitarbeiter hätten die Produktion am Laufen gehalten. „Ansonsten hat unser Chef alles abgesagt, damit wir mitfahren können.“ Auch Greetsieler, die nicht unmittelbar mit der Fischerei zu tun haben, sind mitgefahren. Für die Solidarität ist Bruns dankbar.

So wie Bruns geht es vielen Menschen an diesem Donnerstag in Büsum. Ob Fischer oder Landwirte, die ebenfalls am Rande der Agrarministerkonferenz protestierten – sie alle plagen Existenzängste. Auf Plakaten äußern sie ihren Unmut über die Pläne, die Traktorhupen und Signalhörner der Kutter sind im ganzen Ort und darüber hinaus zu hören. Viele Demonstranten haben Pullover und T-Shirts mit Protestparolen bedrucken lassen. „Finger weg von unseren Fanggebieten“, „Grüne Welle brechen“ und „Rettet unsere Fischer“ ist darauf zu lesen.

Jan Ysker war mit dem Kutter nach Büsum gefahren. Foto: Wagenaar
Jan Ysker war mit dem Kutter nach Büsum gefahren. Foto: Wagenaar

Jan Ysker hofft, dass der massive Protest Wirkung zeigt. „Wir wollen nämlich auch nächstes Jahr noch mit unseren Kuttern rausfahren können“, sagt der Greetsieler, der gemeinsam mit seinem Bruder nach Büsum gekommen ist. So schwierig der Anlass für die Reise sei, so gesellig sei es aber auch in Büsum: „Der Hafen ist komplett voll. Das konnte man von der Geselligkeit her nicht toppen.“ Es sei selten, dass er und seine Kollegen in dieser Form zusammen kämen. „Es ist aber schade, dass es nun zu so einem Anlass ist. Gerold Conradi geht es ähnlich. Der Greetsieler, der die Protestaktion mitorganisiert hat, ist stolz. Er hat mit Lennart Wefer den Fischer getroffen, der 2019 seinen Kutter übernommen hat. „Lennarts Vater ist auch Fischer, und ich bin mit ihm zur Berufsschule gegangen“, erzählt Conradi. „Wir telefonieren regelmäßig.“ Lennart Wefer steht als junger Fischer vor einer schwierigen Situation. Der junge Mann aus Fedderwardersiel hat den Großteil seines Berufslebens noch vor sich. Er demonstriert in Büsum deshalb auch für seine ganz persönliche Zukunft.

Lennart Wefer (rechts) ist einer der jüngeren Fischer. Er hat den Kutter von Gerold Conradi übernommen. Foto: Wagenaar
Lennart Wefer (rechts) ist einer der jüngeren Fischer. Er hat den Kutter von Gerold Conradi übernommen. Foto: Wagenaar

„Wenn sie uns das nehmen, haben wir nichts mehr“, sagt auch Dirk Sander, Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Weser-Ems. „Ich habe aber das Gefühl, die Politik ist ein bisschen mehr auf unserer Seite“, glaubt er.

Hoffen auf die Politik

Sein Gefühl am Donnerstagnachmittag täuscht ihn nicht – zumindest mit Blick auf ostfriesische Politiker. Während in Büsum Hunderte Demonstranten friedlich protestieren, äußert sich auf Facebook der Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff (Pewsum, SPD) zu den EU-Plänen: „Wir müssen die Krabbenfischerei an unseren Küsten langfristig sichern, indem wir diese als traditionelle Fischereiart anerkennen. Ein pauschales EU-weites Verbot jeglicher grundberührender Fischerei in Meeresschutzgebieten würde für die Krabbenfischer das Aus vieler Betriebe bedeuten. Wir fordern deshalb, dass sich die Bundesregierung bei den weiteren Beratungen auf EU-Ebene für einen Beschluss einsetzt, der Ausnahmen für die traditionellen Küstenfischereibetriebe vorsieht.“ Seine Parteikollegin Siemtje Möller (Varel) äußert sich in eine ähnliche Richtung.

„Finger weg von unseren Fanggebieten“: Diese Demonstrantin zeigte deutlichen Protest in Büsum. Foto: Wagenaar
„Finger weg von unseren Fanggebieten“: Diese Demonstrantin zeigte deutlichen Protest in Büsum. Foto: Wagenaar

Ebenfalls zeigen die Kommunen im Kreis Leer sowie der Landrat Matthias Groote (SPD) Solidarität mit den Fischern. In einem offenen Brief an die EU-Kommission sprechen sie sich gegen das Verbot der Fischerei mit Grundschleppnetzen aus. Bereits am Vormittag hatte die Leeraner CDU-Kreistagsfraktion beantragt, an diesem Freitag bei der Kreistagssitzung eine entsprechende Resolution zu verabschieden. Bis dahin sind die Ostfriesen längst wieder zuhause.

Veranstaltung hallt nach

Die Teilnehmer aus Greetsiel haben an diesem Donnerstagnachmittag gegen 16.30 Uhr die Heimreise angetreten. Im Bus sind einige sichtlich beeindruckt. „Das war eine sehr imposante Veranstaltung“, sagt Jakob Jacobsen auf der Rückfahrt. Vor allem sei es auch eine friedliche Veranstaltung gewesen. „Ob da nun was draus kommt, weiß keiner. Jetzt müssen Taten folgen“, fordert der Greetsieler. Konrad Onneken ist Landwirt. Der Timmeler hat sich den Fischern angeschlossen. „Ich habe viele Bekannte gesehen und interessante Beiträge gehört. Für mich war das auch ein anderer Blickwinkel, wie das bei den Fischern läuft. Da gibt es viele Parallelen zur Milchwirtschaft“, so sein Fazit. Onneken ist im Verband Deutscher Milchwirtschaft aktiv. „Die Veranstaltung hat gezeigt, dass es durchaus Lösungen gibt, aber die Politik muss es auch umsetzen. Jetzt hoffen wir natürlich, dass das keine leeren Floskeln waren.“

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