Istanbul Nach Kriegsdrohung: Türkei und Griechenland plötzlich beste Freunde
Noch vor wenigen Monaten hatte die Türkei Griechenland mit Krieg gedroht – nun zeigen sich beide versöhnlich. Was es mit der plötzlichen Friedfertigkeit der Nachbarstaaten auf sich hat.
Als der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu nach einem Treffen mit seinem griechischen Kollegen Nikos Dendias in Brüssel kürzlich vor die Kameras trat, strahlte er übers ganze Gesicht. Die Türkei und Griechenland hätten beschlossen, bilateral und international enger zusammenzuarbeiten, sagte Cavusoglu. Er freue sich schon jetzt auf das nächste Treffen mit seinem Freund „Niko“. Auch Dendias sprach von seinem „großen Vergnügen“, mit Cavusoglu zu sprechen: Türkei und Griechenland sind plötzlich beste Freunde.
Die Annäherung kommt überraschend. Noch vor wenigen Monaten hatte die Türkei ihrem Nachbarn und Nato-Partner mit Krieg gedroht. Die Regierungen in beiden Ländern stehen vor schwierigen Wahlen – nach der bisherigen Logik der türkisch-griechischen Beziehungen wäre jetzt die Zeit für Eskalationen, weil mit Säbelrasseln normalerweise nationalistische Wähler begeistert werden können. Doch diesmal geschieht das Gegenteil. Mit der Entspannung folgen die Politiker in beiden Ländern nach Einschätzung von Experten der Stimmung ihrer Wähler – und die wollen keinen Konflikt.
Türken und Griechen streiten über die Grenzziehung in der Ägäis, um Zypern und um Gasvorräte im östlichen Mittelmeer. Ankara warf Athen im vergangenen Jahr außerdem vor, die USA von der Lieferung moderner Kampfflugzeuge an die Türkei abbringen zu wollen. Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte damals, der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis existiere für ihn nicht mehr.
Jetzt hat Erdogan innerhalb weniger Wochen mehrmals mit Mitsotakis telefoniert. Anlass waren die Erdbeben in der Türkei und das Zugunglück in Griechenland im Februar. Dendias flog als erster ausländischer Politiker ins türkische Erdbebengebiet; griechische Bergungsteams retteten Überlebende aus den Trümmern eingestürzter Häuser. Ankara schickte den in der Türkei inhaftierten Vater eines Opfers des Zugunglücks nach Griechenland zurück.
Diese Gesten schoben den Dialog zwischen den Regierungen wieder an. Cavusoglu und Dendias verabredeten in Brüssel, dass die Türkei die griechische Bewerbung um einen zweijährigen Sitz im UN-Sicherheitsrat unterstützt. Im Gegenzug macht sich Griechenland für die türkische Kandidatur zum Generalsekretariat der Weltschifffahrtsorganisation IMO stark.
Kurz nach dem Brüsseler Treffen besprachen Delegationen beider Seiten in Ankara gemeinsame Projekte in mehr als 25 Bereichen von der Energiepolitik bis zum Tourismus. Anschließend teilten sie mit, mehrere neue Vereinbarungen seien unterschriftsreif. Die Militärs beider Länder kamen nach einem Bericht der griechischen Zeitung „Kathimerini“ überein, Manöver in der Ägäis auf das absolute Minimum zu beschränken.
Den Grund für die plötzliche Friedfertigkeit sehen Experten in der öffentlichen Stimmung in beiden Ländern. Griechen und Türken seien der Eskalation durch die Politiker in beiden Ländern nie gefolgt, sagt der Politologe Ioannis Grigoriadis, Chef des Türkei-Programms der griechischen Denkfabrik Eliamep und Dozent an der türkischen Universität Bilkent in Ankara. Die Wähler befürworteten einen gemäßigteren Kurs, sagte Grigoriadis, als er jetzt eine neue Umfrage zu dem Thema vorstellte.
In der Studie, für die Bürger in beiden Ländern vor der jüngsten Entspannung befragt wurde, zeigte sich zwar, dass die meisten Griechen und Türken die Probleme zwischen beiden Ländern als ernst einschätzen. Doch nur Minderheiten von jeweils weniger als 20 Prozent in beiden Ländern befürworten eine militärische Lösung. Fast jeder zweite Grieche und mehr als jeder zweite Türke fordert einen Ausbau der politischen und diplomatischen Beziehungen.
„Die Regierungen folgen mit ihren verbesserten Beziehungen in den letzten Wochen der öffentlichen Meinung“, sagte Grigoriadis. „Sie passen sich also den Ansichten der meisten Griechen und Türken an, die sich von der Konflikt-Rhetorik der vergangenen Jahre nicht haben überzeugen lassen. Die meisten wollen friedliche Lösungen.“