Weltrekord in Leer  So fühlen sich die Taucher nach ihrem Weltrekord

Michael Kierstein
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Von Michael Kierstein
| 26.03.2023 13:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
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Vier Taucher haben im Leeraner Plytje einen Weltrekord aufgestellt. Einer gibt persönliche Einblicke.

Leer - Es ist still im Leeraner Plytje. Nur das Plätschern des Wassers ist zu hören. Doch unter der Wasseroberfläche regt sich etwas: Vier Taucher bewegen sich auf das Ende der Bahn zu. Es ist Holger van der Slyk, der zuerst die Mauer am Ende der Bahn berührt. Und dann wird es laut.

Was und warum

Darum geht es: Im Leeraner Plytje wurde ein Weltrekord gebrochen. Für den guten Zweck.

Vor allem interessant für: Alle, die wissen wollen, ob der Weltrekordversuch gelungen ist.

Deshalb berichten wir: Wir waren vor Ort und wollten wissen, wie die Taucher sich fühlen

Den Autoren erreichen Sie unter: m.kierstein@zgo.de

Der Rekord im Apnoe-Tauchen wurde gebrochen. Entsprechend groß ist die Freude. Foto: Kierstein
Der Rekord im Apnoe-Tauchen wurde gebrochen. Entsprechend groß ist die Freude. Foto: Kierstein

Über 50 Menschen werfen Luftschlangen und Jubeln: Es ist geschafft. Der Weltrekordversuch im Apnoe-Tauchen ist beendet und ein neuer Rekord steht. Zusammen mit Cornelius Bussen-Habbena aus Emden, Sven Bonk aus Holthusen und Anton Telgen aus Papenburg hat van der Slyk es geschafft. 24 Stunden tauchten die Männer. Mit jeder Bahn, die sie schafften, ging Geld an den Verein „Steernsnupp“ aus Bunde.

Sven Bonk nahm als Taucher an dem Rekordversuch teil. Foto: Kierstein
Sven Bonk nahm als Taucher an dem Rekordversuch teil. Foto: Kierstein

Weltrekord geknackt

Kurz nach van der Slyk durchbrach Sven Bonk aus Holthusen die Wasseroberfläche. Er atmete sichtlich schwer. Doch beim Blick auf die feiernden Menschen reckt er einen Arm in die Höhe und lacht. Er hat es geschafft. „Die letzte Bahn war super“, sagt der 33-Jährige. Zu viert tauchten sie ins Ziel. Insgesamt 79.500 Meter legten sie gemeinsam zurück. Der vorige Weltrekord lag bei 55.000 Metern. Offiziell ist der neue Rekord aber nicht. Das prüfen zu lassen, wäre zu teuer gewesen. Und das gesamte Geld soll an den Verein „Steernsnupp“ gehen, der sterbenskranken Menschen Wünsche erfüllt. Davon sollte nichts für eine Jury ausgegeben werden. „Jetzt bin ich einfach nur müde. Meine Beine machen dicht und die Flossen fühlen sich an wie aus Blei“, sagt der 33-Jährige. Dennoch lächelt er.

24 Stunden zuvor sah sein Gesicht noch anders aus. Er wirkte verbissen, hochkonzentriert und nervös. Als der Rekordversuch startete, musste er noch warten. Da sich die Männer in Zweierteams ins Wasser stürzten, war klar, dass zwei Taucher Geduld beweisen müssen. Es traf Sven Bonk und Cornelius Bussen-Habbena. Während ihre Kollegen schon Bahnen zogen, mussten sie warten.

Nervös vor dem ersten Tauchgang

Die Aufregung war dem Holthuser anzumerken. Immer wieder schloss und öffnete er seinen Neoprenanzug, zog sich ein T-Shirt über und lief am Beckenrand auf und ab. Sein Blick: konzentriert. 20 Minuten bevor es für ihn losging, nahm seine Frau Kerstin ihn zur Seite. Das Paar zog sich auf eine Bank zurück und redete.

Vier Taucher, ein Ziel: der Weltrekord im Apnoe-Tauchen. Foto: Kierstein
Vier Taucher, ein Ziel: der Weltrekord im Apnoe-Tauchen. Foto: Kierstein

Gedämpft sprachen sie und Kerstin berührte immer wieder Svens Arm, die Schultern des trainierten Mannes entspannten sich. Ein kurzes Lächeln stahl sich über sein Gesicht. Es waren Minuten des Innehaltens, der Ruhe, während um das Paar herum das Gewusel immer weiter zunahm. Dann der Blick aufs Handy. Acht Minuten. Die Anspannung ist zurück: „Ich will nur noch ins Wasser“, sagt er. Die Wasserflasche in seiner Hand zeigt, wie es in ihm auszusehen scheint. Immer schneller schlägt er sie in seine Hand. „Es ist die Liebe zum Wasser, die Entspannung beim Tauchen und gleichzeitig werde ich an meine Grenzen gehen“, sagt er.

Ein letzter Blick

Während Sven erzählt, wie es in ihm aussieht, sammelt seine Frau Gewichte, Flossen und Taucherbrille zusammen. Sie lächelt. „Ich bleibe die ganze Zeit bei ihm“, sagt sie. Ihr Blick auf ihren Mann gefesselt. Auch der 33-Jährige sucht den Blickkontakt. Dann wird es ernst.

Kurz vorm Tauchgang sprach Kerstin Bonk ihrem Mann gut zu. Foto: Kierstein
Kurz vorm Tauchgang sprach Kerstin Bonk ihrem Mann gut zu. Foto: Kierstein

Anton Telgen und Holger van der Slyk verlassen das Becken. Sven Bonk ist an der Reihe. Er holt tief Luft und macht sich auf den Weg. „Wir haben in den vergangenen Monaten mehrmals die Woche trainiert. Zu Hause kam dann Kraft- und Ausdauertraining dazu“, sagte er im Vorfeld. Vier Monate dauerte diese Phase. Und eigentlich gab es einen weiteren Plan: Am Tag vor dem Weltrekord gut schlafen und dann frühstücken. „Das hat nicht geklappt“, sagt er und lacht. „Die letzten zwei Tage waren aufregend. Gestern Abend haben wir dann gepackt“, sagt seine Frau. All das ist nun vergessen.

Schwereloses Gleiten

Sven Bonk gleitet durch das Wasser des Plytje. „Unter Wasser denke ich ans nichts“, sagt er. Die Konzentration liegt auf der nächsten Bahn. Nach jeder Bahn nehmen sich die Taucher 20 Sekunden zum Durchatmen. Hierbei saugt Bonk auch die Stimmung auf. „Gegen halb 3 nachts kam bei mir der tote Punkt. Wir waren alle einfach müde“, erinnert er sich nach der Aktion. Außerdem waren keine Besucher mehr da. Die Ruhe sorgte zusätzlich für Müdigkeit.

Den Startschuss gab der bekannte Schauspieler Felix Vörtler. Foto: Kierstein
Den Startschuss gab der bekannte Schauspieler Felix Vörtler. Foto: Kierstein

Und dann kam die erlösende Nachricht: „Irgendwann sagte jemand, dass wir den Rekord geknackt haben“, so Bonk. Die Anspannung fiel ab. Holger van der Slyk und Jörg Metzner, bei dem alle Fäden zusammenliefen, läuteten eine Pause ein. Zwei Stunden nahmen sich die Taucher mitten in der Nacht, um Kraft zu tanken. Am frühen Morgen ging es dann wieder ins Wasser.

Die letzten Meter

Im Stundenrhythmus wechselten sich die Zweierteams ab. Sven Bonk und Cornelius Bussen-Habbena gehörten die letzten Bahnen. Um das Becken rum wurde es kurz vor Ablauf der Zeit unruhig. Sekt wurde verteilt und alle Helfer versammelten sich. Die letzte Bahn wurde genommen. „Für mich war der gute Zweck wichtiger als das Sportliche“, so Bonk nach der Siegesfeier. Und es hat sich gelohnt. Laut dem Verein „Steernsnupp“ kamen schon vor dem Startschuss mehrere tausend Euro zusammen. Und da sind die Gelder der Sponsoren noch nicht eingerechnet.

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Apnoe-Tauchen-Weltrekord
26.03.2023

Die Taucher hatten Firmen und Privatleute gewonnen, die für jede geschaffte Bahn einen Betrag spendeten. In zwei Wochen will der Verein einen Überblick darüber geben, wie viel Geld bei der Aktion zusammenkam. Dennoch waren die Mitglieder des Vereins gerührt. Der Verein braucht das Geld, um sterbenskranken Menschen die letzten Wünsche zu erfüllen. Die Tauchaktion hat dabei einen großen Anteil geleistet. Und nebenbei einen inoffiziellen Weltrekord aufgestellt und ihren Sport einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Entsprechend glücklich war auch Sven Bonk. Eigentlich wollte er am Sonntagabend noch mit seiner Frau essen gehen. „Wenn ich bis dahin wieder wach bin, machen wir das“, sagt er und lacht. Seine Frau ist da skeptischer.

„Ich sehe das nicht“, sagt sie. Beide haben aber am Montag frei. „Er wird Muskelkater haben. Wir werden uns entspannen und vielleicht spontan etwas machen“, sagt sie und lächelt. Bei einem sind sie sich aber einig: Wenn es so eine Aktion noch einmal gibt, sind sie wieder dabei.

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