Prozess um versuchten Mord  26-Jähriger stach mit zehn Zentimeter langer Klinge zu

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 28.03.2023 16:16 Uhr | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Außer versuchtem Mord legt die Staatsanwaltschaft dem 26-Jährigen unerlaubten Waffenbesitz und einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz zur Last. Foto: Ortgies
Außer versuchtem Mord legt die Staatsanwaltschaft dem 26-Jährigen unerlaubten Waffenbesitz und einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz zur Last. Foto: Ortgies
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Ein 26 Jahre alter Mann steht seit Dienstag wegen versuchten Mordes in Aurich vor Gericht. Mit einer zehn Zentimeter langen Klinge stach der Obdachlose in Leer auf einen anderen Obdachlosen ein.

Aurich - Ein versuchter Mord im Leeraner Obdachlosenmilieu beschäftigt seit Dienstag die Schwurgerichtskammer des Auricher Landgerichts. Ein 26 Jahre alter Mann gestand beim Prozessauftakt, einem 37-jährigen Bekannten mehrere Stiche mit einem Butterfly-Messer zugefügt zu haben. Ohne Vorwarnung stieß er ihm am 3. Oktober vergangenen Jahres um 16.21 Uhr die zehn Zentimeter lange Klinge zwei bis drei Mal in den Rücken. Der Beschuldigte bestritt, in Tötungsabsicht gehandelt zu haben. Tatort war der Gehweg vor einem Kiosk an der Bremer Straße.

Das Opfer – er kannte es flüchtig aus der Obdachlosenunterkunft – habe er „nur verletzen“ wollen, betonte der Beschuldigte. Er habe sich durch den Geschädigten bedroht und unterdrückt gefühlt. „Ich weiß nicht, ich hab es einfach für richtig empfunden. Ich wollte ein Zeichen setzen, dass ich nicht mehr auf die Fresse kriege“, ließ er sich auf die Frage des Gerichts nach seinem Motiv ein. Seiner Schilderung nach war es zuvor am Bahnhof zu einer aggressionsüberschatteten Begegnung mit dem späteren Opfer gekommen.

Messer im Rücken zuerst gar nicht bemerkt

Der Geschädigte erlitt eine Lungenverletzung. Er überlebte die Attacke dank einer operativen Versorgung. Während der Beschuldigte eine Art Verfolgungsjagd mit einem zweiten Zustechen in der Reimersstraße schilderte, sprach das Opfer von einer einzigen Attacke von hinten vor dem Kiosk, die sich wie ein Anrempeln angefühlt habe. „Ich wollte hinterher, ich habe gar nicht mitbekommen, dass ich ein Messer in den Rücken bekommen habe.“ Er sei vom Boden aufgestanden und habe den 26-Jährigen verfolgt, zuletzt sogar mit dem Rad – „dann bin ich weggeklappt“.

Der Beschuldigte leidet unter einer Krankheit des schizophrenen Formenkreises und ist inzwischen in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er in schuldunfähigem Zustand oder im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit gehandelt hat. Zum Schutz der Allgemeinheit beantragte sie seine dauerhafte Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Weiter legte sie ihm unerlaubten Waffenbesitz und einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz zur Last, weil bei seiner Festnahme 0,5 Gramm Heroin in der Bauchtasche seines Kapuzenpullis sichergestellt wurden.

„Sie haben das Raumschiff an die Zelle angedockt“

Der 26-Jährige ist drogensüchtig. Aufgewachsen in geordneten Verhältnissen in Westoverledingen, geriet er im Jahr seines Realschulabschlusses 2015 mit Drogen in Kontakt. Zu dieser Zeit bekam er auch erste psychische Probleme, die Klinikaufenthalte nach sich zogen. Wegen eines Aggressionsproblems zog er von zu Hause aus in eine betreute Wohngemeinschaft, von dort zu Verwandten, schließlich geriet er in die Obdachlosigkeit. Amsterdam, München, Hamburg, Berlin – bettelnd tingelte er durch die Städte, konsumierte Cannabis und Kokain. Zum Heroin kam er erst vergangenes Jahr in Leer, wo er sich seit August aufgehalten hat. „Mir ging es nicht so gut, da wollte ich was Cooles machen“, sagte der Beschuldigte, der am liebsten weiterhin Drogen nehmen und von Arbeitslosengeld leben würde.

Im Gefängnis in Stade hatte er nach eigenen Angaben Besuch von Aliens. „Sie haben das Raumschiff an die Zelle angedockt und sind durch die Wand gekommen“, meinte er. „Zum Chillen, vielleicht wollten sie mir auch helfen.“ Weitere Auszüge aus seinem wahnhaften Erleben kamen zur Sprache.

Opfer leidet unter Angst- und Schlafstörungen

Eine Rechtsmedizinerin schätzte die durch das Messer zugefügten Verletzungen als lebensbedrohlich ein. Das Opfer ist damals zunächst in eine Klinik gebracht und versorgt worden, hat sich aber dann gegen ärztlichen Rat selbst entlassen. Am Folgetag entwickelte der 37-Jährige einen Pneumothorax mit erheblichen Atemproblemen. Nach der Operation musste er fünf Tage lang im Krankenhaus bleiben. Er hat Narbenschmerzen und kann nicht schwer heben.

„Es tut mir leid. Ich hoffe, dass es Ihnen besser geht“, entschuldigte sich der Täter. Der Leeraner reagierte sarkastisch: „Besser gehen wäre schön“. Er erklärte dem Messerstecher, noch immer unter Angst- und Schlafstörungen zu leiden.

Das Verfahren wird am 12. April um 11 Uhr in Saal 108 mit einem Zeugen und dem psychiatrischen Gutachten fortgesetzt. Am 26. April (9 Uhr, Saal 003) fällt das Urteil.

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