Hamburg Wieso werden Käseplatten häufiger gemalt als Geburten? Weil Männer Käse essen, aber nicht gebären
Ohne Geburt ist alles nichts – außer in der Kunst, wo dieser zentrale Aspekt des Menschseins lange Zeit kaum Beachtung fand. Warum sind Schwangerschaft und Niederkunft so übersehene Themen?
Natürlich habe ich mich am meisten auf die „Nanas“ gefreut: diese bunten, fröhlich wirkenden Frauenkörper, deren üppige Brüste, Pos und Bäuche das Leben zelebrieren. Für sie ist die französisch-amerikanische Künstlerin Niki de Saint Phalle bekannt. Eine „Nana“ ziert meine Eintrittskarte für die Ausstellungshalle „Schirn“ in Frankfurt.
Doch weder die „Nanas“, noch das mit Farbe „erschossene“ Frühwerk werden künftig das Erste sein, das ich mit der Künstlerin verbinden werde. Es werden die Darstellungen gebärender Frauen sein, insbesondere eine Art 3D-Collage mit dem Titel „Altar der Frauen“, die eine Braut, eine Gebärende und eine Prostituierte darstellen sollen.
Auch wenn die Drastik des entblößten, fragmentierten Körpers nicht einfach zu ertragen war, kann ich das Werk nicht vergessen. Denn erst dadurch realisierte ich, wie „männlich“ mein Blick auf weibliche Körper in der Kunst ist. Oder können Sie sich daran erinnern, jemals ein Werk einer hochschwangeren Frau (die nicht Maria ist!) oder gar einer Gebärenden in einem Museum gesehen zu haben? Schreiben Sie mir gerne, ich will dazulernen.
Aber wie kann es sein, dass die Geburt als Inbegriff dessen, was den weiblichen vom männlichen Körper unterscheidet, in der Kunst keine Beachtung findet? Dass ich schon hunderte Stillleben von arrangierten Obst- und Käseplatten gesehen habe, tausende adelige Männer porträtiert „bewundern“ durfte, aber die Darstellung einer Geburt, des Inbegriffs des Lebens selbst, mich irritiert? Es tut mir leid, aber warum interessiert sich die Kunst nicht für die Geburt?
Gebären ist eine weibliche Erfahrung. Eine Erfahrung, die die überwiegend männlichen Künstler, durch deren Brille wir die Vergangenheit sehen, nicht nachempfinden konnten und nicht abgebildet haben. Der weibliche Körper fand im Sinn der Minne lange Zeit nur dann in der Kunst Beachtung, wenn die Frau als „femme fatale“ dargestellt wird, wie es auch die gleichnamige Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle zeigt – während die Körperlichkeit einer (werdenden) Mutter übergangen wurde.
Erst in der Moderne lehnen sich Künstlerinnen gegen diese Reduzierung auf: Niki de Saint Phalle, aber auch Paula Modersohn-Becker, die sich mit nacktem Babybauch porträtierte, oder Charlotte Berend-Corinth, die sich selbst in den Geburtswehen malte, zeigen eine weibliche Körperlichkeit, die in vorherigen Jahrhunderten kaum Beachtung fanden.
Die Kunst von Niki de Saint Phalle ist nicht einfach. Sie ist voller Wut: auf Männer, die sie unterdrückt haben, auf ein System, das Frauen unterdrückt. Ihre Ästhetik ist anspruchsvoll und komplex – genauso wie die weibliche Körperlichkeit.