Tötungsdelikt Popenser Straße  Frau in Aurich erwürgt – Tonband gibt Einblick in Tatnacht

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 30.03.2023 17:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
das Foto zeigt den Angeklagten am ersten Verhandlungstag zwischen seinem Wahlverteidiger Martin Lindemann (Bad Oeynhausen, links) und Pflichtverteidiger Joachim Müller (Aurich). Foto: Archiv/Ortgies
das Foto zeigt den Angeklagten am ersten Verhandlungstag zwischen seinem Wahlverteidiger Martin Lindemann (Bad Oeynhausen, links) und Pflichtverteidiger Joachim Müller (Aurich). Foto: Archiv/Ortgies
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Im Prozess um ein Tötungsdelikt in Aurich-Popens wurde der Notruf des Angeklagten abgespielt. Zudem sagten Zeugen aus, die als erste am Tatort waren.

Aurich - „Ich bin gerade nach Hause gekommen. Meine Frau liegt im Wohnzimmer, überall Blut“ – im Schwurgerichtsprozess um ein Tötungsdelikt in Aurich-Popens ist am Donnerstag im Landgericht Aurich der Notruf des Angeklagten abgespielt worden. Im Hintergrund ist die brabbelnde Stimme eines Kleinkindes zu hören. Seine Frau atme nicht, sagt der 27-jährige Auricher offenbar schockiert. Eine Bewegungsprobe ihres Armes, die er auf Anraten einer Mitarbeiterin des Polizeinotrufs vornimmt, führt zu dem Ergebnis, dass der Arm „hart“ ist.

Die Staatsanwaltschaft legt dem 27-jährigen Auricher den Mord an seiner 20-jährigen Lebensgefährtin und Mutter seiner kleinen Tochter zur Last. Die beiden waren nach muslimischem Recht verheiratet. Er soll sie erwürgt haben, um mit einer anderen Frau zusammen sein zu können. Die Getötete wurde am Morgen des 19. September 2022 tot in der gemeinsamen Wohnung im zweiten Stock eines älteren Mehrparteienhauses aufgefunden. Der Angeklagte schweigt bisher zu dem Vorwurf. Neben seinen beiden Verteidigern sitzend verfolgte er die Verhandlung, gut bewacht von Justizwachtmeistern. Derzeit befindet er sich in Untersuchungshaft.

„Irgendwas ist hier komisch“

Der Streifenbeamte, der als erster am Tatort war, traf den Witwer vor dem Haus mit dem Kind im Schlafanzug auf dem Arm an. Der Notarzt und der Rettungsdienst hatten zuvor den Tod der Frau festgestellt. Er habe mit der Tatortsicherung begonnen, berichtete der 59-Jährige.

Seine 39-jährige Kollegin erinnerte sich an eine Äußerung des Notarztes. „Irgendwas ist hier komisch“, soll er ihr gegenüber geäußert haben. Sie blieb bei dem Witwer vor dem Haus. Auf Nachfrage des Gerichts beschrieb sie seine Stimmung. „Er war schon angefasst, zittrig und hatte gerötete Augen, war aber insgesamt gefasst“, sagte sie. Ihr habe er erzählt, er sei gegen 1 Uhr von der Arbeit gekommen, habe den Schlüssel vergessen und vergeblich bei seiner Lebensgefährtin auf dem Handy angerufen. Daraufhin habe er bei seinen Eltern übernachtet und sei am nächsten Tag zurückgekommen. Alles sei durchwühlt und der Tresor geleert gewesen. Er leite die Spielhallen seines Vaters. Seine Klientel, darunter Drogenjunkies, wüssten, wo er wohne. „Er sagte, er habe mit niemandem Streit“, erzählte die Polizeibeamtin. Für sie habe sich der 27-Jährige erstmal nicht dem Beschuldigten-Status genähert.

Nachbarn sagen vor Gericht aus

Der 57-jährige Vater des Angeklagten machte von seinem Zeugenverweigerungsrecht Gebrauch. Als letzte Zeugen sagte das Paar aus der Nachbarwohnung aus. Das Haus sei hellhörig, sagte der 38-jährige Nachbar. Man höre, wenn jemand raus- oder reingehe, auch das weinende Kind. Kontakt hätten sie zu dem Angeklagten und seiner Lebensgefährtin wenig gehabt. Das Paar hätte gelegentlich gestritten – „das war ganz normal halt“.

„Am Tag des Geschehens hat meine Frau die Schreie bemerkt und ich habe gesagt, ,Ja, wie immerʻ, und bin schlafen gegangen“, sagte er aus. Hilferufe habe er nicht wahrgenommen. Den Angeklagten traf er morgens gegen 7.30 Uhr an, als er selbst seine Schuhe reinholen wollte, um die Kinder zur Schule zur bringen: „Er war komplett anders, als er im Hausflur stand. Er sagte ,Guten Morgenʻ und war sehr entspannt.“ Gegenüber der Polizei habe der Angeklagte dagegen verzweifelt gewirkt.

„Dann war sie plötzlich leise“

Die Nachbarin schilderte, was sie in der Tatnacht an Geräuschen mitbekommen hatte: „Man hat ganz laute Tritte im Haus gehört und Streitigkeiten und Klopfen. Sie hat geweint und laut gesprochen. Man hat ihn kurz gehört. Dann war sie plötzlich leise. Danach habe ich etwas wie einen Staubsauger gehört, es wurde gezogen und knallte gegen die Wand.“ Als die Frau am Schreien gewesen sei, habe sie ihre Wohnungstür geöffnet und klopfen wollen – „aber ich hatte Angst“.

Morgens sei der Angeklagte zwischen 7.30 und 7.45 Uhr im Flur gestanden. Er habe geklingelt, an die Tür geklopft und telefoniert. „Um 8 Uhr ist jemand ganz leise reingegangen und hat das Mädchen genommen“, berichtete sie ihre Beobachtungen. 15 Minuten später sei die Polizei gekommen.

Der Prozess wird am 13. April um 9 Uhr in Saal 003 mit weiteren Zeugen fortgesetzt.

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