Debatte über Femizide  Nehmen wir Morde an Frauen ernst genug?

| | 31.03.2023 18:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Weltweit rücken Femizide in den Fokus: Dieses geschmückte Kreuz stand in Brasilien vor dem Parlament bei einer Aktion zum internationalen Tag der Gewalt an Frauen. Foto: Peres/dpa
Weltweit rücken Femizide in den Fokus: Dieses geschmückte Kreuz stand in Brasilien vor dem Parlament bei einer Aktion zum internationalen Tag der Gewalt an Frauen. Foto: Peres/dpa
Artikel teilen:

Kann man Frauen besser davor schützen, Opfer des eigenen Partners zu werden? Ja, findet die Buchautorin Carolin Haentjes und erklärt in Leer, welche Anzeichen und Lösungen es gibt.

Leer/Aurich - Als die schlanke Frau mit den großen Augen und kurzen Haaren das Buch aufschlägt, wird es um sie herum still. Die Autorin und Filmemacherin Carolin Haentjes beginnt damit, wie sie selbst auf das Thema Femizide aufmerksam wurde: mit einer Frau, die gerade einmal einen Kilometer von Haentjes Wohnung entfernt im Leipziger Auwald mit einem Hammer von ihrem Ex-Partner erschlagen wurde. Myriam war ihr Name. Am Körper trug sie während der Tat ihren Säugling. Sie starb ein paar Tage später im Krankenhaus, dem Kind passierte nichts. Das war in Frühjahr 2020. Nähe macht betroffen und so fing Haentjes an, sich mit dem Fall zu beschäftigen. Am Ende wurde ein ganzes Buch daraus.

Was und warum

Darum geht es: Ende vergangenen Jahre gab es zwei Morde an Frauen mit Bezug zur Kreisstadt Aurich – nehmen wir diese Verbrechen in Deutschland ernst genug? Die Autorin des Buches „Femizide – Frauenmorde in Deutschland“ spricht über die Erfahrungen, die sie bei ihrer Recherche zu diesem Thema gemacht hat.

Vor allem interessant für: alle, die sich um Sicherheit von Frauen und gewalttätige Männer sorgen machen

Deshalb berichten wir: Die beiden Serviceclubs der Soroptimisten Leer-Papenburg und Norden-Ostfriesland haben sich bei einem gemeinsamen Clubtreffen bei der Autorin und Filmemacherin Carolin Haentjes über Femizide in Deutschland informiert.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

An diesem Abend wird sie etwa 40 Frauen beim Treffen der Soroptimisten Leer-Papenburg und Norden-Ostfriesland im Restaurant Zur Waage in Leer erzählen, auf was sie während der Recherche gestoßen ist. Denn auch in Deutschland sterben regelmäßig Frauen durch die Hand von Männern, die ihren freien Willen nicht akzeptieren können oder die ihnen kein eigenständiges und erfolgreiches Leben zugestehen. So beschreibt es die Autorin und Filmemacherin Carolin Haentjes. Mit Julia Kruschwitz hat sie das Buch „Femizide – Frauenmorde in Deutschland“ geschrieben.

Autorin und Filmemacherin Carolin Haentjes hat mit Julia Kruschwitz das Buch „Femizide – Frauenmorde in Deutschland“ geschrieben. Foto: Privat
Autorin und Filmemacherin Carolin Haentjes hat mit Julia Kruschwitz das Buch „Femizide – Frauenmorde in Deutschland“ geschrieben. Foto: Privat

Bei den letzten beiden Morden an Frauen mit Bezug zu Aurich waren ebenfalls Partner oder Ex-Partner die mutmaßlichen Täter. In der Popenser Straße wurde am 19. September 2022 eine 20-jährige Kurdin tot in ihrer Wohnung in einem Mehrparteienhaus in Aurich gefunden. Mutmaßlich wurde sie von ihrem 27-jährigen Lebensgefährten erwürgt, dem sie im Weg war – vor den Augen der zweijährigen Tochter. Die Auricherin Anna K. wurde mit ihrem zweijährigen Sohn am 30. September 2022 im griechischen Bergdorf Lekani in einem Viehstall von ihrem Ex-Partner erschossen. Das hatte er ihr bereits nach der Trennung angedroht. Als sie das der Polizei erzählt hatte, schickte die sie wieder nach Hause. Gibt es etwas, das die Gesellschaft tun kann, um solche Taten zukünftig effektiver zu verhindern? Genau das wollen die Autorinnen mit ihrer Recherche zeigen.

Das sollte man über Femizide wissen:

Welche Taten gelten als Femizide?

Weltweit gibt es verschiedene Formen von Femiziden – die Abtreibung weiblicher Embryonen oder bei Genitalverstümmelungen gestorbene Frauen zählen etwa ebenfalls dazu. In Europa und Deutschland sind es vor allem Partnerschaftstötungen wie im Fall Myriam, Anna K. und der in Aurich getöteten 20-jährigen Kurdin. Speziell mit solchen Fällen hat sich das Autorenduo beschäftigt.

Wie häufig kommt es zu Femiziden?

Die Autorinnen wollten wissen, ob die Gesellschaft etwas dafür tun kann, dass in Deutschland nicht mehr rein statistisch jeden Tag ein Mann versucht, seine Partnerin oder Ex-Partnerin zu töten – und jeden dritten Tag einer der Versuche erfolgreich ist. Haentjes hat mit Überlebenden gesprochen und mit Expertinnen. Sie wollte wissen, ob diese Fälle Mustern folgen. Antwort: Ja, diese Muster gibt es.

Wieso töten Männer ihre Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen?

Herausgefunden haben Haentjes und Kruschwitz, dass solchen Taten oft längere Beziehungen vorausgehen. Oft steckt der Täter in einer schwierigen Lebenssituation, war zum Beispiel von einem Jobverlust betroffen oder hatte Geldsorgen. Trennt sich die Frau, haben die Männer das Gefühl, etwas zu verlieren, das ihnen eigentlich zusteht oder noch geblieben ist. „Oft gibt es beim Mann ein Statusdenken“, sagt Carolin Haentjes und zählt auf: Mein Haus, mein Auto, meine Frau. Ein gewisses männliches Dominanzdenken spiele ebenfalls eine Rolle. Die Männer denken, sie hätten das Recht, über die Frau zu verfügen.

Welche Frauen werden Opfer von Femiziden?

Betroffen sind in den vielen Fällen Frauen, die keine Mittel haben und sich nur schwer aus einer solchen Situation lösen können. Aber auch Frauen mit einem hohen sozialen Status trifft es, haben die Autorinnen herausgefunden. Sie kränken durch ihren Erfolg oder einen besseren Verdienst den Selbstwert des Partners. Sie sind deshalb auffällig oft von häuslicher Gewalt und am Ende auch von Femiziden betroffen.

Wann und wie werden solche Taten durchgeführt?

Häufig werden solche Taten eine gewisse Zeit nach der Trennung durchgeführt, sagt Carolin Haentjes und spricht von etwa sechs Monaten. Der Täter entwickelt in dieser Zeit ein sogenanntes Amokdenken, sein Blick verengt sich und er projiziert alles auf die Frau. Diese wird als Ursache dafür wahrgenommen, warum es ihm schlecht geht. Nicht immer sei einem Femizid Gewalt in der Beziehung vorausgegangen. „Registriert wurde Gewalt in einer Beziehung bei Femiziden nur in einem Drittel der Fälle“, so Carolin Haentjes. Es sei eher nicht so, dass eine Frau stirbt, weil der Partner einmal zu fest zugeschlagen hat. Die Taten sind ihrer Erfahrung nach häufig lange geplant und werden gewaltvoll ausgeführt. Auch Kinder können von der Tat betroffen sein.

Gibt es konkrete Auslöser für einen Femizid?

Termine, die eine Trennung manifestieren, können eine Tat auslösen. Dazu zählen zum Beispiel Termine vor dem Familien- oder Scheidungsgericht. Auch Heirat oder neue Partner sind Trigger. „Es sind oft keine unvorhersehbaren Situationen, in denen es zu einem Femizid kommt“, sagt Haentjes.

Tut sich etwas beim Schutz der Frauen?

Wenig – findet Carolin Haentjes. Immerhin sei die Thematik in der Bundesregierung angekommen und der Begriff Femizid werde dort inzwischen verwendet. Ein Konzept für den Umgang mit solchen Taten gebe es allerdings nicht. „Das einzige europäische Land, das ein Monitoring durchführt, ist Spanien“, sagt Haentjes. Dort seien solche Taten in der Öffentlichkeit zudem sehr geächtet.

Was wäre für einen effektiven Schutz notwendig?

Auch in Deutschland gebe es bereits Möglichkeiten, Frauen besser zu schützen, sagt die Autorin. Im Hochrisiko-Management bewerten verschiedene Stellen, ob ein Risiko besteht, wenn sich eine Frau zum Beispiel wegen Stalking an ein Frauenhaus wendet. Die Teilnehmer dieser Runden, wie Polizei, soziale Dienste oder Staatsanwaltschaft, überlegen gemeinsam, was mögliche Maßnahmen sein können. Dieses Werkzeug werde allerdings nicht flächendeckend eingesetzt und nur wenig genutzt. Ebenfalls wichtig seien ausreichende und kostenfreie Plätze in Frauenhäusern. Haentjes fordert außerdem, die Dynamiken, die Femiziden zugrunde liegen, besser zu erforschen und bekannter zu machen. Darüber hinaus könne auch potenziellen Tätern frühzeitig geholfen werden.

Ähnliche Artikel