Istanbul Erdogans Traumwagen: E-Auto „Togg“ soll Image des Präsidenten retten
Umgerechnet vier Milliarden Dollar hat der türkische Präsident in die Entwicklung des „Togg“ gesteckt. Reicht das, um Erdogans angeschlagenes Image vor der Wahl noch zu retten?
Recep Tayyip Erdogan bekommt sein Traumauto. An diesem Montag will der türkische Präsident das erste E-Auto seines Landes abholen. Mit dem für fast vier Milliarden Dollar entwickelten „Togg“ will Erdogan den Türken kurz vor den Wahlen am 14. Mai zeigen, dass das Land den Sprung zu einer modernen Industrienation geschafft hat. Für die meisten Türken ist das Auto allerdings unerschwinglich.
Die Türkei ist schon jetzt ein wichtiger Standort internationaler Autokonzerne wie Fiat, Ford oder Toyota, die dort Wagen für den europäischen Markt bauen lassen. Die Massenproduktion eines „nationalen und inländischen“ Autos, wie Erdogan es nennt, hat es aber noch nie gegeben.
Der Eröffnung der „Togg“-Fabrik im Oktober sagte Erdogan deshalb, für die Türkei gehe ein Traum in Erfüllung. Der „Togg“ sei der Stolz von 85 Millionen Türken. So ganz „national und inländisch“ ist der „Togg“ jedoch nicht. Das Design stammt von der italienischen Firma Pininfarina, der Motor von Bosch, und die Batterie wird mit einem chinesischen Partner hergestellt.
Erdogan will den „Togg“ eines Tages „auf den Straßen der ganzen Welt sehen“. Ab dem kommenden Jahr soll der Wagen nach Deutschland und in andere europäische Länder exportiert werden. Bis 2030 sollen eine Million der E-Autos vom Band rollen. Für „Togg“ – die Abkürzung steht für den Projektnamen „Unternehmensgruppe Türkisches Automobil“ – haben sich vier türkische Konzerne und der Verband der türkischen Handelskammern zusammengetan. „Togg“-Chef Mehmet Gürcan Karakas ist ein ehemaliger Bosch-Manager.
Gebaut wird der „Togg“ in der Provinz Bursa bei Istanbul, dem Zentrum der türkischen Autoindustrie. Um den einheimischen Absatz zu sichern, erhöhte Ankara den Einfuhrzoll für chinesische E-Autos, die dem „Togg“ Konkurrenz machen könnten, kürzlich um 40 Prozent. Zudem verpflichtete sich der türkische Staat zur Abnahme von 30.000 „Toggs“ bis 2035.
Mit dem Start der Auslieferung der Neuwagen an die Kundschaft kurz vor den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Mai kann Erdogan das Projekt im Wahlkampf nutzen. Das Auto gehöre zu seiner Vision eines „türkischen Jahrhunderts“, sagte der Präsident jetzt in einem Fernsehinterview. An diesem Montag will Erdogan als erster „Togg“-Kunde in seinen Wagen steigen; das zweite Exemplar geht an den aserbaidschanischen Staatschef Ilham Alijew, einen engen Partner von Erdogan.
Der türkische Präsident preist das Auto und die bisher 177.000 Vorbestellungen als wirtschaftlichen Erfolg seiner Regierung an. Angesichts hoher Inflation, dem Wertverfall der Lira und Erdbeben-Schäden von mehr als 100 Milliarden Dollar braucht Erdogan gute Nachrichten, die er unters Volk bringen kann.
Bis zum Wahltag will der Präsident deshalb noch andere Innovationen präsentieren. Für die kommenden Wochen plant er nach eigenen Worten die Vorstellung des in der Türkei entwickelten Kampfflugzeuges „Hürjet“. Auch will er das Kriegsschiff „TCG Anadolu“ vorstellen, das erste amphibische Landungsschiff der Türkei und neue Flaggschiff der türkischen Kriegsmarine. Bald soll zudem das erste Erdgas aus Gasfeldern vor der türkischen Schwarzmeerküste ins Netz gepumpt werden.
Zusammen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin will Erdogan zwei Wochen vor der Wahl den ersten Block des ersten türkischen Atomkraftwerkes in Betrieb nehmen, das vom russischen Unternehmen Rosatom für 20 Milliarden Dollar gebaut wird.
Mit den Paradeprojekten könnte Erdogan viele Türken eher abstoßen als erfreuen. Kritiker sehen den „Togg“ als Verschwendung von Steuergeldern für politische Zwecke. Der regierungskritische Kolumnist Orhan Bursali warf Erdogan vor, mit dem Wagen eine „Wahl-Show“ abzuziehen. „Togg“-Skeptiker verweisen zudem darauf, dass die nötige Infrastruktur fehlt: In der Türkei gibt es bisher nur wenige tausend öffentlich zugängliche Ladestationen.
Auch kommt der „Togg“ zu einer Zeit auf den Markt, in der viele Türken an einen Neuwagen nicht einmal denken können. Der gesetzliche Mindestlohn von 407 Euro im Monat, von dem Millionen Türken leben müssen, reicht für viele Familien nicht aus: Die Armutsgrenze für einen vierköpfigen Haushalt liegt nach Gewerkschaftsangaben bei einem Monatseinkommen von 1500 Euro.
Drei von vier Wählern nennen in Umfragen die schlechte Wirtschaftslage und die Arbeitslosigkeit als ihre größten Probleme. Genug Geld für einen „Togg“ haben nur wenige. Der Preis für das Einstiegsmodell von knapp 50.000 Euro ist zehnmal höher als ein Jahreseinkommen bei Mindestlohn.