Internet-Trend  Immer mehr junge Menschen stehlen – ist Tiktok schuld?

Tobias Rümmele
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Von Tobias Rümmele
| 03.04.2023 13:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Nagellack ist bei jungen Täterinnen ein beliebtes Diebesgut. Foto: Heimeier/DPA
Nagellack ist bei jungen Täterinnen ein beliebtes Diebesgut. Foto: Heimeier/DPA
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Online gibt es Anleitungen für Ladendiebstahl und Täter brüsten sich mit ihrem Vergehen. Die Polizei sieht aber auch andere Gründe für den sprunghaften Anstieg der Taten.

Landkreis Leer - Es ist eine der deutlichsten Entwicklungen in der aktuellen Kriminalstatistik der Polizeiinspektion Leer/Emden: Immer mehr Kinder und Jugendliche begehen Ladendiebstähle.

Die Polizei sieht die wachsende Zahl junger Täterinnen und Täter mit Sorge und macht insbesondere die sozialen Netzwerke als einen Brandbeschleuniger aus.

Was und warum

Darum geht es: Kinder und Jugendliche begehen verstärkt Diebstähle.

Vor allem interessant für: Eltern, Händler

Deshalb berichten wir: Die Polizei präsentierte ihre aktuelle Kriminalstatistik.

Den Autor erreichen Sie unter: t.ruemmele@zgo.de

Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Im vergangenen Jahr stieg im Bereich der Polizeiinspektion Leer/Emden die Zahl der Ladendiebstähle deutlich an: von 597 Fällen im Jahr 2021 auf nun 862 Fälle im Jahr 2022. Der sprunghafte Anstieg um etwa 44 Prozent ist ein klares Signal der Problematik. Ein anderes liegt in der Altersstruktur der Täterinnen und Täter.

Von 550 Tatverdächtigen, die die Polizei im vergangenen Jahr ermittelte, sind fast die Hälfte jünger als 21 Jahre. Insgesamt 267 Kinder, Jugendliche und Heranwachsende konnten von den Beamten als mögliche Ladendiebe ausfindig gemacht werden. Unter ihnen befanden sich 149 männliche und 118 weibliche Verdächtige.

Welchen Anteil hat das Internet?

Die Polizei verwies bei der Präsentation der aktuellen Kriminalstatistik für die Region auf problematische Entwicklungen in den sozialen Netzwerken. Im Fokus steht dabei insbesondere die Video-Plattform Tiktok, die bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt ist. „Es gibt dort tatsächlich Videos, die eine Anleitung zum Ladendiebstahl zeigen“, erklärt Angelika Grüter, Leiterin des Zentralen Kriminaldiensts. Junge Täter würden aus diesen Videos lernen. Tatsächlich reicht eine kurze Suche im Internet, um diverse solcher Videos zu finden. Oftmals werden sie unter dem verharmlosenden Motto „borrowing“ (englisch für „ausleihen“) präsentiert.

Die Anleitungen für Täterinnen und Täter sind aber nicht das einzige Problem der sozialen Medien. Diese werden von den Tätern auch nach ihrem Vergehen genutzt. „Sie brüsten sich dort mit ihrem Diebstahl“, beobachtet Thomas Memering, Leiter der Polizeiinspektion Leer/Emden.

Haben Täter zu oft leichtes Spiel?

Die Polizei hat insbesondere sogenannte Selbstbedienungskassen als einen Schwachpunkt im Sicherheitssystem der Händler ausgemacht. Bei diesen scannen Kunden ihre Ware selbst ein und bezahlen diese elektronisch – ohne dass ein Mitarbeiter des Marktes ein Auge auf dem Vorgang haben muss. Johann Doden, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Ostfriesland räumt gegenüber der Redaktion ein: „Zahlen lügen nicht. An der einen oder anderen Stelle, wird es den Tätern sicherlich zu leicht gemacht.“ Das ändere aber nichts daran, dass es sich bei dem Diebstahl um eine Straftat handle, betont er. Das Problem bei solchen Bezahlsystemen sei, dass die anderen Sicherheitsmechanismen so gut sein müssten, dass der Täter im Nachhinein ermittelt werden könnte.

Dass Kinder und Jugendliche derart im Fokus von Ermittlungen stehen, ist für Doden neu. „So extrem habe ich es nicht in Erinnerung“, sagt er. Dass Ladendiebstahl als eine Art Mutprobe von Kindern und Jugendlichen begangen wird, sei jedoch bereits früher zu beobachten gewesen. Ein Problem für die wachsenden Zahlen seien aber auch mangelnde Folgen, die Täterinnen und Täter für ihre Straftaten fürchten müssen. „Viele Händler resignieren“, sagt der Verbandschef. „Sie fragen: ‚Was sind überhaupt die Konsequenzen für eine Anzeige?‘“ Oftmals träten bestimmte Täter immer wieder mit Ladendiebstählen in denselben Geschäften in Erscheinung.

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