Ungewisse Zukunft  RTC in Timmel – der große Traum war schnell geplatzt

| | 03.04.2023 18:19 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In der großen Halle des RTC in Timmel finden 822 Zuschauer Platz. Foto: Stromann
In der großen Halle des RTC in Timmel finden 822 Zuschauer Platz. Foto: Stromann
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Die Gemeinde Großefehn stoppt den Betrieb des Reitsport-Touristik-Centrums. Der ehemalige Bürgermeister Hayo Wolters sieht mit Schrecken, was aus seinem Baby geworden ist.

Timmel - Keine falsche Bescheidenheit: Die Großefehn Tourismus GmbH wirbt auf ihrer Homepage für das Reitsport-Touristik-Centrum (RTC) Ostfriesland mit markigen Worten. „Das RTC ist mehr als eine Reitsportanlage: Es ist Kongress-Centrum, Messehalle, Konzertbühne, Hörsaal, Tagungsort, Festplatz, Sportarena und vieles mehr.“

Wer sich dann jedoch durch den Veranstaltungskalender klickt, sieht außer Reitabzeichen- und Dressur-Lehrgängen nicht viel. Nein, das RTC ist nie zur Bühne für Top-Stars oder zum Messe-Hotspot geworden. Auch nicht zum Mekka des Pferdesports. Stattdessen ist es ein Verlustbringer. Jahr für Jahr fährt das RTC sechsstellige Defizite ein, die die Gemeinde Großefehn ausgleichen muss. Politik und Verwaltung ziehen nun die Reißleine. Der Betrieb des RTC wird zum Jahresende eingestellt, so wird es der Rat am 11. April aller Voraussicht nach beschließen.

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„Potenzial nie genutzt“

Seit Jahren wird in Großefehn über das RTC gestritten. Schon öfter haben Ratsmitglieder gefordert, sich von dem Prestige-Objekt zu trennen. Das war bislang nicht möglich, weil die Gemeinde dann 3,3 Millionen Euro an Fördergeld hätte zurückzahlen müssen. Die Zweckbindung der Fördermittel läuft zum 30. Juni aus. Nun ist der Weg frei für etwas Neues.

Als der Bau des RTC beschlossen wurde, hieß der Bürgermeister der Gemeinde Großefehn Hayo Wolters. Das RTC ist so etwas wie sein Baby, obwohl er bei der Eröffnung 2008 bereits nicht mehr im Amt war. Der CDU-Politiker ist mittlerweile 81 Jahre alt und immer noch von der Idee überzeugt. „Ich stehe dahinter.“ Es sei jedoch ein großer Fehler gemacht worden, sagt er rückblickend: „Man hätte das RTC touristisch mehr einbinden müssen.“ Das Land habe seinerzeit Geld für das RTC gegeben, um den Tourismus anzukurbeln. „Es gibt so viele Pferdefreunde, Hobbyreiter und Profis, die Urlaub mit Pferd machen wollen“, sagt Wolters. Dieses Potenzial sei nie genutzt worden. Er hoffe, dass die Gemeinde doch noch einen Weg finde, das RTC wirtschaftlich zu betreiben. „Es kommt auf die handelnden Personen an.“

Solarien und Waschplätze für Pferde

Wolters′ Nachfolger als Bürgermeister, der heutige Auricher Landrat Olaf Meinen (parteilos), schaffte es zwischenzeitlich, das RTC-Defizit auf 150.000 Euro pro Jahr zu senken. Doch wirklich glücklich geworden ist auch er nicht mit dem RTC, ebenso wenig wie der jetzige Bürgermeister Erwin Adams (parteilos). Adams verschickte am Montag eine Pressemitteilung, in der es unter anderem heißt: „Insbesondere die Kombination aus Veranstaltungs- und Reitbetrieb ist nicht der klassischen Daseinsvorsorge beziehungsweise Grundversorgung einer Kommune zuzuordnen sowie in einer kommunalen Regieform nicht effizient zu betreiben.“

Mit anderen Worten: Es ist nicht die Aufgabe einer Gemeinde, eine Reit- und Veranstaltungshalle zu betreiben. Genau dieser Vorwurf sei auch immer wieder aus der Bevölkerung zu hören, sagt Siebelt Fohrden. Der CDU-Ratsherr ist Vorsitzender des Finanzausschusses. Er höre immer wieder Klagen, dass in Großefehn Pflichtaufgaben vernachlässigt würden, aber das Geld für eine relativ kleine Gruppe von Menschen, nämlich für Reitsport-Freunde, mit vollen Händen ausgegeben werde. Es kommt eben nicht überall gut an, dass da aus Steuermitteln eine Anlage mit zwei Reithallen, 44 Fünf-Sterne-Boxen, zwei Solarien und zwei Waschplätzen für Pferde betrieben wird.

„Während die Pferde warm duschen“

Der damalige Linken-Ratsherr Martin Heilemann drückte es 2015 drastischer aus: „Die Fußballvereine müssen sich mit schlecht gemähten Rasenflächen auf den Fußballplätzen herumquälen, während im RTC die Pferde warm duschen können.“ Er könne nicht akzeptieren, so Heilemann damals im Gespräch mit unserer Redaktion, dass man sich in Großefehn auf der einen Seite dem Spardiktat unterwerfen müsse, während auf der anderen Seite das Geld im RTC versickere. Die Grünen forderten die Schließung des „Geld fressenden Molochs“. Es solle endlich die Notbremse gezogen werden, statt Steuern zu erhöhen oder Kindergartenplätze abzubauen.

Schon damals wurde auch über einen möglichen Verkauf des RTC diskutiert. Der damalige Bürgermeister Meinen sagte: „Wer will das Objekt kaufen? Ich glaube nicht, dass es dafür viele Interessenten gibt.“ Wenn das RTC auf Sylt oder in sonst einem angesagten Tourismusort stünde, wäre das sicherlich anders, fügte Meinen hinzu.

Der Ton ist mittlerweile sachlicher geworden. Politik und Verwaltung sind sich einig, dass es mit dem RTC so nicht weitergehen kann. SPD-Fraktionschef Wolfgang Dirksen ist zuversichtlich, dass bis Ende des Jahres ein Pächter gefunden wird. Steffen Wirsik, Fraktionschef der Grünen/Linken, hofft auf Menschen mit Ideen. „Vielleicht lässt sich das RTC in verkleinerter Form wirtschaftlich betreiben.“ Da ist sie, die neue Bescheidenheit.