Frankfurt Streit zwischen Kahn und Matthäus: Die Last mit den Ehemaligen
Das Highlight vom deutschen Clásico war für unseren Kolumnisten Udo Muras der Streit zwischen Bayerns Chef Oliver Kahn und Bayerns Chef-Kritiker Lothar Matthäus. Daher blickt er auch in die Vergangenheit und sagt: Wer mit den Ehemaligen heute keine Last hat, der hatte den Fans vorher auch wenig Lust bereitet.
Der alte Gorbatschow-Spruch, dass Zuspätkommende vom Leben bestraft werden, mag nicht für alle Lebensbereicheimmer zutreffen. Aber gewiss wird sich mancher geärgert haben, der beim deutschen Clásico nicht schon die gewöhnlich eher langweilige Vorberichterstattung gesehen hat. Denn das Beste an Bayern gegen Dortmund war das Vorgeplänkel am Stehtisch, als sich die alten Kameraden Oliver Kahn und Lothar Matthäus, der eine Bayern-Chef, der andere Bayerns Chef-Kritiker, ordentlich beharkten.
Es hatte zwar nicht ganz die Dimension vom Daum/Hoeneß-Zoff anno 1989 im Sportstudio, aber viel fehlte nicht. Kahn ging zum Angriff über mit Unverständnis für Lothars Vorwürfe, der Klub sei kein Hort der Harmonie mehr. Matthäus bellte zurück, indem er sagte, sich zu Oliver Kahn nicht mehr äußern zu wollen, was er dann doch wortreich tat, ehe er in der Halbzeit (!) noch schnell eine Kolumne abfeuerte, die sich verkürzt so zusammenfassen lässt: „Oliver Kahn lügt!“ Kahn ließ sich mit der Replik einen Tag Zeit, um fast resignierend via Bild aufzustöhnen: „Der Lothar wird sich nicht mehr ändern!“
Im Kern geht es darum, wie stilvoll die Entlassung von Julian Nagelsmann war und wer wen wann anrief oder es unterlassen hatte, jemanden anzurufen. Kicker und Bild wetteifern darum, Nagelsmann als Erstes kontaktiert zu haben, die Bayern wollen ihn gar nicht erreicht haben (vielleicht weil die Journalisten schon in der Leitung waren?), und es sollte nicht verwundern, wenn Matthäus mittlerweile eine Detektivagentur beauftragt hätte, seine Version zu beweisen. Zum Erbringen eines Beweises hat ihm Uli Hoeneß ja schon süffisant geraten. Das macht gewöhnlich nur, wer juristische Schritte erwägt.
Vielleicht sollte Dauer-Urlauber Nagelsmann den Kriminalfall einfach mal aufklären? Er redet doch sonst so gern mit den Medien. Wie Matthäus, der seit je für alle und jeden zur Verfügung steht. Somit wird der Rekordnationalspieler noch ein paar Jahre Stachel im Fleisch der Bayern sein, obwohl oder weil er für die zwölf Jahre gespielt hat. Daraus automatisch ein „Wohlverhalten“ abzuleiten, wie es Juristen formulieren würden, ist Wunschdenken. Dafür hätten sie ihm schon einen Job geben müssen, aber noch immer gilt der Hoeneß-Spruch, dass es für Matthäus bei Bayern nicht mal zum Greenkeeper reichen werde. Nun müssen sie mit den Folgen leben.
Besonders über die Bayern äußern sich Ehemalige nicht immer nur mit Samthandschuhen, weil selbst der Rekordmeister nicht alle mit Jobs versorgen kann. Von Stefan Effenberg wird nicht viel Kritik kommen, er ist Botschafter des Vereins, worunter seine Rolle im Doppelpass von Sport 1 leidet. Umso deftiger drischt ein Didi Hamann bei passender Gelegenheit auf die Bayern ein, sodass ihn Hasan Salihamidzic schon mal knurrend als „das Problem von Sky“ bezeichnete. Noch weit vor Erfindung des Bezahlfernsehens mussten die Bayern vor den Attacken eines Paul Breitner oder Thomas Berthold in Deckung gehen, der heute längst vergessene Bernd Gersdorff sprach nach seinem halbjährigen München-Intermezzo vor einem halben Jahrhundert mal von einem „Verein seelenloser Roboter“.
Die einst glückliche Beziehung von Dauerkritiker Paul Breitner zu Uli Hoeneß nahm veritablen Schaden, es ging bis zu Breitners Verzicht der Ehrenkarten. Gerade herrscht mal wieder Waffenstillstand. Andere Vereine haben auch ihre Last mit den Ehemaligen. Da spielt nicht immer nur Geltungssucht eine Rolle, mancher ist einfach bitter enttäuscht. Berti Vogts, Gladbachs Rekordspieler, beklagt die fehlende Einbindung von Ehemaligen und wird nie mehr ein Wort mit Präsident Königs sprechen. Die Eintracht-Legenden Charly Körbel und Jürgen Grabowski, im Vorjahr verstorben, gingen zwischenzeitlich auf Distanz zum Herzensklub, weil der sie als Trainer entließ beziehungsweise im Verwaltungsrat überging. Deren Frust darüber tropfte aus mancher Kolumne. Als Hans-Peter Briegel in Kaiserslautern im Zoff mit Otto Rehhagel als Manager hinwarf, konnte das Idol der Pfalz seine Unzufriedenheit noch jahrelang kaum unterdrücken – bei aller Liebe zum FCK.
Journalisten, die Kritik am HSV auf prominente Beine stellen wollen, wissen, wo sie anrufen müssen: Uli Stein, Felix Magath oder Sergej Barbarez haben schließlich die schöneren Zeiten miterlebt und bohren mit dem Finger in der Wunde, wie Boulevard-Liebling Tim Wiese in Bremen. Und so hat eigentlich jeder seinen Lothar Matthäus. Und wer nicht, der muss sich fragen, was er falsch gemacht hat. Wer mit den Ehemaligen heute keine Last hat, der hatte den Fans vorher auch wenig Lust bereitet.