Umstrittene Anlage  RTC-Aus in Timmel? Pferdebesitzer sprechen von „Schlag“

Ole Cordsen
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Von Ole Cordsen
| 04.04.2023 16:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Rund 40 Pferde sind in den Ställen des RTC Timmel untergebracht. Fotos: Cordsen
Rund 40 Pferde sind in den Ställen des RTC Timmel untergebracht. Fotos: Cordsen
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Weil der Betrieb des RTC in Timmel seit Langem ein Minusgeschäft ist, will sich die Gemeinde Großefehn dort zurückziehen. Das sagen Pferdebesitzer dazu.

Timmel - So strahlend die Sonne am Dienstag auch zwischen ein paar Flauschwolken hindurch vom blauen Himmel aufs Reitsport-Touristik-Centrum (RTC) Ostfriesland in Timmel herabschien, ist spürbar, dass sich Schatten über die Stimmung der Pferdebesitzer gelegt haben, die ihre Tiere in der Anlage untergebracht haben. Am Sonnabend waren sie von Bürgermeister Erwin Adams (parteilos) informiert worden, dass die Politik am Dienstag nach Ostern in mehreren Sitzungen die Grundsatzfrage entscheiden wird, ob sich die Gemeinde Großefehn über ihre Tourismus-Tochter „zum Jahresende oder zum nächstmöglichen Zeitpunkt“ als Betreiberin des Reit- und Veranstaltungsbetriebs auf der Anlage zurückzieht. Der reißt seit der Eröffnung im Jahr 2008 Jahr für Jahr große Löcher in den Haushalt.

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Ein Minus von knapp einer halben Million Euro erwartet die Kommune für dieses Jahr: ein Minus, das vor allem Pferdefreunden dient und mit Steuergeld ausgeglichen werden muss. Und eins, das laut SPD-Fraktionschef Wolfgang Dirksen auf Sicht eher größer als kleiner zu werden droht. Abzüglich Abschreibungen und Unterhaltskosten rechnet die Verwaltung damit, den Haushalt durch den Schritt um jährlich eine Viertelmillion Euro entlasten zu können. 15 Jahre nach Inbetriebnahme ist die von Ratsmitgliedern immer wieder geforderte Trennung vom teuren Prestige-Objekt zum 1. Juli möglich: Dann endet die Frist für die Zweckbindung der 3,3 Millionen Euro Fördergeld, die von Land und Landkreis ins Projekt geflossen sind. Dieses Geld hätte die Gemeinde bei einem früheren Rückzug zurückzahlen müssen.

„Das ist alles schon sehr schade“

Den Einstellern der gut 40 im RTC untergebrachten Pferde wurde also mitgeteilt, dass es sein kann, dass ihnen zum Jahresende gekündigt wird und sie, je nach Nachfolgeregelung, alternative Ställe für ihre Tiere benötigen. Dann, wenn die Politik am 11. April den Grundsatzbeschluss zum Rückzug der Kommune aus dem operativen Geschäft und damit auch aus der sogenannten Pensionspferdehaltung im RTC fasst. Dass dies so kommen wird, gilt als wahrscheinlich: Fraktionsübergreifend hat die Politik im Vorfeld bekundet, dass wegen des jährlich hohen Defizits ein Rückzug aus Gründen der Haushaltsvernunft geboten ist. Dies soll nicht das Aus fürs RTC bedeuten, wie auch Bürgermeister Erwin Adams im Gespräch betont. „Die Anlage hat Strahlkraft, ich wünsche mir auch, dass sie als Reitsport-Standort erhalten bleibt“, sagt er. „Das liegt nahe, dafür ist das RTC auch optimal ausgelegt.“ Doch insbesondere in Zeiten knapper kommunaler Kassen und bei anhaltend hohen Defiziten künftig eben nicht kommunal betrieben. „Da muss man realistisch und allen Seiten gegenüber fair bleiben.“

Zahlreiche Heuballen lagern neben einem „Sportpferde“-Laster am RTC.
Zahlreiche Heuballen lagern neben einem „Sportpferde“-Laster am RTC.

Für die Einsteller ist diese Perspektive „schon ein Schlag“, wie eine Pferdebesitzerin sagt, die gemeinsam mit weiteren in der Sonne vor den Stallungen sitzt. „Spekulationen, dass die Gemeinde sich zurückziehen könnte, gibt es ja schon seit Jahren, aber man denkt schon: Es wird weitergehen, so lange alle weitermachen.“ Sie wie die weiteren Pferdebesitzerinnen möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. „Das alles ist schon sehr schade und man macht sich Sorgen ums Tier, denn hier sind die Pferde sehr gut versorgt. Man müsste ja auch erstmal einen Stall finden, der noch freie Plätze hat, der bestenfalls auch denselben tollen Standard bietet. Und da gibt es nicht viel Vergleichbares.“ Ihre Sitznachbarin fügt an: „Das Pferd ist ja auch ein Wert, für den man Verantwortung hat, der kostet im Unterhalt. Darum macht man sich jetzt schon Sorgen. Und hier fühlen sich alle wohl. Wir möchten bleiben, das alles ist schon sehr schade. Aber wir bleiben hoffnungsvoll, dass es weitergehen wird.“

War die Pferdepension zu günstig?

Was eine der Pferdebesitzerinnen einräumt: „Vielleicht ist die Unterbringung hier schon auch zu günstig gewesen.“ 375 Euro pro Monat und Box fallen für Kost und Logis der Pferde im RTC an. Aus Branchenkreisen heißt es, woanders zahle man für denselben Komfort eher das Doppelte. Auch sind Stimmen zu hören, die sagen, für eine auskömmliche Auslastung der Anlage mit einer kleinen und einer großen Halle brauche man eigentlich doppelt so viele Boxen – also gute 80 statt guter 40. Dafür fehle es aber an ausreichend viel nahe gelegenem Weideland für den Auslauf der Tiere.

Die Einsteller sind dennoch überzeugt: „Diese Anlage hat wirklich Potenzial, da könnte man noch viel mehr draus machen“, sagt eine. „Das gibt ja auch dem Umland viel, mit Pferde-Auktionen, mit Stutenschauen, mit Reit- und Fußball-Turnieren, mit Veranstaltungen.“ Und da könnte ja noch deutlich mehr gehen. Was? „Dafür müsste man ja die Rahmenbedingungen kennen.“

Übernimmt der Fahr- und Reitverein?

Vergleichsweise entspannt zurücklehnen kann sich aktuell der Fahr- und Reitverein Timmel mit seinen rund 230 Mitgliedern: „Unser Pachtvertrag gilt noch bis 2034. Vorher kann man uns nicht loswerden“, sagt die Vorsitzende Elke Wilken. Sie könne sich durchaus vorstellen, dass der Verein seinen Hut in den Ring wirft, wenn nach einem Rückzug der Gemeinde ein Pächter für die große Anlage gesucht wird – „dann aber sehr wahrscheinlich ohne die große Halle“, sagt sie. Die sei „Luxus“. Um beide Hallen reitend auslasten zu können, bräuchte man eigentlich doppelt so viele Boxenreihen. Um das stemmen zu können, werde man das Personalkonzept aber überdenken und da Kosten senken müssen, fügt Wilken an. Aktuell sind 22 Menschen, verteilt auf neun Vollzeitstellen, im RTC beschäftigt. „Die Erfahrung zeigt, dass so etwas in anderen Reitställen der gleichen Größenordnung mit anderthalb Stellen geleistet wird – und ehrenamtlichem Einsatz“, sagt sie. Hier werde man sich nach dem Beschluss der politischen Gremien in der Gemeinde intern besprechen und beizeiten positionieren.

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Wilhelm Buschmann, langjähriger Ortsbürgermeister und Vorsitzender des Dorfvereins „Uns Timmel“, sagt: „Wir warten die Entscheidung der Politik ab, hoffen aber, dass es eine gute und dauerhaft tragfähige Lösung geben wird. Es wäre extrem schade, wenn es die Anlage nicht weitergeben würde – aber in einem nutzbringenden Sinne für die Gemeinde Großefehn und auch für den Tourismus hier.“ Die Anlage, deren Bau insbesondere von Alt-Bürgermeister Hayo Wolters vorangetrieben worden war, „mag schon ein bisschen sehr groß dimensioniert sein für unsere kleine Gemeinde“, weil sie insbesondere für den Reitsport aber optimal ausgestattet sei, „gibt es hoffentlich eine gute Lösung für die Zukunft“.