Helsinki  Kriegsgegner und Handelspartner: Das zwiespältige Verhältnis zwischen Finnland und Russland

Jens Mattern
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Von Jens Mattern
| 05.04.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Am Dienstag wurde Finnland offiziell in die Nato aufgenommen. US-Außenminister Antony Blinken (rechts) übergab zusammen mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (mitte), die Beitrittsurkunde an den finnischen Außenminister Pekka Haavisto. Foto: Emmi Korhonen/Lehtikuva/dpa
Am Dienstag wurde Finnland offiziell in die Nato aufgenommen. US-Außenminister Antony Blinken (rechts) übergab zusammen mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg (mitte), die Beitrittsurkunde an den finnischen Außenminister Pekka Haavisto. Foto: Emmi Korhonen/Lehtikuva/dpa
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Mit der Vollmitgliedschaft Finnlands in der NATO schließt sich ein langes Kapitel der Sicherheitspolitik eines kleinen Landes mit einem großen Nachbarn. Ein bewegtes Verhältnis, das sowohl von Friedenszeiten als auch Konflikten geprägt war.

„Als Mitglied erhält Finnland eiserne Sicherheitsgarantien. Artikel 5 gilt ab heute für Finnland“, so NATO Generalsekretär Jens Stoltenberg am Dienstag, 4. April, in Brüssel. Der Bündnisfall gilt somit auch für das nordische Land – sollte Russland angreifen, wären die anderen 30 NATO-Staaten zur Hilfe verpflichtet.  

Eine kleine Zeitreise: Vor über hundert Jahren machte die Schwäche des großen Nachbarn die Unabhängigkeit Finnlands erst möglich. 1917, als die Oktoberrevolution die Machtverhältnisse in Moskau destabilisiert hatte, sahen die finnischen Nationalisten ihre Chance einer erfolgreichen Unabhängigkeitsbewegung zum Greifen nahe. Zuvor hatte das Land als Großherzogtum zum Zarenreich gehört, bis 1809 unterstand das Gebiet der schwedischen Krone.  Ursprünglich gab es in Helsinki gar Pläne einen deutschen Adeligen zum König zu küren, doch das Ende des deutschen Kaiserreiches machte diese Ambitionen hinfällig.  

Die ersten Monate der Unabhängigkeit im Jahre 1918 waren indes durch einen Bürgerkrieg überschattet, wobei die „weißen“ bürgerlichen Kräfte die „roten“ mit deutscher Hilfe schlugen. Nach erbitterten Grenzkriegen konnte sich die 1919 gegründete Republik ein Jahr später mit Sowjetrussland über die Grenzlinie schließlich einigen. Der Streit mit Schweden um die Aland Inseln wurde derweil durch den Völkerbund beigelegt, der das Archipel Finnland zusprach, Helsinki jedoch gleichzeitig zu einer Entmilitarisierung der Inseln verpflichtete.  

Mit der Sowjetunion schloss das Land 1932 einen Nichtangriffspakt und setzte vor allem seit 1935 auf eine weitere Annäherung an den Kreml.  In jenem Jahr griff Italien Abessinien an und der Völkerbund, an dem man sich bis dato orientiert hatte, entpuppte sich als machtlos. Gleichzeitig wurde versucht, mit den anderen skandinavischen Ländern näher zusammenzuarbeiten, um eine Allianz anzustreben.  

Als Josef Stalin das Abkommen mit Finnland brach und Ende 1939 zu okkupieren versuchte, war Finnland militärisch auf sich allein gestellt. Nach Verhandlungen musste die Regierung in Helsinki im Frühjahr 1940 mehrere Gebiete abtreten, konnte jedoch eine Besetzung verhindern. Kurz vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 trat Finnland dann aus dem Völkerbund aus und holte sich im Verbund mit NS-Deutschland die verlorenen Gebiete zurück. Nach einer erneuten erfolgreichen Abwehr der Roten Armee im Sommer 1944 begannen Verhandlungen mit dem Kreml, die finnische Regierung löste die „Waffenbrüderschaft“ mit Deutschland auf.  

Der Kreml ließ die Neutralität des Landes im finnisch-sowjetischen Vertrags von 1948 festlegen, der bis 1992 galt.  Die darauf folgenden nahen Kontakte der finnischen Regierungen in Sachen Diplomatie und Handel mit der Sowjetunion kritisierte der Westen als „Finnlandisierung“.  Doch neben dem Dialog wurde auch eine Aufrüstung (oft mit sowjetischen Waffenlieferungen) betrieben, die das Land auf eine weitere Invasion vorbereiten. 

Zudem waren die Vereinten Nationen für das Land von großer Bedeutung. Rund 50.000 finnische Soldaten dienten bei über vierzig UN-Einsätzen. Der Gedanke war, dass man sich im Ausland „viele Freunde“ schafft, wenn sich auch Finnland bewusst ist, in einem Angriffsfall auf sich selbst gestellt zu sein.  

Damit ist es nun vorbei. Schon nach der Krim-Annexion 2014 näherten sich Schweden und Finnland der Nato an und setzten gemeinsame Manöver im Ostseeraum um. Als offene Fragen gelten derzeit die mögliche Nato-Basen und der nukleare Schutzschirm. Sowie die Aland Inseln – denn dort wacht ein russisches Konsulat darüber, dass die stragisch wichtige Inselgruppe demilitarisiert bleibt.  

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