Hamburg/Osnabrück Wie die „Letzte Generation“ die beiden großen Kirchen umwirbt
Die „Letzte Generation“ blockiert seit Monaten Straßen. Damit will sie die Politik zu mehr Klimaschutz bewegen. Doch die Aktivisten gehen auch andere Wege. Gezielt wirbt die „Letzte Generation“ um Unterstützung durch evangelische und katholische Kirche. Wie reagieren Gemeinden im Norden?
Wer die Gesellschaft verändern will, braucht starke Verbündete. Lea Bonasera, eine der Gründerinnen der „Letzten Generation“, weiß das. Ihre Masterarbeit hat sie über Zivilen Ungehorsam geschrieben. Heute setzt sie in der Praxis um, was sie an Unis gelernt hat.
Im vergangenen April steht Bonasera vor Dutzenden älterer Herren, offenbar Vertreter der katholischen Kirche. Sie beklagt das – aus ihrer Sicht – fehlende Engagement der Kirche in Sachen Klimaschutz. Am Ende ihres Vortrags applaudieren die Zuhörer, dankt ein Moderator für den „sehr bewegenden Vortrag“.
Den hat die Aktivistin genutzt, um dem Protest ein Gesicht zu geben und ihre persönliche Geschichte zu erzählen. Gleichzeitig wirbt sie für Solidarität. Ihr falle es schwer, „zu protestieren, ohne die Kirche im Rücken zu haben.“ Desweiteren bittet sie um Geld und sichere Räume.
Die Suche nach Verbündeten, so wirkt es, läuft bei der „Letzten Generation“ nicht aus dem Bauch heraus, sondern ebenso gezielt wie Klebetrainings und Farbattacken. Dokumente der Gruppe zeigen, wie die Klimaaktivisten vorgehen.
Sogenannte „Hinweise zur Vernetzung“ gespickt mit Bibelzitaten und Antworten auf kritische Nachfragen bilden die Grundlage. Ein emotionaler Einstieg mit hoher persönlicher Betroffenheit wird empfohlen, um mit Kirchenvertretern ins Gespräch zu kommen. Genauso wie Lea Bonaresa es getan hat.
Für das Gespräch werden den Aktivisten Argumente an die Hand gegeben. „Im kirchlichen Kontext ist es oft auch hilfreich, auf Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung in den USA als historisches Vorbild im zivilen Ungehorsam hinzuweisen“, heißt es dort etwa. Auch christliche Argumente lernen die Aktivisten. So soll etwa an die weltweite Verbundenheit der Christen appelliert werden. Am Ende steht laut Plan die Bitte um konkrete Unterstützung.
„Wenn die Kirchen sich als gesellschaftliche Stimme hinter uns und unsere Ziele, also letztlich Klimagerechtigkeit, stellen, wäre das die größte Unterstützung. Logistische Unterstützung durch zum Beispiel Räume oder seelsorgerliche Begleitung ist hilfreich, aber nicht von derselben Wichtigkeit“, sagt Andrea Rückert. Die evangelische Pfarrerin aus München ist die Koordinatorin der Arbeitsgruppe Vernetzung mit Kirchen bei der „Letzten Generation“.
Ihren Höhepunkt fand die öffentliche Unterstützung im November 2022, als die Aktivistin Aimée van Bahlen als Vertreterin der „Letzten Generation“ bei der EKD-Synode in Magdeburg sprechen darf.
Viele Synodale jedenfalls erheben sich und applaudieren van Bahlen. Die „Letzte Generation“ jubelt, spricht davon, dass sich die EKD mit der „Letzten Generation“ solidarisiere.
Doch nicht überall ist die Unterstützung so uneingeschränkt. Unsere Redaktion hat stichprobenartig bei katholischen und evangelischen Gemeinden in Norddeutschland angefragt, wie sie die „Letzte Generation“ sehen und ob es Kontakte zu der Gruppe gibt.
Ein Großteil der Gemeinden gibt an, bislang keinen Kontakt zur „Letzten Generation“ gehabt zu haben. Dazu zählen etwa die katholischen Gemeinden in Hamburg, Hilter und Münster. Aus Güstrow heißt es, es werde „sicher keinen Wunsch nach Kontakt” aus der Gemeinde geben.
Bei den Protestanten sieht es etwas anders aus. In der Gemeinde „Franz von Assisi” in Kiel heißt es, man sei dem Thema gegenüber offen, die Protestform lehne man aber ab. In Stralendorf-Wittenförden bei Schwerin gibt es ebenfalls keinen Kontakt zu der Protestgruppe. Aus einer evangelischen Gemeinde in Warendorf heißt es: „Das Anliegen ist berechtigt, die Mittel sind überzogen.”
Andere sind noch ablehnender: Pastor Árpád Csabay aus der evangelisch-lutherischen Emmaus- Kirchengemeinde, ebenfalls bei Schwerin, schreibt, er halte es für keine „angemessene Form des Protestes, sich auf die Straße zu kleben“ und dabei Menschen und Rettungsfahrzeuge zu behindern.
Pastor Ralf Halbrügge aus der Kirchengemeinde Oldendorf im südlichen Niedersachsen sieht es ähnlich: Er beschreibt die „augenscheinliche Nähe der evangelischen Kirche zu den Klimaaktivisten“ als „höchst irritierend“.
Umgekehrt finden sich aber auch Gemeinden, die der „Letzten Generation“ offen gegenüberstehen. In Quakenbrück in der katholischen Gemeinde der Unbefleckten Empfängnis Mariens heißt es etwa, man würde durchaus mit Vertretern der Letzten Generation sprechen, wenn sie auf die Gemeinde zukämen. In der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Altona-Ost laufe eine Raumanfrage, schreibt Pastor Michael Schirmer. Diese sei noch in Bearbeitung.
Andere Gemeinden haben, ebenso wie bei den katholischen Nachbarn, gar keine Kontakte zur Letzten Generation, so die evangelisch-lutherische Apostelkirchengemeinde Sutthausen-Holzhausen und eine Gemeinde in Preußisch Oldendorf.
Vonseiten der „Letzten Generation“ heißt es, dass die Vernetzung mit Kirchen aus Kapazitätsgründen nicht so schnell gehe, wie gewünscht. „Bislang sind wir vor allem auf Einladung gekommen”, sagt Pfarrerin Rückert.
Ansonsten konzentriere sich der Austausch bislang auf die Leitungsebene. „Unser Ziel ist es aber, flächendeckend mit Gemeinden in Kontakt zu treten, um mit möglichst vielen Menschen über die Dringlichkeit der Klimakrise ins Gespräch zu kommen“, sagt Rückert. Die Bilanz sei bislang aus ihrer Sicht positiv: „Ich schätze, dass sich bereits etwa die Hälfte der Angeschriebenen bei uns gemeldet hat und an einem Austausch mit der ‚Letzten Generation‘ interessiert war.“
Wie sieht es mit der Vernetzung auf Landeskirchenebene aus? Jan Christensen ist Pastor für Umweltfragen bei der evangelischen Nordkirche. Im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet er, wie Aktivisten im vergangenen Jahr Kontakt zur Nordkirche gesucht hätten:
Zwei ältere Vertreter hätten bei der Landessynode gesprochen und später auch mit der Landesbischöfin und weiteren Kirchenvertretern zusammengesessen. Der Forderungskatalog der Letzten Generation, so hört es sich bei Christensen an, schrumpfte allerdings schnell zusammen, weil die Nordkirche im Bereich Klimaschutz bereits umfangreich engagiert sei.
Es sei ein freundlicher Kontakt zu den beiden Vertretern gewesen, sagt Christensen im Gespräch. Allerdings ist es dabei wohl geblieben. Was jede einzelne Gemeinde macht, kann Christensen nicht sagen. Auf Landeskirchenebene aber blieb es beim Austausch. Denn so einig sich beide Institutionen in der Sache sind und glauben, dass der Klimaschutz schneller vorangetrieben werden muss, so uneinig ist man sich in der Form.
Ist es grundsätzlich denkbar, dass sich Landeskirchenvertreter zusammen mit der „Letzten Generation“ auf Straßen festkleben? Christensen lacht und antwortet: „Nein, das würden wir nicht machen. Diese Form von Protest ist nicht unsere Sache.”