Prozess in Aurich  Geliebte bleibt mutmaßlichem Mörder treu

| | 13.04.2023 18:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Der 27-Jährige wird stets in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Fotos: Archiv/Ortgies
Der 27-Jährige wird stets in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. Fotos: Archiv/Ortgies
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Ein 27-jähriger Auricher soll seine Lebensgefährtin getötet haben, um mit der Geliebten ein neues Leben anzufangen. Die Geliebte sagte am Donnerstag als Zeugin im Mordprozess aus.

Aurich - Im Mordprozess vor dem Landgericht Aurich hat am Donnerstag die Frau als Zeugin ausgesagt, deretwegen der Angeklagte die Tat angeblich begangen hat: Mit der 25-Jährigen wollte der 27-Jährige ein neues Leben anfangen. Seine 20-jährige Lebensgefährtin, mit der er nach muslimischem Recht verheiratet war, stand im Weg und musste sterben, heißt es in der Anklageschrift.

Am 19. September vergangenen Jahres soll der Auricher die Lebensgefährtin und Mutter seiner zweijährigen Tochter in der gemeinsamen Wohnung in einem Mehrfamilienhaus an der Popenser Straße in Aurich erwürgt haben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 27-Jährigen Mord vor, da er die Tat heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen begangen habe. Der Mann schweigt zu den Vorwürfen.

Sie wirkt unsicher und verängstigt

Im Zeugenstand vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht macht die 25-jährige Geliebte des Angeklagten einen schüchternen Eindruck. Sie wirkt unsicher und verängstigt, eher wie ein Teenager als wie eine Erwachsene. Sie erkundigt sich nach einem Anwalt. Den brauche sie als Zeugin nicht, lässt der Vorsitzende Richter Björn Raap die Dolmetscherin übersetzen. Die Zeugin ist vor einem Jahr aus der Ukraine nach Deutschland gekommen und spricht nur wenig Deutsch. Sie meidet den Blickkontakt zum Angeklagten.

Björn Raap (Mitte) ist Vorsitzender der Schwurgerichtskammer. Die Beisitzer heißen Jan Klein (links) und Dr. Steffen Röber.
Björn Raap (Mitte) ist Vorsitzender der Schwurgerichtskammer. Die Beisitzer heißen Jan Klein (links) und Dr. Steffen Röber.

Auf eine entsprechende Frage des Vorsitzenden Richters erklärt sie jedoch, dass ihre Gefühle für den Mann fortbestünden. Und ja, sie habe in einer Whatsapp-Nachricht geschrieben, dass sie dessen Frau hasse. Die Chats zwischen dem Angeklagten und der Geliebten sind protokolliert und für alle Prozessbeteiligten aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt worden.

„Er ist ein sehr organisierter Typ“

Der Angeklagte und die Zeugin haben sich nach deren Angaben im April vergangenen Jahres am Arbeitsplatz kennengelernt, in einer Spielhalle in Aurich. Kurz darauf hätten sie sich ineinander verliebt. Anfangs habe sie nicht gewusst, dass der Mann Frau und Kind hat. Nachdem sie es erfahren habe, hätten sie nur selten darüber gesprochen.

Das Paar hatte Pläne: Es wollte gemeinsam nach Herford (Nordrhein-Westfalen) ziehen, wo der Angeklagte aufgewachsen ist. Die zweijährige Tochter des Mannes sollte mitkommen. Was aus der 20-jährigen Lebensgefährtin werden sollte, wusste die Geliebte nicht. Die sollte nach dem Willen des 27-Jährigen zurück in die Türkei gehen. Das hatten die beiden angeblich einvernehmlich beschlossen. So jedenfalls hatte es der Angeklagte einem guten Freund berichtet, der ebenfalls als Zeuge aussagt. Das Flugticket für die Frau sei schon gebucht gewesen, sagt der 30-Jährige. „Er ist ein sehr organisierter Typ.“

Ehe von den Eltern arrangiert

Am Tag des mutmaßlichen Mordes, dem 19. September, hielt sich die Geliebte in der Ukraine auf. Laut Chat-Protokollen wünschten sie und der Angeklagte einander am Abend vor der Tat eine gute Nacht. Sie wollte eigentlich erst Anfang Oktober zurückkommen, kehrte dann wegen der Geschehnisse jedoch früher nach Aurich zurück. Sie hatte durch den Anruf einer Freundin davon erfahren. Mittlerweile wohnt sie in Bremen. Der mutmaßliche Mörder sitzt in Untersuchungshaft. Seine Lebensgefährtin soll nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft durch eine Whatsapp-Nachricht auf die Geliebte aufmerksam geworden sein. Er habe sich dann ein zweites Handy zugelegt, um ungestört mit der Geliebten zu kommunizieren.

Seine Ehe war nach Aussage mehrerer Zeugen von seinen Eltern und den Eltern seiner Frau arrangiert worden, wie es in kurdischen Familien üblich sei. In Herford habe es eine große Hochzeitsfeier gegeben. Anfangs seien sie ineinander verliebt gewesen. Später soll der Angeklagte die Frau zurück in die Türkei gebracht haben. Sein Vater habe sie jedoch zurückgeholt. Nach Angaben seines Freundes sagte der 27-Jährige daraufhin: „Wenn ich irgendwann keinen Bock mehr auf sie habe, werde ich fremdgehen, damit sie sieht, dass ich nichts für sie empfinde.“ Auf Nachfrage erklärt der Zeuge, dass er seinen Freund nie aggressiv erlebt habe. Selbst im Streit sei er stets ruhig und sachlich geblieben.

Bäuchlings in einer riesigen Blutlache

Der Zustand, in dem das Opfer am Morgen nach dem Verbrechen aufgefunden wurde, spricht allerdings für ein hohes Aggressionspotenzial. Der Notfallsanitäter und der Notarzt schildern im Zeugenstand, dass sie die Frau im Schlafzimmer bäuchlings in einer riesigen Blutlache liegend vorgefunden hätten. Die große Menge teils geronnenen Bluts und die blasse Hautfarbe hätten ihnen auf Anhieb gezeigt, dass für die 20-Jährige jede Hilfe zu spät komme. Laut Anklageschrift hatte der Lebensgefährte ihr auf ungeklärte Weise eine heftig blutende Kopfverletzung zugefügt und sie anschließend erwürgt.

Der mutmaßliche Täter hatte selbst einen Notruf abgesetzt und von einem Überfall gesprochen. Die Situation am Einsatzort sei ihnen merkwürdig vorgekommen, berichten der Sanitäter und der Arzt, die gleichzeitig mit der Polizei eintrafen. Der Angeklagte, der mit dem Kind auf dem Arm vor der Haustür stand, habe überhaupt nicht aufgeregt gewirkt, sondern sehr ruhig, fast gleichgültig, so der Notarzt.

Der Prozess vor dem Landgericht Aurich wird am 25. April ab 9 Uhr mit der Vernehmung weiterer Zeugen fortgesetzt. An diesem Tag wird womöglich auch der Rechtsmediziner Dr. Benedikt Vennemann sein Gutachten vortragen.

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