Osnabrück „Mit Bienen lese ich die Welt“: Wie Erika Mayr den Park der Villa Massimo verändert
Wenn Bienen Künstler sind: Wo Maler, Architekten und Autoren arbeiten, entwickelt Imkerin Erika Mayr ihr Modellprojekt der Garten-Ökologie. Eine Reportage aus der Villa Massimo in Rom.
Ganz leise ist es gelandet, das Insekt mit dem schwarz und gelb geringelten Leib. „Eine Schwebfliege“, erklärt Erika Mayr und weist mit dem Finger auf das Tier. Die Frau mit der grünen Latzhose und dem bunt geringelten Halstuch kennt sich aus mit allem, was kreucht und fliegt im Garten. Bienen sind ihre Passion. „Als Stadtimkerin habe ich in Berlin über Jahre den Trend gesetzt“, sagt sie mit offenem Lächeln.
Jetzt arbeitet sie in Rom. Ihre Mission: Erika Mayr will den Park der Villa Massimo mehr und mehr in einen Garten verwandeln. Bienen sind dabei ihre wichtigsten Mitarbeiter. „Was sich in einem Garten bewegt, reflektiert sich im Honig“, verweist die Frau auf ihre Weise, einen Garten zu verstehen.
Ein ökologisches Experiment in einem Reich der Künste? Als Akademie nimmt die Villa Massimo in Rom den Spitzenplatz ein, wenn es um Deutschlands Künstlerförderung im Ausland geht. Zehn Stipendiaten arbeiten in Ateliers hinter dachhohen Glasfronten an ihren Projekten. Auch Erika Mayr hat ihr Projekt – als Künstlerin der Nachhaltigkeit.
„Ästhetik verändert sich mit ökologischen Anforderungen. Das fängt mit dem Garten erst an“, erläutert Julia Draganovic ihr Anliegen, den Park der Villa Massimo zu verändern. Wird er zum Pilotprojekt des Umweltdenkens? Die Direktorin der Villa Massimo will kein Musterareal, wohl aber einen Ort für ein Denken. Kunst und Natur, Ästhetik und Ökologie, sie sollen sich hier verschwistern.
„Ich bin glücklich über Gänseblümchen und Violen. Hier bewegt sich etwas für Bienen und Vögel“, sagt Erika Mayr und beugt sich über ihre Beete. Die gehören erst seit kurzem zum Park der 1913 eröffneten Villa Massimo. Der folgt einem ganz anderen Programm. Schlanke Zypressen rahmen stille Alleen, Pinien überwölben kleine Plätze und Brunnen. Zwischen Blättern leuchten Zitronen und Pomeranzen hervor. Dazu antike Sarkophage, Torbögen, Figuren. In dieser abgezirkelten Welt der Schönheit ist der römische Straßenverkehr nur ein fernes Rauschen. Wasser plätschert in eine Brunnenschale. Und irgendwo summen Bienen um ihre Stöcke.
Erika Mayr hat fünf Völker mit nach Rom gebracht. Und Stipendiaten zu ihren Partnern gemacht. Alfredo Thiermann zum Beispiel. Der in Chile geborene Architekt hat von der Biennale in Venedig einen Pavillon mitgebracht. Über sein Metallgerüst sollen Kletterpflanzen aus Südamerika ranken. Auf einer Plane aus Algen werden bunte Projektionen zu sehen sein. Thiermanns Frau Michelle öffnet die Tür zum Atelier. Auf langen Tischen wachsen in Töpfen die Ranken wärmendem Strahlerlicht entgegen. Auf den anderen Tischen liegen Pläne, Dokumente, Bücher. Thiermanns Entwürfe bringen die Idee des Wohnens voran, verschwistern das Haus mit seiner Umwelt, öffnen es für variable Nutzungen.
Sicher, die Stipendiaten der Villa Massimo sind frei in der Wahl ihrer Themen und Projekte. Aber der Kontakt mit Gärtnerin und Imkerin Erika Mayr gibt ihrer künstlerischen Arbeit unmerklich eine neue Richtung. Ob es an Mayrs offenem Blick liegt, an ihrer Feinfühligkeit, mit der sie auf Natur schaut? „Mit Bienen lese ich die Welt“, sagt sie, erzählt vom Mandelduft der japanischen Wollmispel und dem herrlich aromatischen Honig, den ihre Bienen aus dem Nektar machten. Das fasziniert auch Künstler.
Malerin Liza Dieckwisch zum Beispiel geht mit ihren Farben wie mit einem Naturstoff um. In ihrem Atelier bemalt sie die Wände mit Kunstwerken, die nicht mehr Gemälden ähneln, sondern eher Lachen und Tropfen. Farbe soll sich frei entfalten, unabhängig vom Geviert des Bilderrahmens. „Kunsttransporte mit Lastwagen finde ich furchtbar. Meine Ausstellung passt in einen Rucksack“, sagt die aus Kiel stammende Künstlerin, greift wie zum Beweis einige ihrer Silikonbilder und faltet sie auf bequeme Taschengröße zusammen.
„In meiner Arbeit verschiebe ich gerade meinen Schwerpunkt“, erläutert Dieckwisch. Sie hat bei Katharina Grosse, einem Star der Malerei, an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. In Rom erprobt sie die Kunst einer neuen Unabhängigkeit. Nichts soll künstlich wirken an ihrer Kunst, nichts zu viel an Ressourcen kosten und unnötige Transportwege verursachen.
Die Grenzen zwischen Natur und Kunst zerfließen. Alles kann aus allem entstehen, wie im Kreislauf der Natur. Ob Liza Dieckwisch deshalb eine Kopie mit den ersten Zeilen aus Ovids „Metamorphosen“ an die Atelierwand geklebt hat? Dieser lateinische Klassiker ist das Buch der Verwandlungen.
Kultur und Kunst können Vorreiter sein, wenn es um eine neue Nachhaltigkeit geht. Das findet auch Julia Draganovic, die Direktorin der Villa Massimo. Ob Gartenprojekt oder künstlerische Arbeiten – sie versteht die Akademie mitten in Rom als Labor, in dem Bezüge von Kultur und Natur neu vermessen werden sollen. „Wir wollen zirkuläre Prozesse anregen“, sagt Draganovic und erinnert an die Zeit des Corona-Lockdowns, in der sie und die Stipendiaten auf dem Gelände der Villa isoliert gewesen seien. Das habe den Park in den Blick gerückt, das Nachdenken über Natur neu angeregt.
„Es war ein Traum, einen Baum zu pflanzen“, erzählt Schriftsteller Arne Rautenberg von seinem neuen Öko-Glück in Rom. Der Lyriker, der pro Jahr 200 neue Gedichte schreibt, stammt wie seine Künstlerkollegin Liza Dieckwisch aus Kiel. „Ich gehe dahin, wo die Idee mich hinhaben will“: Rautenbergs Arbeitsweise klingt nach naturhaftem Wachstum. Er gärtnert in seinen Texten, die er auf dem Boden des Ateliers ausgebreitet hat. Rautenberg schreibt an mehreren Gedichten gleichzeitig, vergleicht und verschiebt die Textblätter, zerschneidet, komponiert neu. Was rastlos wirkt, verdankt sich doch einer großen Ruhe. „Die Villa Massimo ist eine Oase“, bekennt Rautenberg.
Der Virtuose der Wörter schaut auf die Bienen, wenn er nach Inspiration sucht, und genießt die Glasflächen des Ateliers. „Mal schlägt der Hagel drauf, mal steht wunderschön der Mond drin“, beschreibt er die Oberlichtfenster wie ein riesiges Bild der Natur im Wechsel. Von kitschiger Naturlyrik hält Rautenberg nichts. Dafür sind seine Gedichte ohnehin zu wild im Rankenwuchs ihrer Zeilen und Reime.
Der Autor geht in Rom mit Natur auf neue Tuchfühlung. Stolz zeigt er eine Mitteilung, die ihn zum „Safranbeauftragten“ der Villa Massimo ernennt. Rautenberg hat Safranfäden gerupft, Honig geschleudert. Ob die Bienen gerade die wichtigsten Künstler der Deutschen Akademie in Rom sind? Sie bringen jedenfalls alle zusammen.
„Vieles scheitert noch an dem, was wir schick finden, an unserem Luxus. Das muss sich ändern“, findet Julia Draganovic. Imkerin Erika Mayr formuliert es so: „Wir müssen die Langsamkeit pflegen“. Sagt es und ist hinter Bäumen verschwunden, dorthin, wo ihre Bienen summen.