Premiere in Emden So läuft die „Melanie Schulte“ als Theaterstück vom Stapel
Die Inszenierung um das Schicksal des 1952 in Emden gebauten Frachters „Melanie Schulte“ feierte Premiere. Auch der Sohn eines verschollenen Besatzungsmitglieds sah die Aufführung.
Emden - Die Stimmung in der Neuen Kirche in Emden schwankt zwischen Anspannung und Lockerheit. Drei Jahre lang haben sie darauf hingearbeitet, immer wieder unterbrochen von Corona und anderen Widrigkeiten. An diesem Sonnabend ist es endlich soweit. Es ist halb acht. In einer Stunde beginnt die Premiere des Theaterstücks „Melanie Schulte“.
Was und warum
Darum geht es: die Premiere des Theaterstücks „Melanie Schulte“, aufgeführt von einem Emder Laienensemble
Vor allem interessant für: alle, die sich für die Geschichte der Seefahrt, der Stadt Emden, für tragische Schiffsunglücke oder für Theater interessieren
Deshalb berichten wir: Das Theaterstück hatte am Sonnabend Premiere. Wir haben uns vor und während der Aufführung auch hinter den Kulissen umgesehen. Die Autorin erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Die meisten der 35 Darstellerinnen und Darsteller sind schon eingetroffen. Backstage auf der Empore des Gotteshauses und Veranstaltungszentrums begrüßen sie sich freundlich, umarmen sich oder plaudern miteinander. Die knapp einjährigen und intensiven Proben haben Vertrautheit geschaffen. Wenige sitzen still auf Stühlen. Ihre Blicke verraten höchste Konzentration.
Das Unglück ist im kollektiven Gedächtnis
Am Eingang legt Ilse Frerichs die Programmhefte aus. Sie ist die Autorin des Theaterstücks um das Schicksal des bei den Nordseewerken in Emden gebauten Stückgutfrachters, dessen Name sich in das kollektive Gedächtnis der ganzen Stadt eingebrannt hat. Das Schiff ist der Nacht vom 21. und 22. Dezember 1952 auf der Fahrt von Narvik nach Mobile/Alabama mit 35 Seeleuten und einer Ladung Erz im Nordatlantik verschollen.
Die Ursache dieses Unglücks, das als eines der schwersten der Handelsschifffahrt nach dem Zweiten Weltkrieg gilt, sind bis heute nicht endgültig geklärt. Der missglückte Stapellauf bei den Nordseewerken am 9. September 1952 der später am Abend als eine Schlüsselszene auf die Bühne kommt, trug dazu bei, dass sich um die „Melanie Schulte“ eine Art von Mythos gebildet hat.
Es liegt etwas vom Mythos in der Luft
Etwas von diesem Mythos liegt auch in der Neuen Kirche in der Luft. „Mir ist erst ganz spät klargeworden, dass die Zahl der Schauspieler mit 35 genau so groß ist wie die der Besatzung an Bord des Schiffes,“ sagte Ilse Frerichs. Das ist wohl purer Zufall, geheimnisvoll wirkt es dennoch. Oder ist es möglicherweise ein Indiz für ein unsichtbares Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart?
Denn die Geschichte der „Melanie Schulte“ verbinden viele Emderinnen und Emder auch heute noch mit der entbehrungsreichen Nachkriegszeit, dem Wiederaufbau ihrer zerstörten Stadt , der Entwicklung des Hafens und des Schiffsbaus, der das Leben und den „Sound der Stadt“ jahrzehntelang bestimmte.
Rosinenschnecken für die Darsteller
Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind mit ihren Gedanken in der Gegenwart und den nächsten gut zwei Stunden. Viele von ihnen greifen zu den Rosinenschnecken, die Ilse Frerichs für das Ensemble gebacken hat. „Das hat schon fast Tradition“, sagt die 56-Jährige. Hauptberuflich arbeitet sie als Museumspädagogin im Ostfriesischen Landesmuseums. Aber: „Ich befinde mich seit vier Jahren in der Melanie-Schulte-Schleife“, sagt sie. Unterdessen füllen sich die Stuhlreihen im Saal.
1999 war Peter Nauschütt von den Freunden der Seefahrt in Emden mit der Idee an sie herangetreten, ein Stück über die „Melanie Schulte“ zu schreiben. Ilse Frerichs begann mit der Recherche. Etwa ein Jahr später war das Buch fertig. Damals ahnte noch niemand, dass bis zur Premiere noch weitere drei Jahre vergehen sollten.
Junger Darsteller wuchs aus den Kinderschuhen
Einer der jüngsten Darsteller, der ursprünglich eine Kinderrolle spielen sollte, sei in Zwischenzeit dieser Zeit den Kinderschuhen entwachsen und als Teenager 1,80 Meter groß geworden- zu groß für ein Kind. Im Stück übernahm er schließlich die Rolle eines Schiffszimmermanns der Nordseewerke.
Es musste ein neues Kind her. Bei der Talentsuche an der Grundschule Constantia stießen Regisseur Werner Zwarte und dessen Team auf Hennes Fühner. Mit neun Jahren ist er der jüngste im Ensemble. Er habe zwar noch nie Theater gespielt, aber große Lust dazu, sagt der Junge. Auf der Bühne verkörpert er Norbert Freerks, den Sohn des 2. Schiffsoffiziers der „Melanie Schulte“, Arend Freerks. „Ich bin schon aufgeregt“, sagt der Neunjährige eine Dreiviertelstunde vor Beginn der Aufführung.
Das Schicksal ist zum Greifen nah
Der „echte“ Norbert Freerks sitzt an diesem Abend mit seiner Frau, seinen Söhnen und deren Partnerinnen im Publikum. Der Hamburger war vier Jahre alt, als er seinen Vater verlor. Seine Anwesenheit bei der Premiere lässt das Schicksal der Männer an Bord der „Melanie Schulte“ förmlich zum Greifen nah sein.
„Viel empfunden habe ich nicht dabei“, räumt der 74-jährige Hamburger nach der Aufführung ein. Er sei damals noch zu klein gewesen, um sich erinnern zu können. Die Geschichte des Schiffes habe in seiner Familie bislang keine große Rolle gespielt, zumal auch „nie darüber gesprochen“ worden sei. Erst durch die aktuelle Aufarbeitung der Geschichte in Emden sei das Thema in der Familie geworden. Dem Regisseur Werner Zwarte, der Autorin Ilse Frerichs und dem Ensemble bescheinigt er „eine großartige Leistung“ - alle anderen werden ihm wohl beipflichten.
Sohn eines Verschollenen fuhr selbst zur See
Norbert Freerks fuhr selbst 13 Jahre lang zur See, im Alter von 21 Jahren heuerte er an. Er habe nie daran gedacht, dass ihm das gleiche Schicksal wie das seines Vaters ereilen könnte, sagt er. Auch in seinem späteren Berufsleben blieb der Hamburger der Schifffahrt als Serviceingenieur treu.
Weitere Aufführungen und Tickets
Weitere Aufführungen von "Melanie Schulte" - Das Theaterstück" sind am 18., 19. 21., 23., 26., 28. und 29. April in der Neuen Kirche in Emden, Brückstraße 103.
Tickets für 25 Euro (ermäßigt 7 Euro) gibt es am Ticketschalter von Kulturevents Emden in der Tourist-Information in Emden, Alter Markt 2a. Die Tickets gelten gleichzeitig als Eintrittskarte für die Sonderausstellung "Melanie Schulte - Schiff - Unglück - Mythos" im Ostfriesischen Landesmuseum. Diese Ausstellung läuft noch bis zum 28. Januar 2024.
Weitere Informationen gibt es online unter www.melanieschulte.org
Die Blicke von Freerks und der anderen etwa 200 Premierenbesucher sind nur auf die Bühne gerichtet: Die Verhandlung des Seeamtes Hamburg über das Schiffsunglück, um die herum auf der Bühne Geschichten von beteiligten und betroffenen Familien erzählt werden, fesselt sie. Der Abend wird zum Wechselbad der Gefühle. Knisternde Spannung, tiefe Betroffenheit und der Rückblick in die Vergangenheit der eigenen Stadt greifen ineinander über. Regisseur Werner Zwarte will es so. „Bringt die Leute zum Heulen“, appelliert er eine halbe Stunde vor Aufführungsbeginn leise an seine Truppe. Und wieder umarmen sich alle: Toi, toi, toi!
Auf die Sekunde genau einstudiert
Dann wird es still - sowohl im Zuschauerraum als auch hinter den Kulissen. Ganz still. Die Darstellerinnen und Darsteller kennen ihr Einsätze genau, wechseln ständig die Positionen zwischen Bühne, den Gängen hinter den Kirchenbänken und der Empore. Alles scheint auf die Sekunde genau einstudiert zu sein. In den für das Publikum unsichtbar bleibenden Bereichen treten sie möglichst leise auf, um das Knarren des hölzernen Bodens zu vermeiden. Fast lautlos und im Dunkeln wechseln die Schauspieler die Kostüme, die aufgereiht an einem Kleiderständer hängen. Keine Spur von einem Gewusel, das man bei einer solchen Produktion vielleicht erwartet.
Die Technik-Crew sitzt hochkonzentriert an Schaltpulten und Computern, an denen sie nach Ablaufplänen auf die Sekunde genau getaktet Licht, Ton, Audio-Einspielungen regeln, authentisches Film- und Fotomaterial auf die LED-Rückwand der Bühne projizieren - und das Theaterspiel so zu einem Gesamtkunstwerk vollenden. „Es hat alles gut geklappt“, sagt Techniker Piet Meyer wenige Minuten nach der bewegenden Schlussszene. „Jetzt können wir die Serienfertigung gehen“, fügt er hinzu.
Acht weitere Aufführungen liegen bis zum Ende dieses Monats noch vor dem Ensemble, das so lange warten musste und jetzt - im entscheidenden Moment -über sich hinaus wächst. Der Stapellauf des Theaterstücks ist geglückt - ein gutes Omen.
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