Hamburg Queere Rollen in Film- und Serien: Sind LGBTQ-Figuren überrepräsentiert?
Ob „Sex Education“ oder „Élite“: Wer auf Netflix Serien und Filme schaut, wird mit schwulen oder lesbischen Charakteren konfrontiert. Viele glauben: So viele Menschen sind in echt doch gar nicht queer! Stimmt das? Ein Gespräch mit einer Expertin zu Rollenbildern in Medien.
Kaum macht man die Glotze an, küssen sich zwei Männer. Dabei sieht man das auf der Straße eher selten – oder nicht? Viele Menschen glauben, dass Streamingdienste wie Netflix und Disney+, aber auch das deutsche Fernsehen (zu) sehr auf Vielfalt achtet. Manch einer sagt vielleicht auch: Die Darstellung von queeren Charakteren entspricht gar nicht der Realität. Laut einer Umfrage von media.net Berlin-Brandenburg aus dem Jahr 2019 sehen 35 Prozent der über 60-Jährigen LGBTQI in Medien überrepräsentiert. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es hingegen nur 13 Prozent.
Aber stimmt das, sind im echten Leben gar nicht so viele Menschen queer, also nicht-hetero? Wir haben mit Karin Heisecke gesprochen, Expertin für Geschlechterfragen und Medien.
Frage: Frau Heisecke, haben Sie aus Film und Fernsehen eine queere Lieblingsfigur?
Antwort: Karin Heisecke: Es ist eher die Vielfalt an queeren Charakteren, die ich gut finde. Ich kann Ihnen jetzt keine bestimmte Person oder Figur nennen, die ich besonders mag.
Frage: Ist das nicht ein Zeichen, dass queere Figuren in Film und Fernsehen eher unterrepräsentiert sind? Wenn ich Sie einfach nur nach ihrer liebsten Serienfigur gefragt hätte, wäre Ihnen bestimmt jemand eingefallen?
Antwort: Nein, das glaube ich nicht. Aus der Forschung ist bekannt, dass wir Menschen oder auch Charaktere im Film, die uns ähnlich sind, generell als sympathischer wahrnehmen, wegen unseres unconscious bias (Anm. d. Red.: unbewusste Voreingenommenheit). Da ich mich beruflich aber intensiv mit diesem Thema beschäftige, sehe ich Filme und TV nicht nur als Zuschauerin, sondern habe auch immer diesen kritischeren Blick auf die Dinge. Mich freut es eher, wenn ich unterschiedliche Charaktere sehe und eine Figur nicht klischeehaft dargestellt wird. Wenn es eine breite Auswahl gibt, die der Vielfalt unserer Gesellschaft entspricht.
Frage: Apropos Darstellung: Als Zuschauer hat man das Gefühl, dass die Haupteigenschaft von queeren Rollen oft ihr „Queer-Sein“ ist.
Antwort: Zu diesem Thema haben wir noch keine repräsentativen Analysen für Deutschland. Die MaLisa Stiftung arbeitet generell datenbasiert, weil unser Bauchgefühl, unsere verzerrte Wahrnehmung, uns oft einen falschen Eindruck geben kann. Meine subjektive Wahrnehmung ist jedoch: Wenn eine Figur nicht heterosexuell ist, wird das auch stärker thematisiert. Die Queerness steht dann eher im Vordergrund. Allerdings habe ich in den vergangenen Jahren eine Veränderung wahrgenommen, auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kommen inzwischen Figuren vor, deren nicht-heterosexuelle Orientierung sozusagen beiläufig erzählt wird.
Frage: Hat es nicht etwas Positives, wenn die Queerness im Vordergrund steht? Die Message ist doch: Ihr spielt eine Rolle, ihr seid wichtig!
Antwort: Auf jeden Fall. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten der Repräsentation in den Medien. Queere Menschen kommen in unserer Gesellschaft vor, demnach ist es wichtig, dass sie in den audiovisuellen Medien gezeigt werden. Es gibt Geschichten, die das hervorheben und die Lebensrealität dieser Menschen konkret beleuchten – zum Beispiel, wie es ist für Jugendliche, die sich in einer heteronormativen Gesellschaft nicht zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen. Und es gibt Geschichten, in denen beispielsweise eine Figur homosexuell ist – dies aber nicht weiter thematisiert wird. Beide Geschichten sind wichtig, um die Vielfalt in unserer Gesellschaft, wie sie auch in der Realität ist, hervorzuheben. Bisher war und ist es aber so, dass nicht-heterosexuelle Charaktere seltener im Fernsehen vorkommen als in der Realität.
Grafik: Wer definiert sich in Deutschland als LGBTQI+?
Frage: Gibt es dazu Zahlen?
Antwort: Eine Analyse der Universität Rostock, die im Zeitraum 2017 bis 2020 durchgeführt wurde, zeigt, dass in Filmen nur drei Prozent der zentralen Rollen queer sind, im deutschen TV im Jahr 2020 war der Anteil noch niedriger – in der deutschen Gesellschaft sind es jedoch elf Prozent, die sich als nicht-heterosexuell bezeichnen. Das heißt, sie sind auf Bildschirm und Leinwand deutlich unterrepräsentiert, und es gibt damit auch weniger Möglichkeiten, ihre unterschiedlichen Geschichten und Lebensrealitäten zu erzählen.
Antwort: Was in dem Zusammenhang ebenfalls spannend ist: Wir sehen in deutschen audiovisuellen Medien, dass Frauen in zentralen Rollen deutlich seltener vorkommen als Männer. Das Geschlechtermissverhältnis zieht sich auch bei den queeren Rollen durch: nicht-heterosexuelle Frauen machen in Filmen lediglich 1% aus, gegenüber 4% Männern.
Mehr dazu: Studie der Universität Rostock untersucht Geschlechterdarstellungen in Fernsehen und Film
Frage: Wie verändern sich die Zahlen, wenn nicht nur Haupt-, sondern auch Nebenrollen in der Analyse betrachtet werden?
Antwort: Das ist eine Frage, die wir uns auch stellen. Zu den Nebenrollen gibt es, meines Wissens, in Deutschland bisher keine Erhebung.
Frage: Ihnen liegen keine Daten vor, aber was sagt ihr Gefühl – würde die Quote steigen, sind viele Nebenrollen queer?
Antwort: Was mein Gefühl mir sagt, ist nicht zuverlässig. Ein Beispiel: Ich hatte das Gefühl, dass im deutschen TV viele Moderatorinnen zu sehen sind – viel mehr Frauen als Männer. Dieser Eindruck wurde von anderen Menschen geteilt. Bei der repräsentativen Datenerhebung der Uni Rostock kam aber heraus: nur die Hälfte der Moderator*innen sind weiblich. Da früher noch weniger Frauen zu sehen waren, fallen uns Moderatorinnen heute mehr auf – so wirkt es, als seien sie überrepräsentiert.
Frage: Wann wird eine Figur als „queer“ eingestuft?
Antwort: Es gibt einen großen Anteil an Personen, bei denen die sexuelle Orientierung nicht erkennbar ist. Bei der Studie der Universität Rostock wurden nur die Figuren als nicht-heterosexuell gezählt, bei denen die Queerness erkennbar war – wenn sie darüber sprechen, beispielsweise, oder in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung sind. 2020 war im deutschen Fernsehen bei fast 70 Prozent der zentralen Rollen nicht erkennbar, was ihre sexuelle Orientierung ist. Das muss bei den Zahlen, den Analysen, mitgedacht werden.
Frage: Wir haben nun über deutsches Fernsehen gesprochen. Wie sieht es mit Streamingdiensten wie Netflix aus?
Antwort: Eine diesbezügliche Studie der Universität Rostock, die Serien aus den Jahren 2012 - 2019 analysiert hat, zeigt: Der Anteil erkennbar nicht-heterosexueller Figuren lag bei Streamingdiensten, die in Deutschland abgerufen werden konnten, bei neun Prozent. Das ist deutlich mehr als im linearen Fernsehen. Doch auch bei Streamingdiensten ist auffällig: Es kommen fast doppelt so viele homosexuelle Männer vor wie lesbische Frauen.