Hamburg  Sollten queere Rollen mit queeren Schauspielern besetzt werden? Meinung einer Expertin

Laura-Cäcilia Wolfert
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Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 22.04.2023 07:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ein Zeichen für die LGBTQI-Community ist die Regenbogenflagge. Wird sie auch in der Film- und Fernsehbranche geschwungen? Foto: Imago Images / Wolfgang Maria Weber
Ein Zeichen für die LGBTQI-Community ist die Regenbogenflagge. Wird sie auch in der Film- und Fernsehbranche geschwungen? Foto: Imago Images / Wolfgang Maria Weber
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Dürfen schwule Filmrollen nur von schwulen Schauspielern besetzt werden? Viele Menschen aus der LGBTQ-Community sagen: ja! Aber ist das überhaupt so gut? Wir haben mit einer Expertin zu Rollenbildern in Medien gesprochen.

In der Film- und Fernsehbranche wird immer mehr Diversität gefordert – und gezeigt. Trotzdem sind sich die Produzenten und das Publikum bei einer Frage oft uneinig: Sollten queere Rollen mit queeren Darstellern besetzt werden? Nein, sagt beispielsweise Schauspieler Florian David Fitz im Interview: „Ein schwuler Schauspieler möchte doch nicht den Rest seines Lebens nur noch schwule Rollen spielen“, so der 48-Jährige.

Er verstehe jedoch beide Seiten: „Es ist wichtig, dass Leute sichtbar sind. Und wenn man jemanden findet, der genau das im Film repräsentiert und spielen kann – toll.“ Aber: „Wenn wir den Gedanken zu Ende spinnen, wenn jeder nur noch seine eigene Geschichte erzählen darf – dann ist das das Ende des Filmemachens und des Romaneschreibens.“

Was sagen Experten zu dieser Debatte, Menschen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema befassen? Karin Heisecke ist Leiterin der MaLisa Stiftung, die sich seit ihrer Gründung 2016 für gesellschaftliche Vielfalt und die Überwindung einschränkender Rollenbilder in Medien und Kultur einsetzt. Sie sagt, dass bei diesem Thema zwei Aspekte eine Rolle spielen. Zum einen, inwiefern queere Schauspieler Zugang zum Arbeitsmarkt haben – ganz unabhängig davon, welche Rolle sie bekommen.

„Spätestens seit der Kampagne ‚Act out‘ in Deutschland wissen wir: Viele Schauspielerinnen und Schauspieler bekommen von ihren Agenten gesagt, dass sie besser nicht über ihre sexuelle Orientierung sprechen sollten – weil das negative Auswirkungen auf ihre Karriere haben könnte“, sagt die Expertin. „Das ist schlichtweg Diskriminierung. Wer queer ist, sollte keine Nachteile haben.“

Grafik: Wer definiert sich in Deutschland als LGBTQI+?

Der andere Aspekt sei laut Heisecke ein Argument, das man häufig höre – ähnlich auch von Florian David Fitz: Als Schauspieler könne und sollte man in jede Rolle schlüpfen. Man müsse kein Mörder sein, um einen Mörder zu spielen. „Das mag stimmen“, so die Expertin, „andererseits werden queere Schauspieler eher benachteiligt.“ Sie findet: „Wenn eine schwule Rolle zu vergeben ist, wäre es gut, wenn die Rolle dann ein schwuler Schauspieler bekommt.“ Die eine Frage sei „wer kann welche Rolle spielen“ und die andere „was ist fairer?“

Beachten sollte man laut der Expertin noch Folgendes: „Weil nach wie vor Diskriminierung gegenüber queeren Schauspielern besteht, wollen sich viele Personen nicht outen.“ Ihr habe beispielsweise Nataly Nudiabor von der UFA* erklärt: Als die deutsche Serie „All You Need“ über schwule Männern gedreht werden sollte, wollten die Produzenten queere Männer casten. Das Dilemma, erklärt Heisecke, sei aber, dass die Castingagenturen diese persönliche Information nicht zur Verfügung stellen wollten. Schließlich sei das ein sehr privates Thema. Und man solle von niemanden verlangen, sich zu outen.

Heisecke sagt abschließend: „Die Frage, ob queere Rollen von queeren Personen besetzt werden sollten, spielt noch so lange eine Rolle, bis diese Schauspieler keine Diskriminierung mehr erfahren.“

*Die UFA zählt zu den ältesten Filmfirmen in Europa, zu ihnen gehören beispielsweise „GZSZ“ und „DSDS“.

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