Disput im Interfriesischen Rat  Streit über echt ostfriesisches Platt

| | 17.04.2023 18:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Grietje Kammler leitet das Plattdüütskbüro der Ostfriesischen Landschaft. Kritiker werfen der Landschaft vor, die Sprache zu verwässern. Foto: Archiv/Ortgies
Grietje Kammler leitet das Plattdüütskbüro der Ostfriesischen Landschaft. Kritiker werfen der Landschaft vor, die Sprache zu verwässern. Foto: Archiv/Ortgies
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Die Ostfriesische Landschaft verwässert mit ihrem Plattdeutsch die ostfriesische Sprache. Diesen Vorwurf erhebt die Jungfräiske Mäinskup. Das hat Konsequenzen.

Aurich/Ihlow - Was heißt Mutter auf Plattdeutsch? Die Ostfriesische Landschaft sagt: Moder. Vater heißt Vader. Verein heißt Vereen. Die Landschaft muss es wissen, oder? Sie setzt sich für den Gebrauch der Regionalsprache in Ostfriesland ein, betreibt in Aurich ein Plattdüütskbüro und hat ein Online-Wörterbuch Hochdeutsch-Plattdeutsch herausgegeben.

Nein, nicht jeder glaubt, was das Plattdüütskbüro sagt. Der Verein Jungfräiske Mäinskup (Jungfriesische Gemeinschaft) hat ein eigenes Online-Wörterbuch herausgegeben. Für ihn ist Mutter nicht Moder, sondern Mauder. Vater heißt Fóóer, und Verein heißt Feräien. Die Jungfriesen nehmen für sich in Anspruch, das wahre ostfriesische Plattdeutsch zu verbreiten. Ihre Schreibweise bilde viel besser die tatsächliche Aussprache ab. Sie werfen der Ostfriesischen Landschaft vor, mit ihrem Standard-Niederdeutsch den Charakter des Ostfriesischen zu verwässern.

„Nicht als Dialekt des Niederdeutschen“

„Da geht eine Besonderheit in der Sprache verloren“, sagt der 1. Vorsitzende Tido Specht im Gespräch mit der Redaktion. Das ostfriesische Platt unterliege noch starken Einflüssen des Friesischen und habe viele gedehnte Laute. Ein Beispiel sei das Wort „säegen“ für sagen, was von der Ostfriesischen Landschaft zu „seggen“ verfälscht werde. Sie orientiere sich zu stark an niederdeutschen Konventionen, so der Vorwurf. „Wir möchten, dass das ostfriesische Platt als eigene Sprache anerkannt wird“, sagt Specht, „nicht als Dialekt des Niederdeutschen.“

Die Landschaft sieht es anders. Sie will, dass die Wörter überall gelesen und verstanden werden können. „Im Rheiderland wird anders gesprochen als in Emden oder Aurich“, sagt Sebastian Schatz, Pressesprecher der Ostfriesischen Landschaft. Dennoch brauche man eine einheitliche Schreibweise. „Das haben wir ja im Hochdeutschen auch bundesweit, und trotzdem hat man Dialekte.“

„Die Sprachgemeinschaft spalten“

Was wie ein theoretischer Disput unter Sprachwissenschaftlern klingt, hat am Wochenende zu einer handfesten Auseinandersetzung geführt: Der Jungfräisken Mäinskup wurde die Aufnahme in den Interfriesischen Rat verweigert. Hauptkritikpunkt sei die von ihm verwendete Schreibweise für das ostfriesische Platt, heißt es in einer Pressemitteilung des Vereins. „Uns wurde quasi vorgeworfen, wir würden die ostfriesische Sprachgemeinschaft spalten“, wird Specht in der Pressemitteilung zitiert.

Der Interfriesische Rat ist ein Zusammenschluss von Vereinen und Institutionen. Er vertritt die Interessen von Ostfriesland, Westfriesland (Niederlande) und Nordfriesland (Schleswig-Holstein). Er besteht aus drei Sektionen (Ost, West, Nord). Zur Sektion Ost gehören unter anderem die Ostfriesische und die Oldenburgische Landschaft, der Friesische Klootschießerverband und der Landwirtschaftliche Hauptverein für Ostfriesland. In diesen Kreis wollte die Jungfräiske Mäinskup aufgenommen werden und hatte einen entsprechenden Antrag gestellt.

Treffen am Upstalsboom-Denkmal

Der Aufnahmeantrag wurde auf der Jahreshauptversammlung der Sektion Ost am Sonnabend in Ihlow abgelehnt. Das bestätigt Arno Ulrichs auf Anfrage der Redaktion. Der Bürgermeister der Gemeinde Ihlow ist Vorsitzender des Interfriesischen Rates, Sektion Ost. Er vertritt dort das Friesische Forum. Das ist ein Verein, der sich für die Bewahrung der friesischen Kultur einsetzt und jedes Jahr am Dienstag nach Pfingsten ein interfriesisches Treffen am Upstalsboom-Denkmal in Aurich-Rahe organisiert – in Anlehnung an die mittelalterlichen Treffen der Freien Friesen.

Die friesische Freiheit endet dort, wo es um die Schreibweise des ostfriesischen Platts geht. So empfinden es die Mitglieder der Jungfräisken Mäinskup, die sich durch den abgelehnten Aufnahmeantrag brüskiert fühlen. „Beiläufig wurde erwähnt, die Jungfräiske Mäinskup würde einen Sonderweg fahren wollen, der nicht hilfreich sei für die Zusammenarbeit in Ostfriesland“, berichtet Vorsitzender Specht. „Dass wir aufbauend auf unserer sprachwissenschaftlichen Arbeit andere Wege gehen wollen als bisher, heißt nicht, dass wir nicht mit anderen kooperieren.“

Präsident macht ein Angebot

Ulrichs hingegen hält die Positionen für unvereinbar. „Die Jungfräiske Mäinskup lehnt die Schreibweise der Ostfriesischen Landschaft komplett ab. Die Ostfriesische Landschaft ist bei uns zentrales Mitglied. Es ist natürlich schwierig, in einer Sektion zusammenzuarbeiten, wenn es komplett konträre Auffassungen gibt und einer öffentlich gegen den anderen schießt.“ Zurzeit sehe man daher „keine Grundlage für eine Zusammenarbeit“, so Ulrichs.

Das lässt allerdings ein Hintertürchen offen. Beide Seiten signalisieren, dass sie sich zusammensetzen wollen, um die unterschiedlichen Herangehensweisen zu diskutieren. „Wir würden uns gerne unterhalten“, sagt Landschaftsrat Dieter Baumann (Moormerland), der im Landschaftskollegium für das Thema plattdeutsche Sprache zuständig ist. Landschaftspräsident Rico Mecklenburg findet es gut, dass sich der Verein für Sprache einsetzt. „Wir wollen gerne zusammenkommen, mit Beteiligung des Plattdüütskbüros.“ Auch Specht zeigt sich gesprächsbereit. Im kommenden Jahr wolle man einen neuen Aufnahmeantrag stellen.

Der Mäinskup-Vorsitzende ist der Ansicht, dass der Interfriesische Rat Unterstützung und frisches Blut gebrauchen kann. Das Gremium habe zum Beispiel keine eigene Webseite. „Die meisten Ostfriesen wissen gar nicht, dass es einen Interfriesischen Rat gibt.“ Darum wolle sich sein Verein gerne kümmern. Die Jungfräiske Mäinskup hat nach Angaben Spechts elf Mitglieder, die meisten um die 30 Jahre alt. Er selbst ist 21. Im vergangenen Jahr hatte der Verein von sich reden gemacht, als er vor dem Rathaus von Moormerland aus Protest die ostfriesische Flagge hisste.

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