Hamburg  Russische Schiffe spionieren offenbar seit Jahren in Nord- und Ostsee

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 19.04.2023 21:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Die russischen Schiffe sollen ohne AIS-Signal als „Geisterschiffe“ in Nord- und Ostsee unterwegs sein. Foto: Imago Images/Rolf Zöllner
Die russischen Schiffe sollen ohne AIS-Signal als „Geisterschiffe“ in Nord- und Ostsee unterwegs sein. Foto: Imago Images/Rolf Zöllner
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Eine Recherche wie ein Schwedenkrimi: Ein Verbund aus skandinavischen Journalisten deckt jahrelange Spionage russischer Schiffe in Nord- und Ostsee auf. Das Ziel: Die Kartografie von Datenkabeln, Windparks und Gaspipelines.

Was klingt wie eine skandinavische Thrillerserie – düster, leise und nass –, hat es in sich: Nach monatelanger Recherche haben Investigativjournalisten der nordischen Rundfunkanstalten Danmarks Radio (DR), Sveriges Television (SVT), Norsk rikskringkasting (NRK) und Yle aus Finnland nun ihre gemeinsame Dokumentation „Skyggekrigen“ (dänisch für „Schattenkrieg“) veröffentlicht.

Und das, was sie berichten, ist genau das: Düster, leise und nass. Der Recherche zufolge sind russische Schiffe seit mindestens zehn Jahren regelmäßig in nordischen Gewässern unterwegs, um die maritime kritische Infrastruktur zu kartografieren – als Vorbereitung für Sabotageakte. Die Russen spionieren demnach mit Forschungsschiffen, mit Fischtrawlern, mit Yachten.

Seit Russland 2022 seine Marinedoktrin aktualisiert hat, kann theoretisch jedes zivile Schiff für militärische Aufgaben herangezogen und ausgerüstet werden. Unterwegs sind sie oftmals als sogenannte „Geisterschiffe“: Mit ausgeschaltetem AIS. Das ist eine Art Transponder, mit dem Berufsschiffe regelmäßig ihre Standortdaten übermitteln.

Die Schiffe sollen Windparks, Datenkabel, Gaspipelines und Stromkabel überwacht haben. Als im Januar 2022 ein Unterwasserkabel bei Spitzbergen durchtrennt wurde, waren demnach russische Schiffe vor Ort.

So ganz neu indes sind die Erkenntnisse nicht, beeindruckend allerdings sind Ausmaß und Details der aufgedeckten Spionage. Mithilfe zahlreicher Geheimdienstquellen, die von aufgefangenen Funksprüchen berichten, entwerfen die Investigativjournalisten das Bild eines „Kalten Krieges 2.0“.

In mindestens einem Fall wurde eines der „Geisterschiffe“ auch sehr real: Das russische Forschungsschiff „Admiral Vladimirsky“ war im vergangenen Jahr über Wochen in Nord- und Ostsee unterwegs. Als sich ein TV-Team der beteiligten Sender per Schlauchboot nördlich der dänischen Insel Seeland näherte, zeigten sich mehrere maskierte Männer an Deck, einer davon bewaffnet.

Dass Russland sich für die systematische Kartierung des Meeresbodens in Nord- und Ostsee interessiert, hatte im vergangenen Jahr schon die norwegische Zeitung „Aftenposten“ aufgedeckt. In diesem Fall hatte die norwegische Regierung der mutmaßlichen russischen Tarnfirma sogar die Investitionen für die Erkundung von möglichen Erdölfeldern erstattet.

Die deutsche maritime Infrastruktur liegt dabei ebenso offen da wie im Prinzip der ganze Westen: Das sagte im vergangenen Jahr Fregattenkapitän und Experte für maritime Sicherheit Göran Swistek im Gespräch mit unserer Redaktion.

Eine kleinteilige Überwachung der Kabel und Pipelines ist auf See auch kaum möglich, selbst mit Radar und Unterwassersensoren. „In Deutschland sind (maritime) kritische Infrastrukturen bisher am wenig­sten in staatliche Sicherheitskonzepte und ‑maßnahmen eingebunden, da sie überwiegend privat betrieben werden“, schreibt Swistek in einer Analyse aus dem Januar 2023 für die Stiftung Politik und Wissenschaft.

Hinzu kommt: In Deutschland, aber auch in Norwegen war die Seeraumüberwachung in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgefahren worden. Erst mit den aktuellen Entwicklungen infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine rückt die Notwendigkeit, die Infrastruktur auf See zu schützen, plötzlich wieder in den Fokus – reichlich spät.

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