Hamburg „Letzte Generation”: Das sind die PR-Tricks der Klimaaktivisten
Die „Letzte Generation” blockiert seit Monaten Straßen. Bilder von festgeklebten Menschen in Warnwesten und beschmierten Kunstwerken beherrschen immer wieder die Schlagzeilen. Dahinter steckt eine ausgeklügelte Strategie.
Zwei Aktivisten der „Letzten Generation” sitzen auf der Straße. Sie tragen orange Warnwesten über ihren Winterjacken, je eine Hand klebt auf dem Asphalt, die Hand der Frau scheint einbetoniert. Die beiden blicken ernst in die Kamera. Direkt hinter ihnen steht ein 40-Tonner. Das Bild stammt von der Blockade der Hamburger Köhlbrandbrücke Ende März, könnte aber auch bei jeder anderen Blockade der „Letzten Generation” entstanden sein.
Denn die Gruppe verbreitet immer ähnliche Bilder. Dokumente, die unserer Redaktion vorliegen, zeigen, wie professionell die „Letzte Generation” dabei vorgeht: Bei jeder Aktion sind Fotografen dabei, sie schicken die Bilder zum Media-Team. Das Team trifft die Auswahl über die Veröffentlichung. Bestimmte Motive sollten geliefert werden, heißt es in einer Anleitung zum Fotografieren von Blockaden. „Sehr gerne mag die LG Bilder, auf denen die Autos im Vergleich zu den Aktivisten sehr groß wirken.“ Auch Porträts sind populär: „Solche Bilder erzeugen etwas mehr ‚Intimität‘ zwischen Betrachter und Objekt, also dem Aktivisten“, heißt es.
Prof. Dr. Kathrin Fahlenbrach, Expertin für Protestinszenierung, hat sich die Bildsprache der „Letzten Generation“ genau angeschaut. Sie nennt die Aktionen Image-Events, da die mediale Wirkung der Bilder zentral ist. Die Expertin macht Muster aus, die in der Wissenschaft bekannt sind und von der Gruppe reproduziert werden: Bei den Bildern mit Aktivisten und Lastwagen sei die sogenannte David-gegen-Goliath-Rhetorik zu erkennen. „Die Aktivist*innen wirken davor klein und zerbrechlich und das physische Risiko, das sie eingehen, wird stark betont“, erklärt die Expertin von der Universität Hamburg. Des Weiteren setze die Gruppe mit den Portraitaufnahmen auf Personalisierung und Emotionalisierung.
Neu ist das nicht: Auch von den Studenten der 1968er-Bewegung, den Demonstranten der Friedensbewegung der 1980er Jahre oder den Protestanten der Black-Lives-Matter-Bewegung in den USA gibt es ähnliche Bilder.
Die „Letzte Generation” macht auf Nachfrage deutlich, warum sie sich für diese Bildsprache entschieden haben: „Wir zeigen, dass Menschen sich mit nicht mehr als ihrem Körper, einer Weste und einem Transparent auf die Straße setzen, um das alltägliche Weiter-so zu unterbrechen.”
Neuer und wichtiger ist dir Präsenz in den sozialen Netzwerken. Die Accounts bei Twitter und Instagram sind hochaktiv, jeden Tag wird dort gepostet. Die „Letzte Generation” setzt dort vor allem auf Personalisierung.
Auf dem Instagram-Kanal der Gruppe erklären etwa einzelne Aktivisten ihre persönliche Motivation und machen ihre Verzweiflung über den Klimawandel deutlich. Durch diese Vorgehensweise mache die Gruppe den Protest für die breite Öffentlichkeit besser nachvollziehbar, erklärt Fahlenbrach und ergänzt: „Ich glaube, das ist sowohl für die politische Kommunikation als auch für die Wahrnehmung des Protestes eine gute Strategie, um die Menschen hinter den aktivistischen Gruppierungen sichtbar zu machen.”
Für die Gruppe selbst ist es nach eigenen Angaben wichtig, die tatsächliche Situation so gut wie möglich in den sozialen Netzwerken sichtbar zu machen. Außerdem sei es wichtig zu zeigen, dass die Aktivisten mit Namen und Gesicht zu ihren Handlungen stehen und dass es sich um ganz normale Menschen handelt, die am Protest teilnehmen.
Dieses Vorgehen hat Erfolg: Mit ihrem strategischen Auftreten ist es der „Letzten Generation” in kurzer Zeit gelungen, bundesweit bekannt zu werden. Der Protestforscher Simon Teune von der Freien Universität Berlin spricht von einer „visuellen Marke”, zu der die Gruppe geworden ist. „Das war aus meiner Sicht nicht von langer Hand geplant, sondern ist vielmehr ein Prozess der Professionalisierung, der mit dem Erfolg der Aktionen einhergegangen ist.”
Obwohl die Bilder viele kennen, bleibt fraglich, ob die Botschaft der Aktivisten verstanden wird. Geht es bei den Bildern um die Autofahrer oder um die Klimakrise? Protestforscher Simon Teune sieht hier eine Kommunikationslücke. „Ein Teil der Menschen versteht nicht, wer angesprochen ist und was sie mit der Botschaft anfangen sollen”, sagt der Experte.
Laut Fahlenbrach bleiben die Bildaktionen ohne bekannte Vermittler, wie es etwa Greta Thunberg bei Fridays for Future ist, als Selbstzweck im Raum hängen. Simon Teune sieht außerdem einen Abnutzungseffekt bei den Protestformen. „Eine Straßenblockade hat heute kaum noch Nachrichtenwert”, sagt er. Die Gruppe müsse daher überlegen, wie Aufmerksamkeit generiert werden könne.
Nach mehr als einem Jahr von Straßenblockaden und weiteren Aktionen ist die Bilanz der Protestforscher dennoch positiv. Den Aktivisten ist es gelungen, das Thema Klimaschutz wieder ins Bewusstsein zu rücken.