Zeitreise durch Ostfriesland Von Rudolf Eucken bis Otto Waalkes
Ostfriesland hat viele Berühmtheiten hervorgebracht, vom Nobelpreisträger bis zum Blödelbarden. Ein neues Buch nennt sie alle – und lässt uns in tief in die Geschichte unserer Region eintauchen.
Emden - Entdecker der Sonnenflecken, Nobelpreisträger und Weltmeister im Teetrinken: Die „Geschichte Ostfriesland“ hat der Emder Autor Carl-Heinz Dirks in einem üppig illustrierten Buch aufgearbeitet. Die gleichermaßen informative wie kurzweilige Zeitreise erstreckt sich „Von der Freiheit der Friesen bis zu Deutschlands witzigstem Otto“, wie es im Untertitel heißt.
In den ersten Kapiteln widmet der Autor sich der Entstehung von Geest, Marsch, Moor und den Inseln. Auch wichtige archäologische Fundstücke wie der Pflug von Walle, die Sonnenscheibe von Moordorf oder die Goldschalen von Terheide werden in dem Zusammenhang näher erklärt. Erstmals erwähnt wurden die Friesen vom römischen Geschichtsschreiber Plinius, der sich aber nicht ganz sicher war, ob die Küstenregion zum Land oder zum Meer gehört. „Dort bewohnt ein beklagenswertes Volk hohe Erdhügel, die mit den Händen nach dem Maß der höchsten Flut errichtet sind“, notierte der Historiker. „In ihren Hütten gleichen sie Seefahrern, wenn das Wasser das sie umgebende Land bedeckt, Schiffbrüchigen, wenn es zurückgewichen ist und ihre Hütten gleich gestrandeten Schiffen allein dort liegen.“
Das Volk an der Küste war zäh
Die Friesen sollten sich jedoch als zäh und widerstandsfähig erweisen. Sie errichteten Deiche gegen die Fluten und setzten sich erfolgreich gegen Überfälle von Wikingern zur Wehr. Karl der Große gewährte ihnen daraufhin gewisse Privilegien, aus denen letztlich die Friesische Freiheit entstand. Während sich überall ringsum feudale Herrschaftsstrukturen etablierten, bildeten die sogenannten Sieben Seelande einen genossenschaftlich organisierten Bund von selbstständigen Landgemeinden.
Infos zum Buch
Das Buch „Geschichte Ostfrieslands“ von Carl-Heinz Dirks ist erschienen im Hamburger Ellert & Richter Verlag. Das Buch hat 192 Seiten. Es ist unter der ISBN 978-3-8319-0808-0 zum Preis von 25 Euro im Buchhandel erhältlich.
„Obwohl es nie gelang, alle Frieslande unter einen Hut zu bringen, versuchten sie dennoch, als Zeichen ihrer Zusammengehörigkeit einen gesamtfriesischen Landfriedensbund auf die Beine zu stellen“, schreibt Carl-Heinz Dirks. „Als Ort der Beschwörung von Recht, Friede und Freiheit diente ein mittelalterlicher Grabhügel westlich von Aurich: der Upstalsboom.“ Erst im 15. Jahrhundert konnte mit den Cirksenas eine Familie eine Vormachtstellung erringen. 1464 ließ sich Ulrich I. von Kaiser Friedrich III. zum Reichsgrafen ernennen.
Zuflucht für Piraten und religiös Verfolgte
Nichtsdestotrotz blieben die Ostfriesen ein eigenwilliges Völkchen. Mit der Hanse gab es regelmäßig Zoff, weil Piraten Unterschlupf geboten wurde. Als zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Reformation aufkam, entwickelte sich vor allem die Seehafenstadt Emden zu einem Zufluchtsort und Zentrum der religiösen Toleranz.
„In Emden wurden zeitweise 70 Prozent aller niederländischen calvinistischen Schriften gedruckt“, erläutert Carl-Heinz Dirks. „Und hier fand auch 1571 die Emder Synode statt, eine fast geheime Versammlung, auf der die Regeln für das Miteinander der reformierten Gemeinden festgelegt wurden. Wesentlich war dabei der Beschluss, dass jede Gemeinde ihre Angelegenheiten selbst regeln sollte, zum Beispiel auch die Wahl der Pastoren.“ Bereits 1545 hatte die ostfriesische Gräfin Anna eine Polizeiordnung verabschiedet mit Regelungen, die andernorts teilweise erst Jahrhunderte später übernommen wurden, wie zum Beispiel eine allgemeine Schulpflicht.
Ostfrieslands Berühmtheiten
Darüber hinaus hat Ostfriesland erstaunlich viele einflussreiche Persönlichkeiten hervorgebracht. David Fabricius und sein Sohn Johann, der 1611 als Erster eine wissenschaftliche Abhandlung über die Sonnenflecken veröffentlichte, zählten zu den bedeutendsten Astronomen ihrer Ära.
Der Philosoph Rudolf Eucken aus Aurich erhielt 1908 den Literaturnobelpreis. Die 1872 in Pewsum geborene Hermine Heusler-Edenhuizen war die erste offiziell praktizierende Frauenärztin Deutschlands. Auch der 2022 verstorbene Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen, der Frontmann der Techno-Formation „Scooter“ H. P. Baxxter und natürlich Blödelbarde Otto Waalkes finden Erwähnung.
Weitere Besonderheiten der Region dürfen nicht fehlen
In weiteren Kapiteln beschäftigt sich Carl-Heinz Dirks unter anderem eingehender mit der Klosterlandschaft des Mittelalters, diversen Sturmfluten, der Kultivierung der Moore, dem Fischfang und den Trinkgewohnheiten inklusive eines Exkurses zum ostfriesischen Nationalgetränk Tee. Allerdings wird gerade in diesem Abschnitt deutlich, dass Ostfriesinnen und Ostfriesen schon von jeher mindestens genauso manch hochprozentigen Tropfen zu schätzen wussten.
„Einen vergeblichen Versuch, die Einwohner von ihrer Trunksucht zu heilen, unternahm Anfang 1846 der preußische Jurist Albert Freiherr von Seld,“, steht in dem Buch von Dirks nachzulesen. „Seld war so beseelt von seiner Mission, dass er sogar zu Fuß von Ortschaft zu Ortschaft marschierte, um in Kirchen und Scheunen gegen das Laster des Trunkes zu wettern. Doch kaum ein Ostfriese mochte sich für die von Seld propagierte Abstinenz erwärmen. Nach sechs Monaten beendete der Baron entnervt seine Mission: Er habe noch kein Land gefunden, in dem die Mäßigkeitssache so viel Spaltung, ja Feindseligkeit hervorgerufen hätte wie in Ostfriesland.“