Sprachenstreit in Ostfriesland  Plattdeutsch-Autor weist Jungfriesen zurecht

| | 27.04.2023 10:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Schon Kindergartenkinder lernen Plattdeutsch. Foto: Archiv/privat
Schon Kindergartenkinder lernen Plattdeutsch. Foto: Archiv/privat
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Die Ostfriesische Landschaft verwässert mit ihrer Rechtschreibung das ostfriesische Platt. Sagt die Jungfräiske Mäinskup. „Völliger Unsinn“, entgegnet der Emder Autor Carl-Heinz Dirks.

Aurich/Emden - Der Verein Jungfräiske Mäinskup (Jungfriesische Gemeinschaft) nimmt für sich in Anspruch, das wahre ostfriesische Platt zu verbreiten. Seine Schreibweise bilde viel besser die tatsächliche Aussprache ab. Die Jungfriesen werfen der Ostfriesischen Landschaft vor, mit ihrem Standard-Niederdeutsch den Charakter des Ostfriesischen zu verwässern. Darüber hat diese Zeitung vergangene Woche berichtet. Dem Emder Plattdeutsch-Autor Carl-Heinz Dirks ist die Hutschnur hochgegangen, als er den Bericht las. Der 74-jährige pensionierte Lehrer ist Mitherausgeber der plattdeutschen Zeitschrift „Diesel“. Dirks wurde für sein Engagement für die plattdeutsche Sprache unter anderem mit dem Keerlke-Preis des Vereins Ostfreeske Taal, dem Niedersächsischen Verdienstorden und dem Fritz-Reuter-Literaturpreis ausgezeichnet.

Carl-Heinz Dirks befasst sich seit 50 Jahren mit der plattdeutschen Sprache. Foto: privat
Carl-Heinz Dirks befasst sich seit 50 Jahren mit der plattdeutschen Sprache. Foto: privat

Herr Dirks, Sie ärgern sich über die Jungfräiske Mäinskup. Warum?

Was die behaupten, ist völliger Unsinn.

Die Jungfräiske Mäinskup behauptet, die Ostfriesische Landschaft verwässere das ostfriesische Platt. Sie fordert eine andere Schreibweise.

Wie gesagt, Unsinn. Ich hab mit diesen Jungs auch schon mal Kontakt gehabt. Einer von ihnen war mein Schüler. Die setzen Sachen in die Welt, die von Ahnungslosigkeit zeugen. Die Landschaft hat es endlich geschafft, eine einheitliche Rechtschreibung für ganz Ostfriesland durchzusetzen, die man von Esens bis Bunde, von Westrhauderfehn bis Norddeich lesen kann – was unglaublich wertvoll ist. Wenn jeder so schreibt, wie er spricht, dann gibt es von Dorf zu Dorf Unterschiede. Schreiben und Sprechen sind zwei Paar Schuhe.

Die Jungfräiske Mäinskup ist der Ansicht, dass durch die Schreibweise der Landschaft das ostfriesische Platt verwässert werde. Sie beruft sich auf den Auricher Holger Weigelt, der schon in den 1970er Jahren die Vereinheitlichung der ostfriesischen Rechtschreibung zugunsten des Standard-Niederdeutschen kritisierte. Ostfriesisches Platt sei kein Plattdeutsch.

Holger Weigelt macht denselben Fehler wie die Jungfräisen. Er verwendet eine schwer zu lesende Schreibweise mit Sonderzeichen. Wir dagegen nehmen nur Buchstaben, die auch in der hochdeutschen Sprache vorkommen. Das schreibt und liest sich viel leichter. Damit gibt man natürlich nicht genau die Aussprache wieder. Das ist aber auch gar nicht nötig. Jeder, der Englisch gelernt hat, weiß, dass man Wörter ganz anders ausspricht, als sie geschrieben werden. Und jeder, der mal Leute aus Bayern oder Sachsen getroffen hat, weiß, dass die anders sprechen. Trotzdem haben wir alle dieselbe Rechtschreibung.

Ist das Platt der Ostfriesischen Landschaft denn nicht viel zu deutsch? Das kann man ja als nicht Plattdeutsch Sprechender problemlos verstehen. Geht da nicht das Ostfriesische verloren?

Unser ostfriesisches Platt ist kein Friesisch, sondern es ist Niederdeutsch.

Das sieht die Jungfräiske Mäinskup anders. Sie sagt, dass ostfriesisches Platt kein Plattdeutsch sei, sondern von friesischen Einflüssen geprägt.

Das ist nicht zu Ende gedacht. Ich beschäftige mich seit 50 Jahren mit Plattdeutsch. Ich habe auch Niederländisch gelernt. Was wir in Ostfriesland sprechen, ist Niederdeutsch mit friesischen Grundlagen. Bis etwa 1400 haben wir Friesisch gesprochen, was heute noch die Saterfriesen tun. Die haben das Ostfriesische bewahrt, auf einer Moorinsel mit vier Dörfern. Die hatten lange keinen Kontakt mit anderen Menschen. Wir in Ostfriesland haben das Niederdeutsche durch die Hanse übernommen. Wir haben friesische Elemente bewahrt, was sich in Wörtern wie mooi (schön), Wicht (Mädchen) oder Tuun (Garten) zeigt. Im Westen Ostfrieslands haben wir außerdem niederländische Einflüsse. Dass wir auch hochdeutsche Einflüsse haben, ist das Normalste der Welt. Das Plattdeutsche unterscheidet sich aber immer noch genug vom Hochdeutschen. Ich bin davon überzeugt, dass die Rechtschreibung der Landschaft, wie man sie im Online-Wörterbuch platt-wb.de findet, vorbildlich ist.

Abgesehen von dieser Meinungsverschiedenheit müssten Sie sich doch darüber freuen, dass sich junge Leute für den Erhalt der Regionalsprache einsetzen.

Ich finde es ganz toll, dass die Jungfräiske Mäinskup sich damit beschäftigt und etwas verbessern will. Aber wenn die Jungs Texte veröffentlichen, sagt der normale Mensch: „Das kann man ja gar nicht lesen.“ Die schaden der Sache mehr, als sie ihr nützen. Wir möchten doch, dass die Leute plattdeutsche Texte lesen. Dann muss man es dem Leser leicht machen, man darf ihn nicht abschrecken. Wie heißt es so schön? Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Das ist der Fehler, den diese jungfräisken Leute machen: Sie glauben, man muss die Fische erziehen.

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