Hamburg HPV-Impfquote: Warum sind die Unterschiede innerhalb Deutschlands so hoch?
In manchen deutschen Landkreisen liegt die Impfquote von HPV bei 77 Prozent, bei anderen nur bei 24 Prozent. Im Vergleich zu anderen Ländern schneidet Deutschland allgemein ziemlich schlecht ab. Dabei hat der Krebs sogar den Ruf des „Family Destroyer“.
Gebärmutterhalskrebs wird im englischen Sprachraum auch „Family Destroyer“, zu Deutsch „Familienzerstörer“ genannt. Betroffen sind nämlich oft junge Frauen, die gerade eine Familie gegründet haben und mitten im Leben stehen. Laut dem Statistischen Bundesamt sterben an der Krankheit durchschnittlich 1570 Frauen, jedes Jahr.
Dabei gibt es schon lange eine Schutzimpfung gegen Gebärmuterhalskrebs. Bereits seit dem Jahr 2007 empfiehlt die STIKO (Ständige Impfkommission) allen Mädchen die HPV-Impfung, mit dem Ziel, die Krankheitslast durch den Gebärmutterhalskrebs zu reduzieren. Und seit 2015 wurde die HPV-Impfung für den Altersbereich 9- bis 17-jähriger Mädchen sogar Teil des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung.
Mehr dazu: Warum die HPV-Impfung auch Jungs empfohlen wird, lesen Sie hier.
Trotzdem sind in Deutschland nur wenige Jungen und Mädchen – man könnte auch sagen zu wenige – vollständig gegen HPV geimpft. Warum, das versucht Expertin Dr. Anja Takla zu erklären. Sie arbeitet für das RKI (Robert Koch-Institut) in der Abteilung für Infektionsepidemiologie, Fachgebiet Impfprävention.
Frage: Frau Takla, die Impfempfehlung der STIKO gibt es seit 2007. Damals wurden Neun- bis Vierzehnjährigen eine HPV-Impfung empfohlen. Hat sich das in den vergangenen 16 Jahren geändert, weil Kinder heute früher geschlechtsreif sind?
Antwort: Aus meiner Sicht stellt sich weniger die Frage, ob die Impfempfehlung gegenwärtig nochmal angepasst werden sollte. Viel eher: Warum sind die Impfquoten in Deutschland so schlecht? Im Jahr 2021 lag die Impfquote für vollständig geimpfte Mädchen im Alter von 15 Jahren bei 54 Prozent und für Jungs bei 27 Prozent.
Anteil der Jugendlichen, die bereits zum ersten Mal Geschlechtsverkehr hatten:
Frage: Ist die Impfquote überall in Deutschland so schlecht?
Antwort: Man sieht massive regionale Unterschiede. Wenn Sie nach Sachsen-Anhalt gucken, sind dort über 70 Prozent der 15-jährigen Mädchen vollständig geimpft. Wenn Sie nach Bremen oder Bayern oder Baden-Württemberg schauen, dann sind es um die 45 Prozent, in Niedersachsen etwas unter 60 Prozent. Auf Landkreisebene öffnet sich die Spanne noch weiter: Der Landkreis mit der niedrigsten Impfquote 2021 lag bei 24 Prozent, der mit der höchsten Impfquote bei 77 Prozent. Bei den Jungen liegen die Impfquoten zwischen 8 Prozent und 49 Prozent.
Antwort: Im Vergleich: In skandinavischen Ländern liegt die Impfquote deutlich über 80 Prozent, in Portugal sogar bei 95 Prozent. Hätten wir solche Impfquoten in Deutschland, würde sich in zehn Jahren niemand mehr die Frage stellen, ob man sich auch noch als Erwachsener gegen HPV impfen kann und sollte oder was das bringen könnte. Dann wären die geimpften Kinder inzwischen erwachsen und von Beginn ihrer sexuellen Aktivität an bestmöglich geschützt. Das ist perspektivisch wichtig, darauf kommt es an.
Mehr Informationen: Das RKI hat 2021 in ihrem „Emidemiologischen Bulletin“ (eine wissenschaftliche Fachzeitschrift des Robert-Koch-Instituts) die Impfquoten der einzelnen Bundesländer veröffentlicht.
Frage: Woran liegt es, dass die Impfquote in Deutschland so schlecht ist?
Antwort: Das ist eine der großen Fragen. Da gibt es verschiedene Gründe, die einen Einfluss auf die HPV-Impfquote haben können. Dazu gehört unter anderem, dass HPV nicht so bekannt ist und als nicht so gefährlich oder als reine Mädchenimpfung wahrgenommen wird. Vielleicht werden Impfungen verpasst oder vergessen. Daneben könnte auch die Angst vor möglichen Nebenwirkungen der Impfung eine Rolle spielen, nur um ein paar der wichtigsten Gründe zu nennen.
Frage: Sind die Zahlen, beziehungsweise die Impfquote, heute besser?
Antwort: Wir können sehen, dass die Impfquote seit 2011 bei den Mädchen pro Jahr um etwa drei Prozent steigt, aktuell liegt sie bei 54 Prozent. Das heißt aber gleichzeitig, dass 46 Prozent der 15-jährigen Mädchen nicht geschützt sind. Wenn man darüber nachdenkt, ist das wirklich verrückt: Wir haben eine Impfung gegen Krebs, das allein ist bahnbrechend und etwas, wovon Generationen vor uns geträumt haben – und dann wird diese Chance aber nicht von allen genutzt!
Antwort: Um das noch einmal deutlich zu machen: Von der HPV-Infektion, häufig in den ersten Jahren der sexuellen Aktivität bis zur Diagnose Krebs vergehen im Schnitt zehn bis dreißig Jahre – dann sind Frauen meistens im Alter zwischen Ende Zwanzig und Mitte vierzig. Im englischsprachigen Raum wird Gebärmutterhalskrebs daher auch „Family Destroyer“ genannt. Einfach weil dies im Gegensatz zu vielen anderen Krebsarten Frauen in einem vergleichsweise jungen Alter betrifft, in dem die Familiengründung noch gar nicht lange her ist und sie häufig noch jüngere Kinder haben.
Antwort: Was die Jungen angeht, muss man abwarten, die Impfempfehlung besteht erst seit 2018. Dennoch ist es so, dass zum Beispiel in den skandinavischen Ländern die Jungenimpfung innerhalb von zwei Jahren nach Einführung in etwa der Impfquote der Mädchen entspricht. Bei uns lag sie drei Jahre nach der Impfempfehlung bei 27 Prozent.
Frage: Hat die Entwicklung in Zeiten der Pandemie, in der Impfungen oft diskutiert wurden, verändert?
Antwort: Nein, wir konnten in unseren Daten keinen „Einbruch“ oder eine Abnahme der HPV-Impfquoten beobachten, im Gegenteil. Auch während der Pandemie stieg die Mädchenimpfquote um 3 Prozent pro Jahr und nahm die Jungenimpfquote von etwa 5 Prozent in 2019 auf 27 Prozent in 2021 zu.
Frage: Eine der Hauptgründe, die Skeptiker bei Impfungen äußern, sind mögliche Nebenwirkungen. Kann die Impfung schaden?
Antwort: Natürlich ist keine Impfung komplett nebenwirkungsfrei. Zu diesen unerwünschten Wirkungen zählen auch bereits kurzzeitige Rötungen an der Einstichstelle oder Unwohlsein. Was mögliche unerwünschten Wirkungen bei der HPV-Impfung angeht: Es gibt dazu seit Zulassung der HPV-Impfungen im Jahr 2006 immer wieder umfangreiche Untersuchungen, auch von der WHO. 2018 hat sie zuletzt einen detaillierten Bericht veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt waren weltweit mehr als 270 Millionen Impfungen verabreicht worden. Bis auf Einzelfälle gab es keine anhaltenden oder die Gesundheit nachhaltig beeinträchtigende Nebenwirkungen. Wir reden hier wirklich von Einzelfällen. Deswegen: Die HPV-Impfung ist eine sichere und sehr gut wirksame Impfung.