Osnabrück  Berlins neuer Kultursenator: Welcher Joe Chialo soll es denn sein?

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 29.04.2023 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Einfach ein intelligenter Typ: Berlins neuer Kultursenator Joe Chialo. Foto: www.imago-images.de
Einfach ein intelligenter Typ: Berlins neuer Kultursenator Joe Chialo. Foto: www.imago-images.de
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Joe Chialo wird neuer Kultursenator in Berlin. Allein sein Lebenslauf durchkreuzt manche Erwartung, die an einen obersten Kulturfunktionär gestellt werden. Umso besser, finde ich.

Welchen Joe Chialo nehme ich denn jetzt? Den in der Windjacke oder den im Smoking? Nehme ich den Joe Chialo, der Friedrich Merz locker den Arm um die Schulter legt oder den am Rednerpult? Lässig wirkt er ja immer, cool ohnehin.

Welcher Joe Chialo soll es also sein? Bei der Suche nach einem Pressefoto, das ihn gut ins Bild setzt, entscheide ich mich am Ende für ein Porträt ohne Brimborium, das Joe Chialo als das zeigt, was er offensichtlich ist: ein intelligenter Typ.

Berlins neuer Kultursenator wirbelt die Wahrnehmungsroutinen durcheinander. Kein Wunder, bei dem Lebenslauf. Sohn tansanischer Diplomaten, Ordensschüler, Hardrocker, Musikmanager – und jetzt Kultursenator? Die Medien mühen sich ab mit der Einordnung dieser Personalie.

„Ein Türsteher übernimmt das Kulturreferat“, schreibt Franz Josef Wagner in der „Bild“. Türsteher. Was kann ein Schwarzer sonst auch sein? Auch so geht Abwertung, mit dem vergifteten Kompliment.

Schön ist das Leben, wenn es weitergeht. Für die Kultur gilt das ohnehin. Sie ist die Bühne, auf der wir uns darstellen, uns verständigen. Joe Chialo lebt, was zur Kultur passt: er ist offen in alle Richtungen. Sein Lebenslauf folgt keinem erwartbaren Karrieremuster. Umso besser, für Berlin, für die Kultur.

Hilmar Hoffmann, der wohl berühmteste Kulturdezernent der Bundesrepublik, forderte 1979 „Kultur für alle“, beschrieb 1990 „Kultur als Lebensform“. Die Buchtitel avancierten zu Slogans einer neuen, offenen Kulturpolitik. Was im Rückblick ein wenig bildungsbürgerlich klingt, ist heute immer noch die Aufgabe: Kultur als Lebensform für alle.

Ich bin sicher, dass Joe Chialo diese neue Lebensform gerade deshalb finden kann, weil er sie verändern wird. Ja, er ist hip und cool. Was ich wichtiger finde: Chialo bildet eine deutsche Gesellschaft ab, die nie zuvor so vielfältig und divers war wie heute.

Deshalb macht es jetzt auch keinen Sinn, mit Chialo den Hardrocker gegen den Fan der Klassik, Clubszene gegen Staatsoper auszuspielen. Chialo weiß am besten, dass dies alles in der Kultur zusammengehört. Erst recht in jener Metropole, die Berlin sein will.

Ich lobe Chialo. Und brauche dafür keine Vorschusslorbeeren. Denn eine Sache hat er ja schon richtig gut gemacht. Mit der Rektorin der Hanns-Eisler-Hochschule Sarah Wedl-Wilson als Kulturstaatssekretärin hat er eine Frau engagiert, die sich da auskennt, wo der Senator nicht zu Hause ist: in der Hochkultur.

Bravo, gut gemacht! Die Berliner werden sich auf die Zeit mit Joe Chialo freuen. Ich mache das auch.

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