Osnabrück Olaf Zimmermann: Kulturbetrieb am Ende des Wachstums angelangt
Der Kulturbetrieb muss sich das Wachstum abgewöhnen. Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutsches Kulturrates, fordert ein Umsteuern - und, dass auch Corona die Lehren gezogen werden.
Die Erfahrungen der Corona-Krise versteht Olaf Zimmermann als Warnzeichen. Der Kulturbetrieb habe sich als kleinteilig und verletzlich erwiesen. Jetzt ist nach seiner Meinung eine neue Verantwortungsgemeinschaft der Kultur gefragt. Zimmermann legt dazu eine Programmschrift vor: „Mein kulturpolitisches Pflichtenheft.
Frage: Sie haben Ihr „kulturpolitisches Pflichtenheft“ vorgelegt. Der Titel klingt streng. Soll Kultur denn nicht auch Spaß machen?
Antwort: Absolut. Kultur soll natürlich Spaß machen. Ich bin aber auch Protestant. Da geht das Pflichtgefühl immer wieder mit mir durch. Kulturpolitik wird mit Freude und Spaß, mit rotem Teppich, Sektempfang und Bussi-Bussi assoziiert. Ohne diese Freude kann es Kultur auch nicht geben. Aber es gibt eben auch die schnöde Kulturpolitik mit vielen Pflichten. Mit meinem Pflichtenheft will ich genau das zeigen. Ich wünsche mir mehr Ernsthaftigkeit in der kulturpolitischen Debatte.
Frage: Sie gliedern Ihr Buch in elf Oberbegriffe von Werte bis Krieg. Das klingt sehr unübersichtlich. Wie behält ein Kulturpolitiker da noch den Überblick?
Antwort: Kulturpolitik kann man nur in einem Wertekorsett machen. Diesen Rahmen möchte ich vorstellen, nicht mit wissenschaftlichen Aufsätzen, sondern kurzen Blitzlichtern. Damit möchte ich zeigen, warum für mich die Würde des Menschen zentral ist, warum wir uns gegen Zensur und Antisemitismus wenden müssen. Das sind wichtige Fragen. Sie werden aber zu selten klar benannt. Das wollte ich leisten. Mein Buch ist keine Bibel, aber eben mein kulturpolitisches Pflichtenheft.
Frage: Kultur hat es mit prekären Etats, der Klimadebatte, Chancen und Risiken der Digitalität zu tun. Entgleitet der Kulturpolitik da nicht die Steuerungsfähigkeit?
Antwort: Als Kulturpolitiker müssen wir uns bewusstmachen, dass wir die Aufgabe haben, zu steuern. Wir müssen Ziele definieren, gerade in der Zeit, in der Etats der Kultur eher stagnieren oder sogar sinken. Da kommt es gerade darauf an, zu sagen, was wir behalten wollten, worüber nachgedacht und was auch neu gemacht werden müsste. Wir wollen ja nicht nur restaurieren, was es einmal gegeben hat. Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind wichtig. Der Kulturbereich könnte dazu beitragen, den entsprechenden Bewusstseinswandel in der Gesellschaft mit anzustoßen.
Frage: Kultur folgt immer noch der Logik des Wachstums. Die Klimakrise zeigt Grenzen auf. Wie geht es für die Kultur weiter?
Antwort: Kulturmacher müssen sich fragen, ob die Idee des Wachstums wirklich gut ist. Die Pandemie hat uns schon mit einer sehr erschreckenden Erfahrung konfrontiert. Daraus müssen wir für die Kultur lernen. Ich finde, dass wir viel mehr auf die freie Szene schauen müssen, als immer nur auf die großen Kulturinstitutionen.
Frage: Wie sollte da denn umgesteuert werden?
Antwort: Die Corona-Krise hat uns gezeigt, dass der Kulturbereich sehr kleinteilig und kreativ, dabei aber auch extrem verletzlich ist. In diese Kleinteiligkeit müssen wir Strukturen einbauen, die künftige Krisen abfedern helfen können. Die vielen Kulturmacher müssen besser geschützt werden. Die großen Kulturhäuser haben auch eine Verantwortung für die freie Szene. Die gehören zusammen.
Frage: Müsste dann nicht auch der Begriff von Kultur anders gefasst werden?
Antwort: Ja, wir brauchen einen breiten Kulturbegriff. Es geht nicht nur um Hochkultur im engeren Sinn, sondern um ein breites Verständnis von Kultur. Unterhaltung gehört auch dazu, nicht nur die ernste Kultur.
Frage: Aber gibt es nicht auch Probleme in der Hochkultur, wenn man an Absatzfragen des Buchmarktes, an Theatersanierungen denkt oder daran, dass in der Debatte um die Gebühren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Sinfonieorchester der Sendeanstalten in Frage gestellt werden?
Antwort: Ja, das stimmt. Trotzdem sind große Kultureinrichtungen wie Theater, Museen oder Opernhäuser immer noch besser abgesichert. Das Thema des öffentlich-rechtlichen Rundfunks treibt mich sehr um. Wir brauchen eine Reform, dürfen aber keiner Zerschlagung zustimmen. Ich sehe zugleich, wie schwer es ist, Intendantinnen und Intendanten zu einer vernünftigen Lösung zu bewegen. Da sehen wir auch eine sehr geschlossene Struktur, der es schwerfällt, ihre Kulturverantwortung in vollem Umfang wahrzunehmen.
Frage: Wer in der Kultur umsteuern möchte, muss auch sagen, worauf verzichtet werden sollte. Worauf würden Sie verzichten wollen?
Antwort: Es gibt kein unbegrenztes Wachstum in der Kultur mehr. Schon das führt zu deutlichen Einschnitten im Kulturbetrieb. Wir sollten auch die Kulturangebote in den Städten und im ländlichen Raum gegeneinander abwägen. Bei allen notwendigen Veränderungen darf der ländliche Raum nicht auf der Strecke bleiben. Die Erfahrungen der Corona-Krise haben vor allem gezeigt, dass digitale Kulturerlebnisse nicht ausreichen. Die Menschen wollen das unmittelbare Kulturerlebnis. Viele haben das Digitale als Rettungsanker der Kultur gesehen. Das trägt aber nicht auf Dauer. Analoge Kulturereignisse bleiben zentral.
Frage: Was bedeutet denn die digitale Welt für die Kultur – Chance oder Risiko?
Antwort: Wenn es um die Bewahrung der Kulturschätze geht, müssen wir uns vor allem um die Originale kümmern. Digitalisierung ist notwendig. Sie bildet aber keinen Ersatz. Ich bin kein Feind der Digitalisierung. Computerspiele bereiten mir zum Beispiel großen Spaß.
Frage: Wie wird denn künstliche Intelligenz Kultur verändern?
Antwort: Darin liegt eine große Herausforderung. Programme wie Chat GPT werden fundamentale Auswirkungen auf die Kultur haben. Viele Dinge, die Menschen in der Kultur noch gemacht haben, werden in den nächsten Jahren wegfallen. Das wird die künstliche Intelligenz übernehmen. Das kann sie aber nur, weil sie sich an den kulturellen Beständen bedient. Ich finde es problematisch, dass diese Programme auch künstlerische Stile nachahmen und entwickeln können. Das bedeutet ein enormes Risiko für Künstlerinnen und Künstler. Es geht darum, wie man in der digitalen Welt auch künftig noch künstlerisch sein Geld verdienen kann. Ohne neue Rahmenbedingungen wird das nicht funktionieren.
Frage: Wie sollen die aussehen?
Antwort: Das ist eine wichtige Frage. Schauen Sie auf die Vereinbarungen, die YouTube vor einiger Zeit mit der GEMA geschlossen hat. Die Erlöse sind gering. Von dieser Honorierung kann man nicht leben. Und der Musikbereich ist in dieser Frage eigentlich schon sehr weit. Die großen Digitalunternehmen aus den USA oder China sind für uns sehr weit weg. Ohne massive Unterstützung aus der Politik haben wir gar keine Chance, auf die einen Einfluss zu nehmen, so dass sie bereit sein werden, etwas von ihren Gewinnen abzugeben.
Frage: Die Skandale der Documenta 15 um antisemitische Bilder und der Attacke des Tanzchefs Marco Goecke auf die Kritikerin Wiebke Hüster gehören auf den ersten Blick nicht zusammen. Eine Frage verbindet sie aber. Erweisen sich die Künste als weniger vertrauenswürdig, wenn es um menschliche Werte geht?
Antwort: Nein. Auch Künstler sind nur Menschen und eben keine Übermenschen. Sie sind in den gleichen gesellschaftlichen Debatten gefangen wie andere auch. Künstlerinnen und Künstler haben aber eine große Verantwortung. Die Documenta hat gezeigt, dass es nicht um Verbote geht, sondern darum, ob ich bereit bin, Verantwortung zu übernehmen. Für all das brauche ich einen Wertekanon. Dazu gehört: Zensur findet nicht statt. Das ist ein Konflikt, wenn ich ein antisemitisches Werk aus der Documenta entferne. Aber eines steht eindeutig fest, Antisemitismus und Rassismus darf es im Kulturbereich nicht geben.
Frage: Was muss sich dafür bei der Documenta ändern? Bleibt nur noch eine zahme Kunst?
Antwort: Nein, das denke ich nicht. Ich hoffe, dass die nächste Documenta in einer neuen Verantwortung stattfinden wird. Ich bin dafür, dass die Documenta in eine Stiftung des bürgerlichen Rechts überführt wird. Damit wäre eine gewisse Staatsferne garantiert. Die Kunstfreiheit muss gewahrt werden. Die Geschäftsführung der Documenta hat aber auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung. Sie kann sich bei Debatten, wie zuletzt um die antisemitischen Bilder nicht einfach zurückziehen. Die neue Struktur muss gewährleisten, dass Verantwortung wahrgenommen wird.
Frage: Wer stand dem denn bisher entgegen?
Antwort: Ich finde es gut, dass es jetzt in Kassel einen neuen Oberbürgermeister gibt. Dadurch haben wir die Hoffnung, dass neu über die Strukturen der Documenta gesprochen werden kann. Natürlich wird es die Documenta weiterhin geben, aber sie darf nicht so sein wie die letzte.
Frage: Inwieweit hat der Skandal der Documenta geschadet?
Antwort: Er hat ihr geschadet. Das ist sicher. Aber, eine Documenta, bei der es keinen Ärger gibt, ist keine Documenta. Das gehört einfach dazu. Bei der letzten Documenta ist leider einiges im Skandal untergegangen, was intensiver hätte besprochen werden müssen. Das betrifft vor allem Ideen, dass auch das Kollektiv der Künstler sein kann. Das ist ein neuer Begriff vom Künstler. Es wäre spannend gewesen, darüber zu diskutieren.
Frage: Joe Chialo soll Berlins neuer Kultursenator werden. Inwieweit verändert er die Rolle des Kulturdezernenten?
Antwort: Ich kenne ihn. Er ist ein guter und spannender Kulturmanager. Er wird frischen Wind in die Kulturpolitik Berlins tragen, gerade als sehr offener Typ, der die Kultur Berlins von der Soziokultur bis zur Hochkultur in seiner vollen Breite sieht. Er hat auch den wichtigen Bereich der Kulturwirtschaft im Blick. Diese Wahl ist exzellent.
Olaf Zimmermann: Mein kulturpolitisches Pflichtenheft. Deutscher Kulturrat. 978-3-947308-38-5, 216 Seiten, 19,80 Euro