Osnabrück Wichtig ist, schnell wegzukommen: Wo Kriminelle in Niedersachsen Bankautomaten sprengen
Wie viel Geld die Täter erbeuteten, ist unklar. Erkenntnisse gibt es hingegen dazu, wohin Teile der Beträge fließen. Allein seit 2019 sind in Niedersachsen 226 Bankautomaten gesprengt worden. Unsere Übersichtskarte zeigt, wo.
Sie kommen mit Autos, die oft gestohlen, manchmal gemietet, meistens ziemlich schnell und regelmäßig mit gestohlenen Kennzeichen versehen sind. Sie schlagen rasch zu und sind rasch wieder weg – wobei ihnen die Nähe von Autobahnen oder gut ausgebauten Bundesstraßen die Flucht erleichtert: Geldautomatensprenger halten seit Jahren Sicherheitsbehörden und Finanzinstitute in Atem und verursachen politische Debatten.
Etwa ab 2013 sind Geldautomatensprengungen in Deutschland nach Angaben des Bundeskriminalamtes eine Art Massenphänomen geworden. Die dafür verantwortlichen Netzwerke waren ursprünglich in den Niederlanden aktiv. Dort hatten Präventionsmaßnahmen den Tätern ihr Handeln erschwert, weswegen sie mehr und mehr auf die Bundesrepublik auswichen.
Das Landeskriminalamt hat seit 2019 allein in Niedersachsen 226 Fälle von Geldautomatensprengungen erfasst – wobei es in 47 Fällen beim Versuch blieb. Unsere Karte zeigt, wo genau und mit welchem Resultat die Täter in dieser Zeit zugeschlagen haben.
(Hinweis: Die einzelnen Punkte entsprechen nicht immer den exakten Tatorten innerhalb der Gemeindegrenzen.)
Wie viel Geld sie dabei erbeuten konnten, ist unklar. Das Landeskriminalamt macht dazu keine Angaben und beruft sich auf ermittlungstaktische Gründe. Auch die Banken selbst machen die Summen in der Regel nicht öffentlich.
Einen groben Anhaltspunkt liefern jährliche Lageberichte des Bundeskriminalamtes (BKA). Darin ist für das Jahr 2021 von einem Beuteschaden von 19,5 Millionen Euro die Rede, der aus insgesamt 392 Fällen resultiert. Dabei handelt es sich allerdings um einen Nährwert, da nicht in allen Schadensfällen die exakten Summen bekannt wurden. Im Jahr 2020 lag der Nährwert der Beuteschäden bei 17,1 Millionen Euro. Das BKA weist darauf hin, dass die von den Sprengungen verursachten Sachschäden üblicherweise – und oft deutlich – über jenen der Beuteschäden liegen.
In den ersten Jahren nach 2013 sprengten die Täter die Geldautomaten per Gasgemisch, das sie in den Automaten einleiteten. Seit etwa 2020 nutzen sie verstärkt sogenannte Festsprengstoffe, die eine deutlich stärkere Sprengwirkung haben. Sie reagieren damit auf Schutzmaßnahmen, die Banken und Hersteller von Bankautomaten ergriffen haben: Viele der Geräte sind mittlerweile so ausgestattet, dass sie explosive Gase neutralisieren können.
Zur Beschaffung der Sprengstoffe bauen die Täter offenbar grenzüberschreitende Logistikketten auf. Ein Schlaglicht darauf warf ein Fahndungserfolg der Osnabrücker Kriminalpolizei in Kooperation mit Europol vom vergangenen November. Die Ermittler stellten an verschiedenen Orten in Deutschland und den Niederlanden 350 Tonnen hochexplosiver Pyrotechnik sicher, die offenbar aus China in Richtung Niederlande geschmuggelt wurden. Nach Einschätzung der Polizei werden die Sprengstoffe etwa auch von Automatensprengern nachgefragt.
Über deren Hintergründe macht das niedersächsische LKA keine näheren Angaben. Als gesichert kann gelten, dass die kriminellen Netzwerke oft aus den Niederlanden agieren. Die erbeuteten Summen würden teils im Drogenhandel investiert, darauf deuteten Ermittlungsergebnisse aus den Niederlanden hin.
Sicher ist nach Angaben der Behörde, dass die Täter professionell und rücksichtslos vorgehen und bei ihren Aktionen die Verletzung unbeteiligter Personen in Kauf nehmen. Etwa, in dem sie Bankautomaten in bewohnten Häusern sprengen, wie es beispielsweise im Mai 2022 im emsländischen Twist der Fall war.
Die Täter nutzen für ihre Einsätze nach Angaben des LKA bevorzugt schnelle Fahrzeuge, die oft gestohlen und gelegentlich gemietet würden. Üblicherweise würden die Autos vor dem Einsatz mit gestohlenen Kennzeichen ausgestattet. Bei der Planung der Taten achten die Täter auf gute Fluchtmöglichkeiten: So würden bevorzugt Automaten gesprengt, die nahe an Autobahnen oder gut ausgebauten Bundesstraßen lägen.
Das erschwert es der Polizei oftmals, der Täter habhaft zu werden. Das BKA führt in seinen jährlichen Lageberichten regelmäßig eine dreistellige Zahl Tatverdächtiger auf. In wie vielen Fällen indes tatsächlich ein Fahndungserfolg gelänge, sei nicht genau zu sagen: Die Tätergruppierungen handelten schließlich grenzübergreifend und oft in mehreren Fällen. Für Niedersachsen spricht das LKA von einer Aufklärungsquote, die sich in den vergangenen Jahren stets im unteren zweistelligen Bereich bewegten.
Ein Fahndungserfolg aus dem Jahr 2021 führte der Öffentlichkeit die Arbeitsweise der Netzwerke zumindest teilweise vor Augen: Vor dem Landgericht Osnabrück mussten sich ab Sommer 2022 zwei Mitglieder einer Bande von Automatensprengern verantworten. Das Gericht wies ihnen eine Beteiligung an sechs Tagen nach und verurteilte beide zu mehrjährigen Haftstrafen. Sie hätten demnach im Vorfeld von Sprengungen Werkzeug und Fahrzeuge organisiert. Der Lohn: 80 Gramm Marihuana und 300 Euro.
Der Polizei gelangen in Niedersachsen zuletzt einige Fahndungserfolge noch während der Fluchtphase der Tatverdächtigen. So konnten etwa Beamten in einer Nacht Anfang Januar bei Lingen per sogenanntem „Stop-Stick“ ein Fluchtfahrzeug stoppen, dessen Insassen zuvor in der Lüneburger Heide einen Automaten gesprengt haben sollen. Ebenfalls im Emsland konnten Polizisten – mit Unterstützung einiger Jäger – Tatverdächtige stoppen, die zuvor einen Geldautomaten in Melle gesprengt hatten.
Die Banken haben auf die zahlreichen Vorfälle reagiert, indem sie die Bargeldsummen in den Automaten reduziert und die Zugänglichkeit von Automaten teils zeitlich eingeschränkt haben. Der Politik in Niedersachsen reicht das nicht: Innenministerin Behrens fordert etwa von den Banken, die Sicherheitsmaßnahmen zu verbessern. Automatensprengungen lägen „ganz eindeutig in der Verantwortung der Banken“, erklärte sie zuletzt im April. Der Sparkassenverband Niedersachsen erklärte kurz darauf, bis zum Jahr 2027 sämtliche Geldautomaten entsprechend nachrüsten zu wollen. Die Raiffeisen- und Volksbanken im Bezirk Weser-Ems kündigten ähnliche Maßnahmen an.