Hamburg So beschwerlich war der Weg unserer Autorin zur HPV-Impfung
Unsere Autorin wurde als Mädchen nicht gegen Gebärmutterhalskrebs geimpft. Sie will die „HPV-Impfung“ mit 26 Jahren nachholen, doch in diesem Alter übernimmt nicht jede Krankenkasse die Kosten und nicht jeder Arzt empfiehlt ihr die Impfung. Was soll sie tun? Ein Erfahrungsbericht.
Wer Sex hat, bekommt Chlamydien oder ungewollte Kinder. So vermittelte man es mir zumindest in der Schule. Mein Aufklärungsunterricht hätte, gelinde gesagt, besser laufen können. Ich wusste alles über HIV (Humanes Immundefizienz-Virus), aber kaum etwas über HPV (Humane Papillomviren).
Vielleicht fiel der Begriff „Gebärmutterhalskrebs“ mal in einer Unterrichtsstunde. Aber keiner (weder Lehrer noch Frauenarzt) erklärte mir, dass in Deutschland jährlich um die 1570 Frauen daran sterben und ich die Impfung nachholen kann.
Dass die Möglichkeit besteht, erfuhr ich erst durch eine Freundin – im Alter von 25 Jahren. Sie erzählte mir, dass sie die Krankenkasse wechseln wolle, weil sie sich gegen Gebärmutterhalskrebs schützen möchte. Nicht jede Kasse übernehme die Impfkosten für erwachsene Frauen – ihre beispielsweise nicht.
Zu Hause rief ich bei meiner Krankenkasse an: Tatsächlich bekommt man die sogenannte „HPV-Impfung“ bis zum 26. Lebensjahr erstattet – ich müsse die Kosten (dreimal 160 Euro) nur vorstrecken. Ob die Impfung in meinem Alter noch hilfreich sei? Darauf bekam ich keine klare Antwort.
Ich beschloss, einen Artikel über das Thema zu schreiben und mit einem Experten, einem Arzt, zu telefonieren. Das Interview verlief ungefähr so:
Ich: Sollte ich mich mit 25 Jahren noch gegen Gebärmutterhalskrebs impfen?
Arzt: Hatten Sie schon mal Sex?
Ich: Ähm … ja.
Arzt: Dann bringt das nichts mehr.
Ich: Aber meine Krankenkassen übernimmt die Kosten und die Impfung schadet doch nicht?
Arzt: Die schadet nicht. Trotzdem sollte man sich überlegen, ob man den Krankenkassen diese Kosten aufdrückt, wenn die Impfung keinen Nutzen mehr bringt. Wenn das jeder macht, gehen die pleite.
Der Arzt am Telefon vermittelte mir mit seinem harschen Ton das Gefühl: „Selbst Schuld, wenn Du nicht geimpft bist – jetzt ist eh zu spät. Der Krankenkasse unnötig Geld abluchsen? Frech!“ Ich beendete meine Recherche, impfen wollte ich mich auch nicht mehr – bis ein Jahr später zwei Bekannte an Krebs, auch Gebärmutterhalskrebs, starben.
Mehr dazu: Wie die Krankheit verläuft und warum sie „Family Destroyer“ genannt wird, lesen Sie hier.
Ich ging zu meinem Frauenarzt (mittlerweile ein anderer) und erzählte ihm von meinem Gespräch mit dem Experten. Er schüttelte den Kopf und erklärte, das sei Quatsch, mir könne die Impfung immer noch helfen. Wenige Tage später fragte ich eine weitere Ärztin um Rat. Auch sie meinte: „Machen Sie das, schützen Sie sich!“
Anteil der Jugendlichen, die bereits zum ersten Mal Geschlechtsverkehr hatten:
Mittlerweile 26 Jahre alt und vollständig gegen HPV geimpft, nehme ich wieder den Hörer in die Hand. Diesmal telefoniere ich mit einer Expertin, Anja Takla. Sie arbeitet für das Robert Koch-Institut (RKI) in der Abteilung für Infektionsepidemiologie, Fachgebiet Impfprävention.
Auf die Frage, warum sich die Ärzte bei dem Thema „als Erwachsener gegen HPV impfen“ so uneinig sind, sagt die Expertin: „Hier prallen zwei Betrachtungsweisen aufeinander: der Public-Health-Blick, der die Bevölkerungsebene im Blick hat, und der individualmedizinische Blick.“ Letzterer stelle den Einzelnen beziehungsweise die individuelle Geschichte in den Vordergrund. Die STIKO hingegen habe bei ihren Impfempfehlungen den Nutzen für die gesamte Bevölkerung zu berücksichtigen.
Mehr dazu: Heißt es HPV-Impfung, oder Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs?
„Wir wissen aus Studien, dass sich ungefähr 80 Prozent der Frauen im Laufe des Lebens mindestens einmal mit HPV infizieren. 40 Prozent der Frauen tun dies in den ersten zwei Jahren, nachdem sie sexuell aktiv geworden sind“, sagt Takla. „Demnach haben diese Studien gezeigt, dass Personen den größten Nutzen von der Impfung haben, die bisher noch nicht mit HP-Viren in Kontakt gekommen sind.“
Krebsarten mit der höchsten Sterberate bei Frauen in Deutschland im Jahr 2019 je 100.000 Einwohner:
Dennoch gäbe es eine Reihe von Hochrisikotypen. „Die Impfung kann also auch bei Erwachsenen noch einen Schutz gegen die HPV-Typen ermöglichen, mit denen (noch) keine Infektion stattgefunden hat“, so Takla. Eine Impfung entsprechend den STIKO-Empfehlungen – im Alter von 9-14 Jahren, beziehungsweise als Nachholimpfung bis 18 Jahre – sei aber der wirksamste Schutz vor HPV-bedingtem Krebs.
Aufgrund der individuellen Betrachtungsweise übernehmen viele Krankenkassen die Kosten für eine HPV-Impfung aber noch bis zum 26. Lebensjahr. Warum gerade 26 und nicht 20, oder 30? Weil die Teilnehmer der Zulassungsstudien für die Impfstoffe maximal so alt gewesen seien, vermutet die Expertin.
Durchschnittliche Anzahl an Sexualpartnern im heterosexuellen Kontext in Deutschland nach Alter und Geschlecht im Jahr 2019:
Was mich nervt: Ich mache mir selbst Vorwürfe. Bei dem Thema schwingt das Klischee der „reinen“ Frauen mit – wer noch nie Sex hatte, ist höchstwahrscheinlich nicht infiziert. Das Risiko, sich HP-Viren einzufangen, sei laut Anja Takla bei fünf Geschlechtspartner nicht fünfmal höher. „Aber man kann sagen, dass das Risiko nachweisbar steigt, je mehr Partner oder Partnerinnen ich habe oder gehabt habe.“
Und geschützter Sex, Kondome? „HP-Viren werden generell durch sehr engen sexuellen Kontakt übertragen. Das kann zum Beispiel auch schon beim Petting passieren“, sagt die Expertin.
Das einzige, was wirklich zu helfen scheint, ist die HPV-Impfung. Impfen können sich aber nicht nur Mädchen, sondern seit 2018 auch Jungs – im Alter von 9 bis 14 Jahren. Damit schützen diese nicht nur sich selbst, sie helfen zudem, die Verbreitung der Viren einzudämmen. Im Jahr 2021 lag die Impfquote für vollständig geimpfte Jungs aber bei gerade mal 27 Prozent.
Mir darf ich keine Vorwürfe machen, auch nicht den Eltern, die damals verunsichert wurden. Was besser werden muss, ist die Aufklärung an Schulen und die Kommunikation von (Frauen)-Ärzten und Krankenkassen.