Frankfurt Soll bald ein Roboter Fußballspiele pfeifen?
Was musste sich Fußball-Schiedsrichter Sascha Stegemann alles gefallen lassen, nachdem er Borussia Dortmund einen Elfmeter verwehrte... Das kann so einfach nicht weitergehen, meint unser Kolumnist Udo Muras. Sowieso gilt für ihn: Fehler sind menschlich – und soll etwa bald ein Roboter Fußballspiele pfeifen?
Der Meister 2023 trägt vielleicht doch nicht schwarz-gelb, für den Fall aber der Meistermacher. Die Schiedsrichterkluft ist der der Dortmunder Borussia ja nicht unähnlich, längst sind die einstigen „Männer in Schwarz“ bunte Spielfiguren. Ihrer Beliebtheit ist das nicht zuträglich, es spielt keine Rolle. Ihr Alltag besteht aus Beschimpfungen, Schweigen ist ihr Applaus. Wer 100 Spiele gut pfeift, ist den Fachleuten ein Begriff, wer eines verpfeift, ist über Nacht im ganzen Land bekannt. So geht es dieser Tage Sascha Stegemann, den sein 115. Bundesliga-Spiel ins Rampenlicht rückte, wo eigentlich kein Schiedsrichter stehen will.
Wie konnte er nur in Bochum keinen Elfmeter für Dortmund geben? Weil ihm passierte, was schon tausendmal passierte – er bewertete eine Zweikampfsituation, in die ein für Schwalben bekannter Borusse verwickelt war, falsch. Diesmal wurde Karim Adeyemi wirklich umgesenst und spätestens auf den zweiten Blick hätte es Elfmeter geben müssen. Den hat es im Fußball bis vor fünf Jahren noch nicht gegeben, doch mittlerweile haben Schiedsrichter acht Augen und sind sogar in der Lage, die Zeit zurückzudrehen. Wenn der VAR, die Geisel des Fußballs für alle Traditionalisten, dann auch nicht einschreitet, gibt es keine Gnade mehr vor den Stammtischgerichten, in den sozialen und asozialen Netzwerken schon gar nicht.
Stegemann und sein Blindenhund Hartmann, so lesen wir, haben die Meisterschaft entschieden. Nur seinetwegen wird die Bayern-Dominanz nicht gebrochen, die Auslandsvermarktung der Bundesliga kann man endgültig vergessen, alles geht bergab, manchen Spieler werden wir schon bald unter der Brücke schlafen sehen. Je unsachlicher die Argumente, desto heftiger die Wut. Stegemann ging, wie das mittlerweile üblich wird, in die Offensive und gab im TV-Studio seinen Fehler zu, aber ohne Polizeischutz wäre er womöglich nicht gekommen. Wegen Bedrohung seiner Familie musste er Strafanzeige stellen. Ja, wo sind wir denn? Mitten im Leben. Komme mir nur keiner mit einer neuen Dimension. Schon 1910, ich kann es gar nicht oft genug erzählen, sah man in Berlin einen Schiedsrichter mit Pistole auf dem Platz herumlaufen, aus Angst vor den Zuschauern. Unsere Bundesliga lieferte in den Gründerjahren so manche Wild-West-Szenen, die besonders für Schiedsrichter ungemütlich waren.
Wer in Kaiserslautern drei Tore gegen Bayern aberkennt oder drei FCK-Spieler vom Platz stellt, brauchte natürlich Polizeischutz. Mit Regenschirmen war es 1965 nicht getan, 1000 „Fans“ warteten vor dem Ausgang. Da steckten sie Ewald Regely besser gleich in eine Polizeiuniform und chauffierten ihren „Kollegen“ zu seinem Wagen. Da damals noch nicht mal ein Gedanke an Internet im Umlauf war, hatte er aber schon bald wieder seine Ruhe. Die Frau von Hans-Joachim Osmers musste 1994 nach dem berühmten Helmer-Tor allerdings schon den Telefonstecker ziehen, während das Haus von Journalisten belagert wurde.
Da das Spiel Bayern gegen Nürnberg wiederholt wurde, wurde ihm irgendwann verziehen, das gewann Bayern ja noch weit höher. So wurde er wenigstens kein Meistermacher wie Alfons Berg, der Eintracht Frankfurt 1992 in Rostock einen berechtigten Elfmeter verwehrte oder wie Markus Merk, der den Bayern 2001 in Hamburg einen indirekten Freistoß gab, der zumindest umstritten war und Schalke die Schale kosten sollte. Berg bekam wüste Anrufe auf seinem Weingut, Merk in der Zahnarztpraxis, wo sie das Telefon am Montag schon um zehn Uhr abstellen mussten, weil die Morddrohungen bei der armen Sprechstundenhilfe ankamen.
Der DFB setzte Berg drei Jahre nicht für ein Eintracht-Spiel an, dann durfte er sich sofort „Berg, Du Sau“-Sprechchöre anhören. Merk pfiff nie wieder ein Schalke-Spiel, und als er mal als TV-Experte vor Ort war, flogen Bierbecher und eine Billardkugel in seine Richtung – zehn Jahre später! Verziehen wurde ihnen nie von den Hardcore-Fans. Die hässliche Fratze derjenigen, die für Enttäuschungen die Gründe zuerst bei anderen suchen und Schiedsrichtern, die uns nach Vorfällen wie am Freitag erst recht ausgehen werden, ist immer gleich.
Verzerrt von Dummheit und Stumpfsinn und getrieben vom Wunsch nach einfachen Antworten wie „der Schiri muss ja bestochen sein“. Das wird so bleiben, solange es kein Hirn regnet, das für alle Menschen reicht.
Es sind nur die Transportwege, die sich ändern. Die Technik unserer Tage kann ja so viel. Vielleicht löst sie auch das Schiri-Problem? Längst gibt es Roboter, die Bomben entschärfen. Wenn das so weiter geht mit der Bedrohung von Schiedsrichtern, die sich in den unteren Klassen immer öfter in Tätlichkeiten ausdrückt, sehen wir vielleicht bald einen Schiri-Roboter. Mit künstlicher Intelligenz gespeist, würde er sich dann auf Fragen wie „War das ein Handspiel?“ selbst eine wohlformulierte Antwort geben und entscheiden können. Den Kölner Keller könnten wir schließen. Da der Schiri-Roboter keine Mailadresse hätte, müsste der Mob sich irgendwo anders abreagieren. Die Frage ist, ob wir das wollen? Oder nicht doch ein letztes Mal an die Vernunft appellieren sollten?