Umstrittenes Projekt in Emden  Immer mehr Gerede um die Sanierung des Borssumer Freibads

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 03.05.2023 20:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
So sah es vor wenigen Tagen auf der Baustelle des Borssumer Freibades. Das Foto haben wir von außen aufgenommen. Foto: Hanssen
So sah es vor wenigen Tagen auf der Baustelle des Borssumer Freibades. Das Foto haben wir von außen aufgenommen. Foto: Hanssen
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Die Stadt hält an der Eröffnung der Anlage in den Sommerferien fest. Doch die Zweifel daran häufen sich. Mittlerweile sprechen Fachleute auch von Baumängeln.

Emden - Mehr als ein Jahr nach dem Beginn der Sanierung mehren sich die Zweifel daran, dass das Freibad Borssum noch in diesem Jahr wieder eröffnet werden kann. Aber es könnte noch dicker kommen: Einige unbeteiligte Fachleute aus dem Schwimmbadbau haben sich nämlich unabhängig voneinander gegenüber diese Zeitung überzeugt davon geäußert, dass es nicht bei den bislang veranschlagten Kosten von rund vier Millionen Euro bleiben und das Vorhaben sich nochmals verteuern wird. Die Rede ist auch von schwer wiegenden Baumängeln und Lücken bei der Bauaufsicht.

Was und warum

Darum geht es: um die umstrittene Sanierung des Freibades Borssum

Vor allem interessant für: alle, die gerne schwimmen gehen, und diejenigen, die sich für Finanzen der Stadt Emden interessieren

Deshalb berichten wir: Es mehreren sich Zweifel an der Fertigstellung des Bades in diesem Sommer. Zudem sprechen Fachleute von schweren Baumängeln bei der Sanierung. Unsere Redaktion hat die Vorwürfe aufgegriffen und die Stadt damit konfrontiert.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Ein Fachmann, der namentlich nicht genannt werden möchte, hat dieser Zeitung eine Reihe von Mängeln bei der derzeit laufenden Sanierung des Schwimmbeckens in Borssum vorgelegt. Er stützt sich dabei unter anderem auf Fotos und Videos, die auf der Baustelle gemacht worden sind und dieser Zeitung vorliegen.

Einige Mängel sind selbst für Laien nachvollziehbar

Einige bauliche Mängel sind selbst für Laien nachvollziehbar. Beispielsweise soll es um die Verwendung von Kalksandsteinen beim Einbau der sogenannten Stehstufe an den Beckenwänden gehen. Diese Steine seien dafür ungeeignet, „weil sie Wasser aufnehmen und mit der Zeit vergammeln“, sagt der Experte. Diese Trittstufe werde sich deshalb später auflösen.

Das Tor des Freibades stand auch bei unserem Besuch offen. Foto: Hanssen
Das Tor des Freibades stand auch bei unserem Besuch offen. Foto: Hanssen

Gravierende Mängel will der Fachmann unter anderem auch bei der neuen Überlaufrinne ausgemacht haben. Sie sei „komplett beschädigt“, sagt der Fachmann, der diesem Bauteil eine Lebensdauer von zwei bis drei Jahren voraussagt. Ein Indiz dafür, dass schon jetzt Regenwasser von außen eindringe, seien deutlich erkennbare Roststellen an den Beckenwänden.

Baumängel traten bereits im Januar zutage

Einen weiteren Mangel, den der Experte aufführt, hatte Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) bereits im Januar öffentlich eingeräumt. Dabei geht es um das auf dem Beckenboden verlegte Rohrsystem, über das das gefilterte Wasser in das Becken zurückläuft. Es war fehlerhaft verlegt worden. Das hatte zu Verzögerungen bei der Sanierung des Bades geführt. Kruithoff betonte bereits mehrfach, dass die Sanierung des Bades „nicht vergnügungsteuerpflichtig“ sei.

In den vergangenen Wochen erhielt diese Zeitung wiederholt auch Hinweise, dass die Baustelle zeitweise komplett ungesichert und für jedermann frei zugänglich war. Die Baustelle hätte auf die Betrachter gewirkt, als sei dort eine Bombe eingeschlagen, heißt es. Die Stadt räumte gegenüber dieser Zeitung ein, es sei „wiederholt vorgekommen, dass die Baustelle nicht abgesichert wurde“. Das sei in der Zwischenzeit aber abgestellt worden.

Die Stadt will von Baumängeln nichts wissen

Von Baumängeln und einer mangelnden Bauaufsicht will die Stadt indes nichts wissen. „Es liegen in der gesamten Bauausführung keine Baumängel vor“, schreibt Stadtsprecher Eduard Dinkela dieser Zeitung auf Anfrage. Es habe während jeder Bauphase Zwischenabnahmen durch die Bauleitung gegeben. Jede Maßnahme werde zum Abschluss ebenfalls abgenommen und freigegeben. Davon sei auch die Bezahlung abhängig. Die Bauleitung liege beim Büro Thalen Consult, das auch mit der Planung beauftragt worden sei.

Ein weiterer Blick durch das offene Eingangstor des Freibades. In etwa dreieinhalb Monaten soll dort alles fertig sein. Foto: Hanssen
Ein weiterer Blick durch das offene Eingangstor des Freibades. In etwa dreieinhalb Monaten soll dort alles fertig sein. Foto: Hanssen

Laut Dinkela ist die Stadt alle 14 Tage bei Baubesprechungen mit der Bauleitung und den beteiligten Firmen vor Ort. Das Gebäudemanagement begleite diese Termine baufachlich. Die weitere Bauaufsicht übernehme die Bauleitung „nach Bedarf in eigenem Ermessen“, so der Sprecher weiter. Im Rahmen der Förderung des Projekts durch den Bund erfolge auch eine zusätzliche Überprüfung durch das staatliche Baumanagement.

Viele zweifeln an Eröffnung im Sommer

Die Stadt hält „laut aktuellem Bauzeitenplan“ nach wie vor an einer Wiedereröffnung des Bades „noch in den Sommerferien“ fest, die vom 6. Juli bis zum 16. August gehen. Daran glaubt aber mittlerweile kaum noch jemand, der in den vergangenen Tagen einen Blick auf die Baustelle werfen konnte.

Die Kosten für die Sanierung belaufen sich mittlerweile auf etwa vier Millionen Euro. Der Stadtrat hatte zuletzt im März einen „Nachschlag“ von 400.000 Euro unter anderem für eine neue Filteranlage bewilligt. Ursprünglich hatte die Stadt t rund 3,3 Millionen Euro für das Vorhaben veranschlagt. Damals hatte der Rat diese Summe gedeckelt, also nach oben begrenzt.

Kosten liegen bei vier Millionen Euro

Doch es kam anders: Im Dezember 2021 gab die Politik weitere 260.000 Euro frei, nachdem auch der Bund eine zweite Förderung für die Erneuerung der Technik bewilligt hatte. Insgesamt etwa 1,5 Millionen Euro fließen als Zuschüsse vom Bund. Berlin bewilligte die Fördermittel in zwei Chargen, die erste im Jahr 2019, die nächste zwei Jahre später.

Die zusätzlichen 400.000 Euro, die zuletzt bereitgestellt wurden, nimmt die Stadt aus dem städtischen Haushalt für 2023. Das Geld kommt aus dem Topf für Investitionen in den Sportstättenbau. Dafür waren ursprünglich insgesamt 700.000 Euro veranschlagt. Diese Gesamtsumme verringert sich also auf 300.000 Euro. Das geht zu Lasten von zwei geplanten Kunstrasenplätzen.

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