Osnabrück Das neue Biedermeier: Zieht sich eine Generation von der Welt zurück?
Es war der Inbegriff der Spießigkeit. Doch jetzt ist das Biedermeier wieder da. Die neue Bürgerlichkeit formt die Lebenswelt einer Generation. Aber wie innovativ kann sie dann noch sein?
Die Jugend ist links. Und rebellisch. Wirklich? Sozialforscher haben dieses Bild als überholt entlarvt. Doch gegenwärtig dreht der Trend noch einmal richtig. Kaum zu glauben, aber wahr: Das Biedermeier ist wieder da. Brav und bürgerlich, glücklich im trauten Nahbereich – eine junge Generation richtet sich ein in einer Welt ohne Reibung und Projekt.
Ihr Lieblingsspruch: Alles gut! Ihr Vehikel: Das Lastenfahrrad. Ihr Drink: Vegane Himbeermilch. Ihre Lieblingsfarbe: Beige. Ihre Vornamen: Maximilian und Sophie. Eine Karikatur? Vielleicht, aber eine, die trifft.
Wer seine Gegenwart verorten will, blickt zurück. In Krisenzeiten wird gern verglichen. Zuletzt schauten alle auf die Goldenen Zwanziger. Das kulturell produktive, aber politisch instabile Krisenjahrzehnt des frühen 20. Jahrhunderts entsprach der eigenen Lage wie ein gestochen scharfes Porträt. „Babylon Berlin“: Die Bestseller von Volker Kutscher und die anschließende ARD-Serie waren Kult.
Wie im Sketch von Loriot: Jetzt ist das Biedermeier wieder da. Unverhofft kehrt zurück, was im tiefen 19. Jahrhundert vergraben schien: die Lust am kleinen Lebensentwurf, an einer überschaubaren Lebenswelt.
Ein Schock? Ja, weil die Epoche des Biedermeier mit ihrer zurückgezogenen Selbstbezüglichkeit keinen guten Ruf hat. Bieder: Allein das Wort war ein Verdikt. Bis jetzt. Doch nun ist die Lust am Privaten wieder da.
Work-Life-Balance statt Arbeit im Ehrenamt, Bausparvertrag statt Parteibuch, Überblick statt Verausgabung: Sozialforscher beobachten schon seit einigen Jahren einen tiefgreifenden Wandel der Leitbilder. Früher hatten junge Leute nach dem Urteil der Eltern Flausen im Kopf, heute lieben sie den beruhigten Lebensentwurf. Verliert eine junge Generation ihr Innovationspotenzial, das sich immer auch aus Utopie und Widerspruch speist?
Heute stellen junge Frauen ihren perfekten Alltag auf Instagram aus. #that girl: Dieses Programm ähnelt verblüffend dem häuslichen Ideal jener Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der Revolution von 1848, in der eine ganze Gesellschaft in den Winterschlaf ging. Früher Hauskonzert, heute Büdchen-Bühne: Gerade die Freizeitwelten ähneln dem Programm des Biedermeier verblüffend. Alles ist wieder da – von Kommode in Beige bis zur Befindlichkeitsliteratur.
Das Biedermeier war eine Epoche der Enttäuschten, eine Ära, in der Menschen sich in jene Welten des Privaten und des Gefühls zurückzogen, wo sie Frustrationen des Kontrollverlusts verarbeiten und sich wenigstens noch als wirksam erfahren konnten. Kein Wunder in einer Welt, in der Monarchen den Weg zu freiem Wort und politischer Mitwirkung für eine Zeit lang noch versperrten.
Junge Leute leben heute wieder, was Jugendliche früherer Zeiten empört von sich gewiesen hätten – eine Bürgerlichkeit, allerdings ohne Engagement. Der Kursverfall äußerer Statussymbole wie des eigenen Autos signalisiert den Bedeutungsverlust klassischer Karriereerwartungen oder gesellschaftspolitischen Engagements.
Dabei liegt einer Generation mit vergleichsweise hoher Kaufkraft die Konsumkritik ebenso fern wie der Ausgriff in neue Areale der Selbstverwirklichung. Sicherheit scheint das dominante Paradigma zu sein. Aber wohin steuert eine Gesellschaft, wenn einer ganzen Generation der Ehrgeiz fehlt?
Dabei darf der Blick auf Generationen und ihre vermeintlichen Profile nicht in der kollektiven Schelte versacken. Im neuen Biedermeier steckt mehr als nur ein Trend. Wer früher aufbegehrte, sah Licht am offenen Horizont. Das zwanzigste Jahrhundert war, trotz aller Kriege und Krisen, eine Ära der Utopien und des Planungsdenkens. Veränderung zum Besseren: Das war Programm.
Soziologen beschreiben jetzt, was Andreas Reckwitz, einer ihrer Stars, als Krise der Spätmoderne bezeichnet. Modelle der mit Konsum und Selbstverwirklichung verknüpften Sinnsuche stoßen an ihre Grenzen. Utopien haben sich erschöpft. Reparatur statt Entwurf, Rettung statt Zugewinn: Der Soziologe Philipp Staab hat die Anpassung als Leitmotiv einer Gesellschaft ausgerufen, die Selbsterhalt über Selbstentfaltung stellen wird, ja stellen muss.
Erweist sich in dieser mit Stichworten kurz skizzierten Lage die Bürgerlichkeit des neuen Biedermeier dann nicht als die eigentliche Vernunft? Eine junge Generation ist längst ausgestiegen aus jener Steigerungsspirale, die ihre Eltern noch weitergedreht haben. Nicht nur der Ressourcenverbrauch stößt an seine Grenzen. Auch überkommene Glücksversprechen haben sich als fadenscheinig erwiesen.
Wer sich für den Nahbereich entscheidet, spürt vielleicht, dass ihm die draußen als entfremdet erlebte Welt wieder antwortet. Der Soziologe Hartmut Rosa wirbt für den Leitbegriff der Resonanz als Formel eines Verhältnisses zur Welt, das keine materiellen Werte braucht, um sich zu erfüllen. Auch im historischen Biedermeier hat ein ganzes Bürgertum nach jener Gefühlskultur gesucht, die in einer Welt katastrophaler Umbrüche noch Halt versprach.
Trotzdem wirkt das neue Biedermeier seltsam deplatziert. Der Rückzug in die überschaubare Welt des Privaten ist immer mit einem Verlust an öffentlicher und damit gesellschaftlicher Wirksamkeit erkauft. Ein hoher Preis.
Denn gleichzeitig starten noch jüngere Männer und Frauen, die sich als Aktivisten verstehen, in ihr neues Generationenprojekt. Ob die Vertreter des neuen Biedermeier beizeiten von dieser Jugend überholt werden?
Die Geschichte zeigt, dass niemals eine Generation allein das Feld beherrscht. Während zu Beginn des 19. Jahrhunderts biedere Bürger ihr Innenleben pflegten, entwarfen die Vertreter des politisch engagierten Vormärz gleichzeitig die nächste Gesellschaft. Eine interessante Parallele. Auch heute sind nicht alle brav und bieder. Zum Glück, oder?