Osnabrück  Der neue Tatort aus Kiel: Borowski und der Anfang vom Ende

Joachim Schmitz
|
Von Joachim Schmitz
| 04.05.2023 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Borowski (Axel Milberg) wird schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Seinen Fall muss er vom Bett aus lösen. Foto: NDR/ARD/Thorsten Jander
Borowski (Axel Milberg) wird schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Seinen Fall muss er vom Bett aus lösen. Foto: NDR/ARD/Thorsten Jander
Artikel teilen:

Der Tatort „Borowski und die große Wut“ ist für Axel Milberg der Anfang vom Ende. Wieder mal ein außergewöhnlicher und starker Tatort aus Kiel.

Jetzt tickt auch seine Uhr. Axel Milberg hat sich entschieden, mit dem Kieler Tatort-Ermittler Klaus Borowski seine Paraderolle 2025 an den Nagel zu hängen. Eine Vorstellung, an die seine aktuelle Krimipartnerin Almila Bagriacik im Interview mit unserer Redaktion im vergangenen Jahr noch gar nicht denken wollte. Nun ist sie eingetreten. Und vermutlich lag Milbergs Entschluss die Einsicht zugrunde, dass der Darsteller eines Tatort-Kommissars nicht deutlich älter sein sollte als ein Polizist, der im wahren Leben schon längst in den Ruhestand verabschiedet wurde – Milberg wird in zwei Jahren 69.

An den Drehbüchern wird es kaum gelegen haben. Die waren fast immer und sind immer noch gut. „Es gab im Tatort nie Routine, nichts wiederholte sich, jeder Kieler Tatort war anders,” sagte der Schauspieler bei der Bekanntgabe seines Rückzugs. Das trifft auch auf „Borowski und die große Wut” zu. Ein absolut außergewöhnlicher Tatort, der beim Festival des deutschen Films im letzten Jahr uraufgeführt und hoch dekoriert wurde: Das Autorenpaar Eva und Volker A. Zahn erhielt den Ludwigshafener Drehbuchpreis und Frederike Jehn gewann den Filmkunstpreis Ludwigshafen für die beste Regie.

„Borowski und die große Wut” braucht nur wenige Sekunden, um die Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Eine offenbar sehr wütende Jugendliche stapft durch Kiel, rempelt Passanten an und schubst eine klingelnde Radfahrerin - direkt vor einen Lkw. Ohne Tötungsabsicht, aber mit verheerenden Folgen: Die Frau auf dem Rad, Mutter zweier Kinder, stirbt noch am Tatort.

Und die Ereignisse überschlagen sich weiter: An einer nahegelegenen Berufsschule gibt es Hinweise, dass die junge Frau Celina Lüpertz gewesen sein könnte, eine für ihre Wutattacken bekannte Schülerin. Als Borowski sie zu Hause aufsuchen will, wird er hinterrücks mit einem Fleischklopfer niedergeschlagen und vor einem Krankenhaus abgelegt. Wenig später liegt Celinas Großmutter erstochen in ihrem Badezimmer. Die Jugendliche selbst ist spurlos verschwunden, mitsamt ihrer kleinen Schwester Finja.

Diese Finja ist es, die den schwer verletzten Borowski im Krankenhaus auf seinem Handy anruft und berichtet, dass ihre Schwester sie nicht gehen ließe. Wenig später meldet sich auch Celina bei dem Kommissar, ihre Anrufe werden zum roten Faden dieses Tatorts. Das Mädchen leidet unter einer unberechenbaren Impulskontrollstörung, Menschen wie sie nennt man heute gern „Systemsprenger”, Celina selbst sagt von sich: „Ich hab’ Bolleritis.” 

Zu dem Kommissar fasst sie vorsichtiges Vertrauen, schreckt immer wieder vor der eigenen Courage und dem Misstrauen zurück, legt auf, ruft wieder an, öffnet sich immer mehr. Und offenbart den Blick in eine geschundene Seele, die geprägt ist von Misshandlung im eigenen Elternhaus. Eine zentrale Figur, die erst ganz zum Schluss sichtbar wird und sonst nur zu hören ist.

„Du leitest keine Ermittlung, Du bist krankgeschrieben”, macht Borowskis Partnerin Mila Sahin dem Kommissar klar – aber natürlich versucht er, vom Krankenbett aus durch seine Gespräche mit Celina die Fälle zu lösen: die Attacke auf die Radlerin, den Mord an Celinas Großmutter und natürlich auch den Schlag auf seinen Kopf. Die parallelen Ermittlungen von Sahin und Borowski, der zunehmend sein eigenes Süppchen kocht, machen den Reiz dieses außergewöhnlichen Tatorts aus.

„Es gab eine gemeinsame Idee, wir wollten eine Herausforderung für uns alle, einen bedrohlichen Fall nur am Telefon zu erleben und zu lösen”, berichtet Milberg im Senderinfo: „Die Stimmen, der Zorn, die Gefahr, die Aussichtslosigkeit, die Überraschungen.”

Bei den Drehbuchautoren liefen Milberg und NDR-Redakteurin Sabine Holtgreve damit offene Türen ein: „Es gibt nichts Langweiligeres als Krimis, die nach dem immer gleichen Muster gestrickt sind,” sagt Volker A. Zahn. „Wir versuchen grundsätzlich, Geschichten für den Tatort anders zu erzählen.” So wie erst kürzlich geschehen beim sehenswerten Kölner Tatort „Abbruchkante”, zu dem Zahn und seine Frau ebenfalls das Drehbuch geschrieben hatten.

„Uns beschäftigt oft die Frage: Wann wird ein Opfer zum Täter? Und wir lassen uns dabei auch von realen Fällen inspirieren”, ergänzt Eva Zahn. Anregung für den neuen Borowski-Tatort sei der Fall eines Jugendlichen gewesen, der in seiner Familie misshandelt und erniedrigt worden war und eines Tages komplett eskalierte: „Dieser Moment der Eskalation interessiert uns, die fundamentale Frage, wie viel Eigenverantwortung jemand hat, der selber Opfer war und dann zum Täter wird.”

Und dann ist da noch die andere Krankenhauspatientin (Sophie von Kessel), die in Borowskis Zimmer am offenen Fenster raucht, seinen geschenkten Rotwein klaut, ihren Tumor hinter einem Treppensturz verbirgt - und in die sich Borowski ein wenig verliebt. Kein Kieler Tatort ist eben wie der andere, weiß nicht nur Axel Milberg. Und dieser ist ganz besonders speziell. 

Tatort: Borowski und die große Wut. Das Erste, Sonntag, 7. Mai, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen

Ähnliche Artikel