Frankfurt Glasner-Rauswurf: Frankfurt kann sein Glück nicht festhalten
Eintracht Frankfurt und Oliver Glasner gehen ab Sommer getrennte Wege. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Erfolgstrainer aussortiert wird - im Fußball zählt das Heute und nicht das Gestern, erklärt unser Kolumnist Udo Muras.
Der Bundesliga steht die nächste wundersame Trainerentlassung bevor. Noch sind die Debatten über Sinn und Unsinn der Trennung von Julian Nagelsmann in München nicht abgeflaut, spielt sich schon das nächste Drama bei einem Klub ab, der jüngst bewiesen hat, Titel gewinnen zu können. Europa League-Sieger Eintracht Frankfurt und Oliver Glasner können und wollen nicht mehr miteinander.
Die spinnen, die Hessen, sagen die Betrachter dies- und jenseits der Mainlinie. War der Österreicher nicht der Architekt einer Mannschaft, die Fußball-Deutschland stolz gemacht?
Seine Europa League-Sieger, die ersten deutschen seit 1997, hat er bekanntlich noch bis ins Achtelfinale der Champions League geführt, gegen alle Prognosen, Expertisen und Wahrscheinlichkeiten. Und jetzt steht Glasner mit der Eintracht im DFB-Pokalfinale. Ist das nichts?
Hat die Eintracht schon vergessen, wo sie herkommt? Aus der 2. Liga, vor elf Jahren zwar schon. Aber noch 2016 zappelte sie über dem Abgrund, ehe Niko Kovac sie in der Relegation rettete. Dann begannen die wundersamen Jahre, in der die Eintracht durchstartete und nicht nur in Mainhattan scharenweise neue Fans und Mitglieder rekrutierte.
Pokalfinale 2017, Pokalsieg 2018, Europa League-Halbfinale 2019, Pokalhalbfinale 2020, Europa League-Einzug 2021 und dann das Wunder von Sevilla 2022. Die Fans kamen aus dem Staunen gar nicht mehr raus, die Medien auch nicht. Was spielten die für einen spektakulären Fußball, mit ihrer „Büffelherde“ im Sturm, mit Flankengott Filip Kostic auf links und seit letztem Sommer mit dem Sturmpfeil Randal Kolo Muani, um den sich längst die Großklubs Europas balgen. Die meisten seiner Tore vorbereitet von Mario Götzes Zauberfüßchen. Ja, auch für einen WM-Helden war Frankfurt plötzlich ein hot spot.
Im Februar träumten die Fans auf Platz zwei von der Deutschen Meisterschaft, die sie sonst rituell nur vor dem Anpfiff besingen, weil es anno 1959 ja mal geklappt hatte. Die hier geschilderte Phase war nicht unwesentlich das Werk von drei Trainern und die Hessen schafften es, sich von keinem im Guten zu trennen.
Kovac konnte einem Bayern-Angebot nicht widerstehen, sein mit „Stand jetzt“ abgerundetes Bekenntnis zur Eintracht nahmen sie ihm übel. Er ging als Pokalsieger – gegen seinen neuen Verein – das ersparte ihm Schmähungen. Aber lieben werden sie ihn nicht mehr am Main, da ist die Ultra-Szene knallhart. Ein falsches Wort und du bist raus aus ihren Herzen. Bei Adi Hütter, der sicher den schönsten Fußball in Frankfurt spielen ließ seit Toppmöllers Zeiten vor 30 Jahren, waren es zwei Worte. „Ich bleibe!“, sagte er im Fernsehstudio und ging dann doch nach Gladbach, weil zeitgleich wie zuletzt auch in der Führungsetage Fluchtgedanken herrschten und Vertrauenspersonen abtraten. Wie nun auch Oliver Glasner eierte er wegen einer Vertragsverlängerung herum und sprang schließlich ab.
Bei Glasner wollen sie nicht mehr abwarten. Zu viel ging kaputt in den letzten Wochen durch unbedachte Worte auf Pressekonferenzen und schwache Leistungen auf dem Platz. Mittlerweile zehn Ligaspiele sieglos, sind die Hessen Neunter und wie im Vorjahr, als sie die Rückrunde ebenfalls austrudeln ließen und gar Elfter wurden, kann nur ein Pokalsieg die Saison retten. Den Trainer aber nicht mehr. Um das Frankfurter Talent, im Erfolg Fehler zu machen und das Glück nicht festhalten zu können, wird der Verein sicher nicht beneidet. War das nun nötig?
Der Fall Glasner zeigt, wie wenig der Erfolg vom gestern im Heute zählt. Neu ist das nicht: Ein Jupp Heynckes wurde in Madrid als Champions League-Sieger entlassen, Otto Rehhagel in München nach dem Einzug ins Uefa-Cup-Finale, Thomas Tuchel in Dortmund nach dem Pokalsieg und die Eintracht selbst trennte sich 1980 von Friedel Rausch trotz des Uefa-Cup-Gewinns.
Weil im Brot-und Butter-Geschäft der nationalen Meisterschaft die Erwartungen ausblieben und/oder sich im Alltag im zwischenmenschlichen Umgang Gräben auftaten, die auch ein strahlender Abend im Konfettiregen nicht dauerhaft zuschütten kann. Von daher handeln Vereine verantwortungsvoll, wenn sie stets abwägen zwischen dem, was war und dem was wohl kommen wird. Nur das Alte ist gesichert und deshalb wird es auch immer wieder Trennungen von Erfolgstrainern geben – und mit jeder werden die Ehemaligen größer. Weißt Du noch, damals unter Glasner? Was im Fußball bleibt, sind die Titel und nicht die siebten Plätze.