Landwirtschaft in der Krummhörn Das Ende der Rysumer Milchbauern
Gerd Uken geht in den Ruhestand. Er war der letzte Landwirt in Rysum, der Milchkühe gehalten hat. Für ihn ist es ein sehr emotionaler Abschied von einer langen Familientradition.
Rysum - Gerd Uken schaltet die Pumpe der Melkanlage an. Mit einem Schlauch macht er alles noch einmal sauber, bevor er seine Kühe in den Melkraum führt. Die Tiere stellen sich routiniert auf ihren Platz, Gerd Uken und seine Tochter Anna schließen die Schläuche an - „ein vorletztes Mal“, sagt der Landwirt sichtlich berührt. Am nächsten Morgen werden die Tiere noch einmal gemolken, bevor sie abgeholt und zu einem Landwirt in die Niederlande gebracht werden. Die erste Gruppe wurde schon vor ein paar Tagen abgeholt, nun ist der Rest dran. Gerd Uken ist der letzte Rysumer Landwirt, der Milchkühe gehalten hat. Nun geht er in den Ruhestand.
Was und warum
Darum geht es: Der Milchbauer Gerd Uken geht in den Ruhestand
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Deshalb berichten wir: Gerd Uken war der letzte Landwirt in Rysum, der Milchkühe gehalten hat. Die Autorin erreichen Sie unter: h.weiden@zgo.de
Uken hat den Hof in vierter Generation geführt - „genau 49 Jahre und elf Monate“, sagt der 65-Jährige. „Doch ich will nicht mit 70 noch im Melkstand stehen müssen. Irgendwann muss auch mal Schluss sein.“ Zuletzt hatte der Landwirt an die 50 Milchkühe gehalten.
Jedes Jahr hören drei Prozent der Betriebe auf
Laut Rudolf Bleeker vom Landwirtschaftlichen Hauptverein Ostfriesland hören in Ostfriesland jährlich etwa drei Prozent der Betriebe auf. Im Landkreis Leer etwa seien das bei aktuell 1000 verbleibenden Betrieben an die 30 Höfe. „Das sind vielfach kleinere Betriebe, wo es dann keine Nachfolge gibt“, sagt der Geschäftsführer des Leeraner Kreisverbands. Diese Beobachtung lässt sich demnach auf ganz Ostfriesland übertragen.
„Häufig sind es auch die Familienbetriebe, die eigentlich gut laufen“, sagt Bleeker. Dort käme das Ende dann oft schleichend: Wer keine Nachfolge habe, überlege sich doppelt, ob er noch größere Sanierungen und somit Investitionen in die Hand nehme. Er vermutet, dass die Betriebe, die unter 100 Milchkühe haben, längerfristig eher keine Zukunft haben werden. „Das ist wirklich schade“, sagt er.
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„Wachsen oder weichen“
„Wachsen oder weichen“, sagt dazu auch der Rysumer Landwirt Gerd Uken. „Die Milchviehbetriebe mit unter 100 Kühen werden wohl aussterben, wenn es so weiter geht.“ Aktuell bekomme er 40 Cent pro Liter Milch. „Ich bräuchte aber mindestens 42 Cent, damit es wirtschaftlich wäre.“ Auch die immer strenger werdenden Auflagen tragen ihren Teil zum Frust bei. „Es gibt einen Qualitätsmanagement-Katalog, mit Regeln, die man befolgen muss, und der ist knapp 100 Seiten lang“, sagt Uken. „Darum beneide ich meine Berufskollegen auf jeden Fall nicht.“
In dem Katalog werden etwa Regularien zur Tiergesundheit, zum Tierwohl, zur Hygiene, zur Nachhaltigkeit oder zu Qualitätsstandards festgelegt. „Das macht uns Sorge. Diese überordnenden Vorschriften“, sagt Rudolf Bleeker vom Landwirtschaftlichen Hauptverein.
Ohne Druck und Verantwortung
„Ich melde nun bei der Berufsgenossenschaft, dass ich keine Milchkühe mehr habe. Dann sag ich auch der Molkerei Bescheid, dass die nicht mehr kommen brauchen“, sagt Gerd Uken. Im Nebenerwerb wollen er und seine Tochter noch ein paar Tiere zur Fleischproduktion halten, doch das sei dann eher „hobbymäßig“ - und mit deutlich weniger Aufwand verbunden. „Der Druck ist nun weg, die Verantwortung ist weg. Ich muss nicht mehr jeden Morgen aufstehen zum Melken.“
Wenn Gerd Uken über das Thema spricht, wird er emotional. „Als die ersten Kühe abgeholt wurden, saßen wir am Küchentisch und hatten Tränen in den Augen“, sagt er. Einige Berufskollegen hätten sich schon bei ihm gemeldet und nach dem „Herzschmerz“ gefragt. Aber: „Es hätte noch schlimmer kommen können, denn es war ja ein selbstgewähltes Ende“, sagt der 65-Jährige. Gleichzeitig freut er sich aber auch über die neu gewonnene Freiheit: „Nächstes Jahr wollen wir uns vielleicht einen Wohnwagen kaufen und ein bisschen durch Deutschland tingeln.“