Verein vermisst Unterstützung  Will Aurich etwa gar nicht an die Bahn?

| | 11.05.2023 17:37 Uhr | 2 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Keine andere deutsche Stadt der Größe Aurichs ist ohne Anschluss an den Schienenpersonenverkehr. Foto: Archiv/Ortgies
Keine andere deutsche Stadt der Größe Aurichs ist ohne Anschluss an den Schienenpersonenverkehr. Foto: Archiv/Ortgies
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Die rot-grüne Landesregierung will stillgelegte Bahnstrecken reaktivieren. Nun fehle jemand, der für die Strecke von Aurich nach Emden trommelt, klagt der Verein „Aurich – ran an die Bahn“.

Aurich - Scheitert die Reaktivierung der Bahnstrecke von Aurich nach Emden für den Personenverkehr daran, dass die Ostfriesen nicht laut genug „hier“ schreien? Diese Befürchtung hegt der Verein „Aurich – ran an die Bahn“. „Es fehlt ein Signal aus der Region“, meint der Vorsitzende Helmut Wendt. Niemand ergreife die Initiative, um in Hannover lautstark diesen Schritt einzufordern. Dabei sei die Gelegenheit so günstig wie schon lange nicht mehr. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, sagt Wendt.

Die rot-grüne Landesregierung plant die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken. Bis zu 90 Prozent der Kosten werden vom Bund übernommen. Reaktivierungen seien ein wichtiger Baustein „unserer niedersächsischen Mobilitätswende“, hatte Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) am 11. April gesagt. An diesem Tag nahm im Ministerium in Hannover der Lenkungskreis Bahnstreckenreaktivierung seine Arbeit auf. Ihm gehören neben Landtagsabgeordneten unter anderem Vertreter der Landesnahverkehrsgesellschaft, der Kommunen und der Fahrgastverbände an. Die für eine Reaktivierung infrage kommenden Bahnstrecken würden ergebnisoffen untersucht, hieß es. Lies rief die Kommunen auf, bis Mitte Mai weitere mögliche Strecken zu nennen.

48 Briefe verschickt

Dem Minister fehle ein Signal aus Ostfriesland, sagt Wendt. Aus der Politik gebe es gut gemeinte Verlautbarungen und Absichtserklärungen, aber: „Es gibt keinen, der das mal in die Hand nimmt.“ Der 75-Jährige setzt nun auf die Kraft der Öffentlichkeit, auf Wirtschaft und Kultur. Er und seine Mitstreiter haben 48 Briefe an Unternehmen, Verbände und Institutionen geschickt. Die Adressaten werden aufgefordert, bis Mitte Mai eine Willensbekundung an Wirtschaftsminister Lies zu schicken. Dem Schreiben liegt ein Musterbrief bei.

Der Aufruf von „Aurich – ran an die Bahn“ ist unter anderem an den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) gegangen. Dessen Bezirksvorsitzender Erich Wagner (Hotel Zur Post, Wiesmoor) teilt das Anliegen, hat aber noch keinen Brief ans Ministerium geschickt, wie er einräumt. Dazu sei er noch nicht gekommen. Eine bessere Bahnanbindung wünsche er sich aber in jedem Fall. Immer wieder höre er von Urlaubern Klagen darüber, dass es daran mangele. „Wir müssen Gäste teilweise in Augustfehn abholen“, sagt Wagner. Er habe kürzlich Urlaub im Allgäu gemacht. Dort seien die Verbindungen viel besser als in Ostfriesland.

„Wir sind schon im Topf“

Muss Helmut Wendt sich nun grämen, dass Erich Wagner zwar auf seiner Seite ist, aber keinen Brief ans Ministerium geschickt hat? Ein klares Nein kommt dazu von Wiard Siebels (SPD). Der Auricher Landtagsabgeordnete ist Mitglied bei „Aurich – ran an die Bahn“ und hat einen kurzen Draht zum Ministerium. „Wir sind schon im Topf“, sagt Siebels. Gemeint ist damit die Liste der Bahnstrecken, die für eine Reaktivierung in Betracht kommen. Minister Lies habe die Strecke Aurich-Emden längst auf dem Schirm, da sie vor einigen Jahren schon einmal untersucht worden sei.

In einem standardisierten Bewertungsverfahren wird die Landesnahverkehrsgesellschaft nun die zu reaktivierenden Strecken auswählen. Dabei spielen neben Kosten und erwarteten Fahrgastzahlen auch soziale und ökologische Kriterien sowie die Bedeutung der jeweiligen Bahnstrecke für den Tourismus eine Rolle. In dieser Bewertungsmatrix komme es nicht auf politische Unterstützung an, sondern auf Fakten, sagt Siebels. Dennoch sei es sicherlich hilfreich, wenn sich viele Menschen aus der Region zu dem Projekt bekennen. Daher finde er Wendts Initiative gut.

Vorentscheidung bis Ende des Jahres

Unabhängig davon ist der SPD-Politiker „vorsichtig optimistisch“, dass die Bahnstrecke von Aurich nach Emden tatsächlich reaktiviert wird. „Wir müssen jetzt einfach unsere Hausaufgaben machen.“ Nach Angaben des Ministeriums werden bis Ende des Jahres die aussichtsreichsten Strecken ausgewählt. Diese werden dann einer detaillierten Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen. Die endgültige Entscheidung falle voraussichtlich in etwa vier Jahren.

Die Bahnlinie verläuft von Aurich über Abelitz (Gemeinde Südbrookmerland) nach Emden.
Die Bahnlinie verläuft von Aurich über Abelitz (Gemeinde Südbrookmerland) nach Emden.

Thomas Gehrke, 2. Vorsitzender von „Aurich – ran an die Bahn“, weist auf die Bedeutung der Bahnanbindung für junge Menschen hin. Nur wer ein gutes Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln biete, könne junge Leute in die Region locken. Die junge Generation sei nicht mehr auf das Auto fixiert. Gehrke ist überzeugt: Wenn das Angebot gut ist, folgen die Nutzer. „Das sieht man am Beispiel Esens-Sande.“ Die Fahrgastzahlen auf dieser Strecke überträfen die Prognosen um ein Vielfaches.

„Aurich – ran an die Bahn“ wünscht sich für die Bahnanbindung einen Fürsprecher, wie es der 2017 verstorbene Rolf „Tullum“ Trauernicht für den Lückenschluss der A 31 war. Der Unternehmer aus Großefehn hatte sich erfolgreich für die vorzeitige Fertigstellung der Autobahn zwischen dem Ruhrgebiet und Ostfriesland eingesetzt. Dafür hatte er Spenden gesammelt und seine ausgezeichneten Kontakte in Hannover genutzt. Im Dezember 2004, knapp zehn Jahre früher als geplant, wurde im Emsland das letzte Teilstück der A 31 freigegeben. Der ehemalige Landtagsabgeordnete und Auricher Bürgermeister Wolfgang Ontijd (CDU) erinnert sich noch gut an Trauernichts Auftritte in Hannover: „Vor Tullum haben alle strammgestanden“, sagt der 86-Jährige. „Wenn Trauernicht kam, dann dachte man, da kommt der liebe Gott.“

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