Osnabrück  Spritze zum Abnehmen: Was Sie über das angebliche Wundermittel Semaglutid wissen müssen

Alan Niederer
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Von Alan Niederer
| 16.05.2023 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die GLP-1-Medikamente müssen einmal täglich oder einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt werden. Foto: imago images/Shotshop
Die GLP-1-Medikamente müssen einmal täglich oder einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt werden. Foto: imago images/Shotshop
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Neue Schlankheitsmittel wie Semaglutid gelten als Durchbruch in der Behandlung der Fettsucht. Wie sie wirken, bei wem sie eingesetzt werden sollten und warum sie trotz aller Euphorie keine Wundermittel sind.

Beim Thema Übergewicht und Fettsucht (Adipositas) gibt es zwei düstere Wahrheiten. Erstens: Das Problem nimmt seit Jahren weltweit zu, mit enormen medizinischen und ökonomischen Auswirkungen. Zweitens: Nur eine kleine Minderheit schafft es, die überflüssigen Pfunde aus eigener Kraft zu verlieren. Es braucht deshalb wirksame Hilfsmittel.

Bisher basierte die Adipositas-Therapie auf den zwei Säulen Verhaltensänderung und Operation. Mit der Verhaltens- beziehungsweise Lebensstiländerung soll die körperliche Aktivität gesteigert und die Energieaufnahme gesenkt werden. Chirurgisch kann ein Magenband, eine Magenverkleinerung oder ein Magen-Bypass beim Abnehmen helfen.

Eine dritte Behandlungssäule – mit wirksamen Medikamenten – gab es bisher praktisch nicht. Denn die eingesetzten chemischen Substanzen waren im besseren Fall unwirksam oder nur gering wirksam – im schlechteren Fall waren sie so toxisch, dass Leute starben. Diese Zeit könnte mit den neuen Schlankheitsmitteln zu Ende sein.

Wie wirkt die Spritze zum Abnehmen? Es gibt mehrere Substanzen, die alle als GLP-1-Medikamente bezeichnet werden. Die Abkürzung steht für „Glucagon-like Peptide 1“. Das ist ein natürliches Darmhormon, das gebildet wird, wenn wir essen. Es hat verschiedene Wirkungen. Unter anderem sendet es über einen spezifischen Rezeptor Sättigungssignale ans Gehirn. Damit nehmen das Hungergefühl und der Appetit ab.

Die GLP-1-Medikamente sind fast perfekte Kopien des körpereigenen Eiweißstoffs. Sie werden deshalb auch GLP-1-Analoga genannt. Das „fast perfekt“ bezieht sich auf ein paar chemische Modifikationen. Dadurch bleibt das Medikament länger im Körper aktiv. Es muss deshalb – je nach Produkt – nur einmal täglich oder einmal wöchentlich verabreicht werden.

Unter der Behandlung mit einem GLP-1-Analogon verspüren die meisten Patienten weniger Hunger und sind beim Essen schneller satt. Viele berichten, dass sich ihre Gedanken weniger stark ums Essen drehten.

Wann kann eine Therapie sinnvoll sein? Aus medizinischer Sicht sollten zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens sollten die Patienten einen Body-Mass-Index (BMI) von 30 oder mehr haben – oder einen BMI von mindestens 27, wenn sie bereits Risikofaktoren haben, die mit Übergewicht assoziiert sind: etwa einen Diabetes, Bluthochdruck oder erhöhte Cholesterinwerte. Zweite Bedingung: Die Patienten sollten schon einmal versucht haben, ihr Gewichtsproblem mit Diät und mehr Bewegung in den Griff zu bekommen. Sind sie damit in drei bis sechs Monaten weniger als fünf Prozent des Körpergewichts losgeworden, ist ein Therapieversuch mit einem GLP-1-Medikament zu überlegen.

Diese Kriterien sollen verhindern, dass die Medikamente unreflektiert als trendige „Lifestyle-Mittel“ eingesetzt werden. Zudem sind die Substanzen in klinischen Studien nur bei Patienten getestet worden, die genau diese Bedingungen erfüllt haben. Bei allen anderen – insbesondere bei Personen mit weniger Übergewicht – sind sie nicht systematisch erprobt worden. Es ist daher möglich, dass dünnere Personen weniger Nutzen und mehr Nebenwirkungen haben.

Wie immer in der Medizin muss der Entscheid für oder gegen eine medikamentöse Therapie im Einzelfall gefällt werden. Dabei gilt es, den Nutzen und die Risiken der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten und des Nichts-Tuns sorgfältig gegeneinander abzuwägen.

Wie viel Gewicht nimmt man mit den Medikamenten ab? Für den einzelnen Patienten lässt sich das nicht voraussagen. Denn die Spannbreite ist riesig. Für Semaglutid zeigte eine 2021 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Untersuchung folgendes Resultat: Die mit der Wirksubstanz behandelten Probanden verloren in der 68 Wochen dauernden Studienzeit im Schnitt 14 Prozent ihres Ausgangsgewichts – in der Placebo-Gruppe waren es 2 Prozent. Wobei die Probanden in beiden Gruppen in gleicher Weise über Themen wie gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung instruiert wurden.

Werden bald weitere Medikamente auf den Markt kommen? Davon ist auszugehen. Neben weiteren GLP-1-Substanzen gibt es auch schon Medikamente mit doppeltem Wirkmechanismus. So simuliert Tirzepatid des Herstellers Eli Lilly nicht nur GLP-1, sondern auch noch ein zweites, ähnliches Hormon.

Tirzepatid soll noch wirksamer sein als die traditionellen GLP-1-Analoga. In einer 2022 im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichten Studie haben die damit behandelten adipösen Probanden im Durchschnitt 15 Prozent ihres Ausgangsgewichts abgenommen, in der Gruppe mit der höchsten Dosierung waren es sogar 21 Prozent Gewichtsreduktion. Zudem: Jeder dritte Proband in dieser Gruppe senkte sein Gewicht um 25 Prozent und mehr.

Wie werden die Medikamente verabreicht? Sie müssen an Bauch, Oberschenkel oder Arm unter die Haut gespritzt werden. Das kann der Patient selber vornehmen. Üblicherweise wird mit einer geringen Dosis begonnen. Diese wird dann langsam bis zur maximalen Dosis gesteigert. Falls der Patient die Dosiserhöhung nicht toleriert, kann die Behandlung auch mit geringerer Dosis durchgeführt werden.

Wann gilt die Therapie als erfolgreich? Der Gewichtsverlust sollte im ersten Monat mehr als zwei Kilogramm betragen. Nach drei bis sechs Monaten sollte der Patient mehr als vier bis fünf Prozent des Ausgangsgewichts abgenommen haben. Dabei gilt: Mehr ist besser. So kann ein Gewichtsverlust von fünf bis zehn Prozent das Risiko für einen Diabetes oder eine Herz-Kreislauf-Krankheit reduzieren. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die medikamentöse Therapie nur dann erfolgreich ist, wenn der Patient auch zu einem gesünderen Lebensstil mit mehr Bewegung und einer kalorienreduzierten Ernährung findet.

Welchen gesundheitlichen Nutzen hat die Behandlung? Auch wenn das Traumgewicht nicht immer erreicht wird, reduziert sich mit sinkendem Gewicht das Risiko für viele mit Übergewicht verbundene Krankheiten und Störungen, insbesondere von Diabetes und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Der medizinische Nutzen zeigt sich auch daran, dass sich mit der Gewichtsabnahme viele Biomarker wie die Cholesterin- und Blutzuckerwerte oder der Blutdruck verbessern.

Welche Nebenwirkungen haben die Medikamente? Generell werden sie gut vertragen. Das kann man deshalb sagen, weil man die Substanzen seit vielen Jahren als Diabetesmittel kennt. Zum Abnehmen werden sie aber meist höher dosiert. Damit steigt auch das Risiko für Nebenwirkungen. Die häufigsten betreffen den Magen-Darm-Trakt. Typische Symptome sind Übelkeit, Erbrechen, Durchfall oder Verstopfung und Bauchschmerzen. In seltenen Fällen kann das Medikament zur Entzündung der Bauchspeicheldrüse führen. Einige Patienten entwickeln Gallensteine. Wie bei allen chemischen Substanzen können auch schwere allergische Reaktionen auftreten.

Was passiert, wenn das GLP-1-Medikament abgesetzt wird? Das ist ein großes Problem. Denn viele Patienten nehmen dann wieder zu. Eine vor einem Jahr veröffentlichte Studie zeigte, dass Patienten ein Jahr nach dem Semaglutid-Stopp im Durchschnitt wieder zwei Drittel des verlorenen Gewichts zugenommen hatten. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass die Patienten nicht nur auf das Medikament setzen, sondern auch ihren Lebensstil verändern. Gelingt das nicht, muss man sich aus ärztlicher Sicht überlegen, das hilfreiche Medikament dauerhaft zu verabreichen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Neuen Zürcher Zeitung.

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