Hamburg Die Marine und der Schiffbau: Es wird Zeit
Die Zahl der Werftbeschäftigten wie auch der Marineschiffe ist auf einem Tiefpunkt. Beides muss sich ändern, wenn die Deutsche Marine fit für die Zukunft werden will. Wie die aussehen soll, haben IG Metall Küste und Staatssekretärin Siemtje Möller in Hamburg besprochen.
„Die Masse macht‘s“, so steht es im „Zielbild Marine 2035+“, das die Deutsche Marine Ende März als Grundlage ihrer Langfristplanung formuliert hat. Das ist nach Jahren der Schrumpfung eine gute, wenn auch späte Nachricht: Denn mit nur noch 14.000 Beschäftigten auf deutschen Werften hat der Schiffbau hierzulande einen „hoffentlich historischen Tiefpunkt“ erreicht, sagte Bezirkssekretär IG Metall Küste Heiko Messerschmidt beim Pressegespräch mit der parlamentarischen Staatssekretärin aus dem Bundesverteidigungsministerium Siemtje Möller.
Noch seien Expertise und Fähigkeiten im Marineschiffbau in Deutschland vertreten – Zeit also, sie endlich abzurufen. Das war die Nachricht, die die Gewerkschafter der Staatssekretärin mit auf den Weg gaben. Möller nannte den Marineschiffbau denn auch „systemrelevant“ und verwies ebenfalls darauf, dass „sicherheitsrelevantes Wissen“ in Deutschland erhalten bleiben müsse. Mit der vielbeschworenen „Zeitenwende“ hoffen sowohl Ministerium als auch Industrie auf kürzere Beschaffungszeiten und mehr Material.
Derzeit im Bau sind nach Angaben der Staatssekretärin unter anderem vier Fregatten, fünf Korvetten, die dringend benötigten Betriebsstofftanker, zwei U-Boote und drei Flottendienstboote – Tendenz steigend, denn nicht nur die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Werftindustrie ist auf einem Tiefpunkt, sondern auch die Anzahl der Marineschiffe.
Schiffe allerdings brauchen Mannschaften, und hier liegt das nächste Problem für die Marine: Wie überall in- und außerhalb der Bundeswehr herrscht Fachkräftemangel. Auf der größten Messe für Unterwasserrüstung UDT in Rostock war das eines der beherrschenden Themen in den Keynotes der Admiräle.
„Die Demographie arbeitet gegen uns“, sagte etwa Konteradmiral Axel Deertz, Chef des Stabes im Marinekommando in Rostock. Man schaue derzeit viel auf die äußere Bedrohung, dabei gebe es auch eine innere Bedrohung – nämlich die sinkende Geburtenrate. Der Fachkräftemangel macht sich dabei auch noch an anderer Stelle bemerkbar: „Wir brauchen Ingenieure und Mathematiker, das ist ein internationaler Markt. Wir von der Marine können aber nur im nationalen Markt rekrutieren“, sagte Konteradmiral Simon Asquith, der U-Boot-Chef der britischen Royal Navy. Jüngere Leute während der Einsätze für Monate vom Internet abzuschneiden sei zudem für die meisten von ihnen „unvorstellbar“. Gerade die Marine mit ihren langen Abwesenheitszeiten hat deshalb noch ein besonderes Attraktivitätsproblem.
Die Frage, die sich führende Marineoffiziere derzeit stellen: Wie kann man eine Marine mit 20 Prozent weniger Leuten betreiben? Eine Antwort, die sich auch im Zielbild Marine findet, lautet deshalb: durch unbemannte Systeme und künstliche Intelligenz. Ein möglichst umfassendes Lagebild ist für die Seekriegsführung ebenso unverzichtbar wie künftig eine „große Stückzahl“ unbemannter Systeme. Drohnen und Sensoren, die das Lagebild liefern, kleine U-Boote, die ohne Mannschaft an Bord auskommen und aus der Ferne gesteuert werden können – all das müsse zeitnah erprobt werden, damit die Systeme ab Mitte der 2030er Jahre auch wirklich zur Verfügung stehen und dann schnell beschafft werden können.