Organisierte Kriminalität Ostfriesland sagt Clans den Kampf an
Drogenhandel, Enkeltrick und explodierende Autos: Kriminelle Clans haben in Ostfriesland laut Polizei Hunderte Mitglieder. Ermittler und Behörden wollen den Banden das Leben schwer machen.
Ostfriesland - Am Dienstag machte das Urteil gegen Mitglieder des Berliner Remmo-Clans nach dem Juwelenraub aus dem Grünen Gewölbe in Dresden Schlagzeilen. Doch Clan-Kriminalität ist längst nicht nur ein Großstadtproblem: „Wer glaubt, Ostfriesland sei frei von dieser Thematik, der täuscht sich gewaltig“, sagt Stephan Zwerg, Leiter der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund. Acht Familien mit etwa 250 Mitgliedern rechnet er in den beiden Landkreisen der Clan-Kriminalität zu – und wird deutlich: Sie seien „ein Geschwür in der Gesellschaft“.
Dass Clan-Kriminalität längst in Ostfriesland angekommen sei, zeige auch der aktuelle Fall in Wittmund, wo am späten Sonntagabend ein Auto explodiert war – mutmaßlich, weil daran Sprengstoff angebracht wurde. Nun hat die Polizei zwei Männer festgenommen. Die Ermittlungen zu dem Fall liefen zwar noch, sagt Zwerg – doch einiges deute auf einen Zusammenhang mit Clan-Kriminalität hin.
Clan-Mitglieder haben „null Respekt vor der Polizei“
Gemeinsam wollen Polizei und Staatsanwaltschaft nun mit den Kreisverwaltungen in Aurich und Wittmund, den Kommunen sowie der Steuerfahndung in Oldenburg verstärkt gegen kriminelle Clans in der Region vorgehen. Eine Kooperationsvereinbarung wurde am Mittwoch in Aurich unterzeichnet. Geplant sei eine solche Zusammenarbeit auch für den Bereich der Polizeiinspektion Leer/Emden, sagt Bernard Südbeck, der Leiter der Staatsanwaltschaft Osnabrück. In Leer solle die Vereinbarung womöglich schon in der kommenden Woche unterschrieben werden.
Seit 2020 ist die Osnabrücker Staatsanwaltschaft eine von vier Zentralstellen zur Bekämpfung von Clan-Kriminalität in Niedersachsen. Südbeck hat in diesem Zusammenhang schon einiges erlebt: Mit dem Enkeltrick und anderen Betrugsmaschen – etwa über fadenscheinige Schlüsseldienste –, aber auch über Drogenhandel würden die Clans an große Mengen Geld kommen. Die Mitglieder hätten hierbei „null Respekt vor der Polizei“ und würden kaum eine Straftat auslassen.
Enger Austausch soll zu mehr Hinweisen auf Clan-Strukturen führen
Das Geld fließt laut Südbeck dann in Häuser und Luxusautos. In Leer habe man ihm berichtet, dass es dort mehrere Familien gebe, „die jede Immobilie, die auf den Markt kommt, kaufen“, sagt der Oberstaatsanwalt. Autos beispielsweise seien aber häufig über Strohmänner angemeldet, was es den Ermittlern erschwere, diese zu beschlagnahmen. Mit dem illegal erwirtschafteten Reichtum würden die Clan-Mitglieder allerdings in Videos für ihre Freunde protzen und damit wertvolle Hinweise liefern. „Das ist natürlich unser Vorteil“, so Südbeck.
Bei der Kooperation gehe es darum, solche Hinweise wahrzunehmen und untereinander auszutauschen. „Die Clans bilden Netzwerke. Wir sagen: Wir auch“, kündigt Südbeck an. „Die Clans holen ihre Brüder, wir unsere Kollegen.“ So wolle man künftig, wenn Ermittler von Polizei oder Zoll einen verdächtigen Betrieb unter die Lupe nehmen, auch gleich Beschäftigte von Gewerbe- und Bauaufsicht mitnehmen. Wenn man Clans nicht wegen krimineller Machenschaften drankriegen könne, dann ja vielleicht wegen einer fehlenden Genehmigung oder eines mangelhaften Brandschutzes. „Man findet immer irgendetwas“, sagt Südbeck. Er spricht beim Kampf gegen Clan-Kriminalität von einer „Strategie der 1000 Nadelstiche“. Wichtig sei hierbei: „Jede Sache wird angezeigt.“ Kein Vergehen dürfe wegen Geringfügigkeit oder gegen eine Geldauflage eingestellt werden.
Diese Konsequenz zeige man auch bereits beim Landkreis Aurich, wenn Beschäftigte etwa im Jobcenter Probleme mit mutmaßlichen Clan-Mitgliedern hätten, sagt Landrat Olaf Meinen (parteilos): „Wir erleben das immer wieder, dass es zu Bedrohungen kommt.“ Solche Vorfälle würden konsequent angezeigt. Dadurch, dass es Gespräche nur noch nach einer Terminvereinbarung gebe, habe man das Problem aber eindämmen können.