Verhütung – endgültig unfruchtbar  Ein Leeraner erzählt über seine Sterilisation

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Von Ute Nobel
| 23.05.2023 11:26 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Spontan und ungezwungen seinen Gefühlen nachgehen: Immer mehr Ostfriesen lassen sich sterilisieren. Foto: Adamkontor/pixabay
Spontan und ungezwungen seinen Gefühlen nachgehen: Immer mehr Ostfriesen lassen sich sterilisieren. Foto: Adamkontor/pixabay
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Eine kleine OP und die Samenleiter sind durchtrennt. Ein Leeraner erzählt über Beweggründe, Ängste und wieso viele bei dem Thema wieder zum Pubertierenden werden.

Ostfriesland - Pille, Spirale oder doch Kondom? Spätestens wenn die Familienplanung abgeschlossen ist, kommt die Frage: Wie verhüten wir und was funktioniert langfristig für uns am besten? Immer mehr ostfriesische Männer entscheiden sich für die endgültige Variante und lassen sich sterilisieren - Vasektomie ist der Fachbegriff dafür. „Die Anfragen sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Aktuell führen wir 250 bis 300 Vasektomien im Jahr durch“, sagt Urologe Dr. Harm Diddens aus dem Vasektomiezentrum Nordwest in Leer.

Auch der 35-jährige Lars (Name von der Redaktion geändert) hat sich dafür entschieden, seiner Fruchtbarkeit ein Ende zu setzen. Er ist dreifacher Familienvater und wohnt mit seiner Frau und den Kindern in Leer. Die Operation ist erst wenige Wochen her, die Eindrücke noch frisch. Die Entscheidung, sich sterilisieren zu lassen, fiel aber schon viel früher. „Als ich wusste, dass ich mal Kinder haben werde, wusste ich auch, dass ich mich irgendwann sterilisieren lassen will“, sagt er. Dennoch sei es eine gemeinsame Entscheidung gewesen, die er mit seiner Frau besprochen habe. „Mir war es wichtig, dass wir uns vorher absolut einig sind. Hätte es einen Restfunken Zweifel gegeben, hätte ich es nicht gemacht“, sagt Lars.

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Unterkörper mit einem Tuch abgehängt

Erst gab es ein Vorgespräch in dem Krankenhaus, für das sich Lars entschieden hatte. Dann stand der Termin für die OP fest. Angst vor dem Eingriff habe er nie gehabt, aber eine andere Sorge wollte er vorher noch aus der Welt schaffen, erzählt der 35-Jährige. „Ich habe meine Frau auch ganz klar gefragt: Macht das was mit dir, der Gedanke, dass ich dann unfruchtbar bin? Macht das was mit deiner sexuellen Anziehung mir gegenüber, mit deiner Vorstellung?“ Eine Nacht vor der Operation sei dann das Gedankenkarrussell noch einmal angesprungen, erzählt Lars. „Da wurde mir noch mal ganz deutlich: Das ist dann endgültig vorbei.“ Seine Entscheidung steht aber fest. Am nächsten Morgen fährt er zum Krankenhaus. „In dem Moment, als es dann losging, war ich schon angespannt“, so der Leeraner. Sein Unterkörper sei mit einem Tuch abgehängt worden, die Operation findet bei vollem Bewusstsein, lediglich mit einer lokalen Betäubung statt. Nach 20 Minuten ist der Eingriff vorbei, die Samenleiter sind durchtrennt: Lars ist jetzt unfruchtbar. „Wobei, nicht ganz“, erzählt er im Gespräch mit der Redaktion. „Man muss nach der Operation noch zwei Spermaproben abgeben. Dann wird untersucht, ob wirkliche keine fruchtbaren Spermien mehr vorhanden sind.“

Für ihn sei die Vasektomie befreiend gewesen, sagt Lars. „Wir müssen uns nun keine Gedanken mehr über Verhütung machen. Man muss nicht immer schnell noch ans Kondom denken, man kann jetzt ganz spontan sein.“ Es sei ein gutes Gefühl von innerer Freiheit. Auch körperlich macht sich der Eingriff bemerkbar, sobald die Betäubung nachlässt: Ein Ziehen in der Leistengegend. „Ein bisschen so, als hätte man einen Ball auf die Eier gekriegt“, sagt Lars. „Aber absolut auszuhalten.“

„Manche denken, es kommt dann nichts mehr raus“

Mit seiner Frau habe Lars über alles ganz offen sprechen können. Anders sei es, wenn man das Thema in einer Männerrunde anschneide, erzählt der 35-Jährige. „Wenn Männer über Sterilisation sprechen, fehlt häufig die Ernsthaftigkeit.“ Viele witzelten erst einmal. „Teilweise, als würde man mit Pubertierenden sprechen.“ So etwas wie: „Hast du dann hinterher auch eine höhere Stimme?“, sei noch eine eher harmlose Bemerkung gewesen. „Ich denke, dass da Angst oder Verunsicherung eine große Rolle spielen“, meint Lars. Im Gespräch hätte er dann oft gemerkt, dass es auch Unwissenheit ist. „Manche denken, bei einer Ejakulation kommt dann nichts mehr raus“, sagt Lars. „Dabei merkt man rein körperlich überhaupt keinen Unterschied.“

Dass das Thema belächelt wird, passe nicht mehr in unsere Zeit, findet der Familienvater. „Verhütung sollte immer Thema von den beiden Menschen sein, die miteinander Sex haben“, sagt er. Es gebe immer noch viel zu viele Männer, die sich da so wenig in der Verantwortung sehen. „Ich finde, jeder Mann ist in der Pflicht, sich darüber Gedanken zu machen, dass Verhütung eben auch in der Verantwortung des Mannes liegt.“