Berlin  Sexuelle Gewalt gegen Kinder: Die drei großen Wissenslücken

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 23.05.2023 17:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Kindeswohlgefährdung Foto: dpa
Kindeswohlgefährdung Foto: dpa
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Das BKA und die Missbrauchsbeauftragte haben Zahlen zur sexuellen Gewalt gegen Kinder in Deutschland vorgestellt. Das Fazit: Die Behörden wissen viel zu wenig. Aber nicht nur bei den Institutionen gibt es Wissensdefizite.

„17.437 Kinder wurden 2022 missbraucht oder vergewaltigt – 48 Ermittlungen pro Tag – Werte gleichbleibend hoch.“ Diese Zahlen haben das Bundeskriminalamt und die Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs jetzt vorgestellt. Klingt präzis, besagt aber – fast gar nichts.

Die Beauftragte Kerstin Claus sagte nämlich auch dies: „Trotz all dieser Zahlen ist die zentrale Frage auch heute von uns nicht zu beantworten: Wie groß ist das Ausmaß sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen tatsächlich?“

Demnach haben die Behörden keinerlei Vorstellung von der Dunkelziffer. Niemand weiß, ob die tatsächlichen Fallzahlen steigen oder sinken. Die exakt 17.437 abgeschlossenen Polizeiermittlungen werden nicht einmal mit schon vorhandenen Daten aus Justiz, Jugendhilfe und Gesundheitssystem abgeglichen. Wie in der Pandemie pflegt Deutschland auch bei der sexuellen Gewalt gegen Kinder die Ahnungslosigkeit.

Nicht nur die Behörden, jeder einzelne weiß zu wenig. Kinder verstehen nicht, was da massenhaft auf ihren Handys kursiert. Gegen 17.549 Minderjährige wurde 2022 Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen ermittelt. Zwölfmal so viel wie vor fünf Jahren. Die meisten leiten dabei einfach nur die Bilder weiter, mit denen sie allein gelassen sind. Trotzdem binden sie Kräfte der Polizei, die eigentlich die Missbraucher verfolgen sollte.

Auch Eltern müssen noch begreifen, womit Schüler konfrontiert sind: mit strafbaren Bildern realer Gewalt. Das ist eine Erfahrung, die Kinder der 80er und 90er nie gemacht haben. Diese Generation hat, wenn überhaupt, nur die legale Pornografie entdeckt, die Väter oder große Brüder unter der Matratze versteckt hatten.

Wer Missbrauch verhindern will, muss Bescheid wissen. In den Familien braucht es das Gespräch über Sex, Einvernehmlichkeit und den Unterschied von Pornos und Bildern sexueller Gewalt. Für den Staat schlägt die Missbrauchsbeauftragte eine neue Forschungsstelle vor. Die jährlichen Kosten veranschlagt sie mit 1,7 Millionen Euro. Wenn sie das Dunkelfeld ausleuchtet, wäre das nicht viel.

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